9. Oktober 2019

Gutachten Evangelischer Kliniken

Gute Aussichten auch in schwierigen Zeiten

Mitte September kündigte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann umfangreiche Krankenhausreformen an. Überversorgung und Fehlversorgung sollen beseitigt werden. Wie können die evangelischen Kliniken sich an diesem Prozess konstruktiv beteiligen? Die Mitgliederversammlung des Verbandes Evangelischer Krankenhäuser Rheinland-Westfalen-Lippe suchte Antworten.

  • OP-Saal

Eine medizinische Überversorgung in den Ballungszentren, eine Unterversorgung im ländlichen Raum – So skizziert ein von der nordrhein-westfälischen Landesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten das Hauptproblem der Krankenhauslandschaft in NRW. Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann will nun mit einer umfangreichen Krankenhausreform gegensteuern.

Jochen Brink, Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen und Vorstand des evangelischen Verbundes der Valeo-Kliniken, fasste die Grundzüge des Gutachens und Laumanns Reformpläne für die Teilnehmer der Mitgliederversammlung zusammen. Sein Fazit: Trotz mancher Risiken könne ein guter Teil der evangelischen Krankenhäuser den Laumann-Plänen einiges abgewinnen.

Eingang des Florence-Nightingale-Krankenhauses der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf

Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf - eine von 57 evangelischen Kliniken in NRW

Gesundheitszentren, Kirche und Gemeinde

Für Nils B. Krog, den Vorstandsvorsitzenden des Verbandes Evangelischer Krankenhäuser Rheinland/Westfalen/Lippe (VEK-RWL) stehen zwei Aspekte im Mittelpunkt: Wichtig ist für ihn, wie die evangelischen Träger in Richtung Gesundheitszentren aufgestellt sind und wie sie in Richtung Gemeinde und Kirche ihr bewusst evangelisches Selbstverständnis in die regionale soziale Versorgung einbringen können.

57 von 344 Kliniken in Nordrhein-Westfalen werden von evangelischen Trägern betrieben. Sie vertreten damit mehr als 16 Prozent aller Kliniken im Bundesland und tragen mit mehr als 20.000 Betten und Plätzen in allen somatischen und psychiatrischen Disziplinen zur gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung bei. Ob sie für die Zukunft gut gerüstet sind und weiterhin in der Krankenhauslandschaft Nordrhein-Westfalens bestehen können, hat jetzt eine empirische Studie untersucht. Gesundheitsökonom Antonius Reifferscheid vom Institute for Health Care Business stellte sie auf der Tagung vor.

Portrait

Gesundheitsökonom Antonius Reifferscheid stellte die Studie der evangelischen Kliniken vor.

Knotenpunkte im Netzwerk der Versorgung

In besonderem Maße, so ein Ergebnis der Studie, sind evangelische Krankenhäuser Knotenpunkte eines großen Netzwerks an nachhaltigen vor- und nachsorgenden Angeboten und kooperieren eng etwa mit Diakoniestationen, Hospizdiensten oder ehrenamtlichen Initiativen. Sie sind besonders stark in der Ausbildung von Pflegefachkräften engagiert und auch als Arbeitgeber der Gesundheitswirtschaft von hoher Bedeutung für Kommunen und Landkreise.

In den letzten 15 Jahren haben die evangelischen Krankenhäuser in ganz Nordrhein-Westfalen vielfältige Initiativen ergriffen, um sich den insbesondere wirtschaftlichen Herausforderungen zu stellen. So wurden etwa neue Verbünde gegründet und medizinisch-therapeutische Spezialisierungen vorangetrieben. Für die diakonische Landschaft der pflegerischen und sozialen Dienste der evangelischen Kirche insgesamt ist hervorzuheben, dass den Krankenhäusern oft eine Schlüsselstellung zukommt, denn 39 von 57 sind wesentlicher Teil von Komplexträgern, die etwa auch Einrichtungen der Altenhilfe, der Behindertenhilfe oder der Kinder- und Jugendhilfe betreiben. Auf den Punkt gebracht: Geht es dem Krankenhaus schlecht, leiden auch die anderen diakonischen Hilfen.

