12. Oktober 2018

Hospiz- und Palliativmedizin

Die Angst vorm Sterben nehmen

Seit 1996 hat sich die Zahl der Hospize und Palliativstationen in Deutschland verdreifacht. Sie machen ein Sterben in Würde und ohne Schmerzen möglich. Doch immer noch wissen die Menschen zu wenig darüber. Deshalb nutzen Einrichtungen den Welthospiztag am Samstag, um über ihre Angebote zu informieren. Auch Dennis Göbel, Vorstand der Stiftung kreuznacher diakonie, will die Hospizidee weiter voranbringen.

Portrait

Dr. Dennis Göbel ist seit 1. Juli Vorstand der Stiftung kreuznacher diakonie und dort verantwortlich für sechs Krankenhäuser und vier Hospize in Rheinland-Pfalz und im Saarland.

Der Welthospiztag steht in diesem Jahr unter dem Motto "Weil du wichtig bist". Doch viele todkranke Patienten und ihre Angehörigen haben insbesondere in den Kliniken nicht das Gefühl, dass sie wichtig sind. Was tun Sie in der Stiftung kreuznacher diakonie, um das Motto mit Leben zu füllen?

Wir klären unsere Patienten so früh wie möglich über unsere ambulanten und stationären Palliativangebote auf. Im frühen Stadium einer lebensbedrohlichen Erkrankung möchten sich viele damit noch nicht beschäftigen. Insofern ist für diese Gespräche viel Fingerspitzengefühl notwendig, und unsere Mitarbeitenden sind dafür besonders geschult. Es geht ja nicht nur darum, Patienten darüber zu informieren, wie ihre Krankheit verlaufen kann und welche Hilfe in welchem Stadium für sie möglich und angemessen ist. Wir wollen den Menschen auch ihre Angst nehmen und ihnen deutlich machen, dass wir sie nicht alleine lassen, sondern so gut wie möglich begleiten und unterstützen.

Wir haben in Deutschland rund 1.500 ambulante und 240 stationäre Hospize und mehr als 300 Palliativstationen in Krankenhäusern. Warum stirbt trotzdem noch über die Hälfte der Menschen in einer Klinik?

Das hat viele Gründe. Einerseits liegt es daran, dass manche Krankheitsverläufe sehr rasant sind und Patienten deshalb keine Möglichkeit mehr haben, auf eine Palliativstation oder ins Hospiz zu wechseln. Andererseits haben Menschen auch Angst, dorthin zu gehen, weil sie dies als Endstation ansehen. Dabei verlassen rund 60 Prozent die Palliativstation wieder, wenn sich ihr Krankheitsbild verbessert hat. Sie werden für ein paar Tage oder Wochen medizinisch und pflegerisch so versorgt und beraten, dass sie wieder zu Hause sein können. Oder dass sie, falls es nicht anders möglich ist, in ein Hospiz gehen.

Allerdings bieten nur 20 Prozent der deutschen Kliniken eine Palliativstation an und im ländlichen Raum ist es zum Teil schwierig, ein ambulantes oder stationäres Hospiz zu finden. Wie sieht das im eher ländlich geprägten Rheinland-Pfalz und im Saarland aus?

Je nach Region kann es tatsächlich schwierig sein, wohnortnah ein Hospiz zu finden. Doch insgesamt hat sich die Situation durch das Ende 2015 verabschiedete Hospiz-und Palliativgesetz deutlich verbessert. Der finanzielle Spielraum der Hospize wurde so erweitert, dass diese nur noch fünf Prozent ihrer Kosten über Spenden einwerben müssen und ambulante Hospizdienste Zuschüsse für Personal- und Sachkosten erhalten. Positiv ist auch zu bewerten, dass Versicherte seitdem einen Anspruch auf individuelle Beratung und Hilfestellungen bei der Auswahl und Inanspruchnahme von Leistungen im Palliativ- und Hospizbereich durch die Krankenkassen haben. Zudem wurde die Gründung neuer ambulanter Palliativ-Spezialteams, kurz SAPV genannt, befördert. Diese Teams aus Arzt oder Ärztin, Pflegerinnen, Pflegern und Seelsorgern kümmern sich rund um die Uhr zuhause um den Schwerkranken und seine Angehörigen.

Eine schwere, aber sinnvolle Aufgabe: Wer sich für den Palliativbereich entscheidet, arbeitet meist lange dort. (Foto: pixabay)

Finden Sie denn angesichts des Fachkräftemangels noch genug Ärzte und Pflegekräfte, die im Palliativbereich arbeiten wollen?

Interessanterweise gibt es bei uns keinen Personalnotstand. Wer sich für diesen Bereich entscheidet, ist meist ein "Überzeugungstäter" und bleibt der Palliativmedizin und –pflege treu. Wir haben allerdings Probleme, im ländlichen Raum Ärzte dafür zu finden. Insgesamt gibt es zu wenig Palliativmediziner in Deutschland und diejenigen, die wir haben, bevorzugen es, in den größeren Städten zu wohnen.

Die meisten Menschen haben große Angst davor, am Ende ihres Lebens unter starken Schmerzen zu leiden. Laut Palliativmedizin muss das auch nicht mehr sein. Doch oft machen Patienten andere Erfahrungen. Woran liegt das?

Die ambulante Versorgung am Lebensende wird leider auch von Haus- oder Fachärzten übernommen, die zu wenig über schmerztherapeutische Verfahren wissen. Wie gerade erwähnt, fehlen uns Palliativmediziner. Allerdings leiden Patienten am Ende ihres Lebens nicht unbedingt an Schmerzen. Sie machen ungefähr ein Drittel aus. Die anderen Symptome sind internistisch wie etwa Atemnot, Übelkeit und Erbrechen oder neuropsychiatrisch. Dazu gehört Verwirrtheit, Demenz, Depression oder Schwäche. Es gibt viele Methoden zu helfen. Doch dafür ist eine gute interdisziplinäre Vernetzung wichtig. Hier muss noch mehr passieren.

Auch bei der Stiftung kreuznacher diakonie?

Wir haben den großen Vorteil, dass es unter unserem Dach Kliniken, Hospize, Sozial- und Pflegedienste sowie Beratungsstellen gibt. Doch wir müssen die Vernetzung intensivieren, damit Patienten schnell und unkompliziert unsere Angebote nutzen können. Das möchte ich als neuer Vorstand voranbringen. Kommunikation sollte so möglich sein, dass keine Informationen verloren gehen, der Datentransfer sichergestellt ist und immer eine Feedback-Schleife gedreht wird.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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Die Hospizbewegung hat ihren Ursprung in Großbritannien. Die Krankenpflegerin und Ärztin Cicely Saunders, die in diesem Jahr 100 Jahr alt geworden wäre, gründete 1967 das erste Hospiz in London. Sie kritisierte, dass sterbende Patienten in Kliniken nicht ausreichend versorgt waren. Mit dem diesjährigen Motto "Weil du wichtig bist" würdigt der Welthospiztag ihren Grundsatz, die Wünsche des Patienten zu berücksichtigen und ihn in seiner Gesamtheit zu sehen. In Deutschland entstanden die ersten palliativen Einrichtungen in den 1980er Jahren.