Arzt im OP

Besorgter Blick in die Zukunft - die evangelischen Kliniken leiden unter einer sinkenden stationären Fallzahl.

Wirtschaftliche Lage schwieriger

"Die wirtschaftliche Lage ist schwieriger geworden" – so ein zentraler Befund und zugleich Ausgangspunkt der vom VEK-RWL in Auftrag gegebenen Studie, die eigentlich eine Vorstudie ist und vor allem auf dem Krankenhaus-Rating-Report fußt.  Projektziel ist die Entwicklung eines "Quick Checks" für den VEK-RWL. Das Jahr 2017, für das bereits alle Zahlen und Daten vorliegen, kann als Indikator für eine multiple Krise angesehen werden. Erstmals seit langem gibt es eine sinkende stationäre Fallzahl. Mögliche Gründe für diesen Rückgang sind die Ambulantisierung der Medizin, der Fachkräftemangel und der mittlerweile hohe Sättigungsgrad bei kardiologischen und orthopädischen Leistungen.

Ab 2024, so Antonius Reifferscheid, dürften sich die demografischen Probleme verschärfen. Den Hintergrund bildet die Alterung der Babyboomer-Generation. Dann wachse die Zahl der Patienten wieder, die zugleich älter und multimorbider seien. Das Personal werde knapper und teurer und selbst auch älter. In ländlichen Gebieten sinke die Dichte der Vertragsärzte; die Ressourcen der Krankenkassen dürften zurückgehen.

Gruppenbild

Der neue Vorstand der VEK-RWL mit Christian Heine-Göttelmann, Vorstand der Diakonie RWL (links)

Herausforderungen und Chancen

Die Digitalisierung dürfte das Gesundheitswesen immer mehr durchdringen und prägen – von telemedizinischen Beratungen und Behandlungen bis zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Die Werkzeuge und Auswirkungen im Einzelnen lassen sich aber noch nicht präzise einschätzen. Gleiches gilt für die Frage der Personalgewinnung.

Ob es gelingt, die personellen Engpässe aufzulösen und die Pflege zu stärken, sei nicht ausgemacht. Eine große Chance könnte sich bieten, wenn in Integrierten Gesundheitszentren stationäre Versorgung, ambulante Versorgung, Rehabilitation und altersgerechte Angebote wie Puzzleteile ineinander griffen. Damit hätten die evangelischen Träger gute Möglichkeiten, im Wettbewerb erfolgreich abzuschneiden.

Um die Zukunftsfähigkeit der evangelischen Klinken unter den Rahmenbedingungen der Laumann-Pläne präziser und im Einzelnen einschätzen zu können, so das Fazit des Gesundheitsökonomen Reifferscheid, sei es notwendig, eine aussagekräftige Datenbasis mit detaillierten Kennzahlen von allen Kliniken zu erhalten. Für dieses Vorhaben warb der Vorstandsvorsitzende Nils B. Krog.

Text und Fotos: Reinhard van Spankeren, Fotos: pixabay

Vorstandswahl

Bei der Mitgliederversammlung des VEK-RWL wurde ein neuer Vorstand gewählt. Ihm gehören an: Nils B. Krog, Vorsitzender des Vorstands der ATEGRIS und der Stiftung Ev. Kranken- und Versorgungshaus zu Mülheim, Dr. Holger Stiller, Vorstand der Kaiserswerther Diakonie, Claudia Kuhnen, Pflegedirektorin Evangelischer Krankenhausverein zu Aachen, Dr. Harald Januschewski, Geschäftsführer Ev. Krankenhaus Bergisch Gladbach, Jochen Brink, Geschäftsführer Valeo-Kliniken GmbH sowie Landeskirchenrätin Barbara Roth, Evangelische Kirche von Westfalen, Landeskirchenrat Henning Boecker, Evangelische Kirche im Rheinland und Thomas Oelkers, Vorstand der Diakonie RWL

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