31. August 2021

Eltern drogenabhängiger Kinder

Raus aus Scham und Schuld

Ein süchtiges Kind ist der Albtraum jeder Familie. Oft bestimmen Gefühle von Schuld und Scham das Leben der Mütter und Väter. Der Verband für Angehörige von Drogenabhängigen hält mit einer großen Kampagne zu seinem 30-jährigen Bestehen dagegen. Unterstützt wird die Aktion von der diakonischen Suchthilfe in Leverkusen, die eine Selbsthilfegruppe des Verbands begleitet. Frank Reuter gehört ihr seit zwei Jahren an. 

  • Plakatmotiv mit Eltern der Kampagne "FragEltern" (Foto: ARWED)

Nie wird Frank Reuter den 21. Geburtstag seines Sohnes vergessen. Der Tag, an dem er sich eine Plastiktüte über den Kopf zog und an einen Stuhl fesselte. Es war sein erster Selbstmordversuch nach Jahren des Drogenkonsums, Schulabbruchs und einer gescheiterten Liebesbeziehung. "Danach ging es weiter auf und ab in seinem Leben", erzählt der 61-jährige Vater. Sein Sohn beendete eine Ausbildung, holte das Abitur nach, begann mit einem Studium, wechselte den Studienort. Dazwischen Rückfälle, Suizidversuche, Klinikaufenthalte. Zur Suchterkrankung kamen Depressionen.

Eine Doppeldiagnose, die es Frank Reuter besonders schwer machte, für seinen Sohn die richtige Hilfe zu finden. Hinzu kamen Schuld- und Schamgefühle. "Immer wieder habe ich mich gefragt, ob die frühe Trennung von meiner Frau und unsere Erziehung schuld an der Drogensucht meines Sohnes sind." Seit fast einem Jahr hat er nun nichts mehr von ihm gehört. "Im Hinterkopf tickert die Frage, ob mein Sohn clean ist und es ihm einigermaßen gut geht", sagt Frank Reuter. "Aber ich kann jetzt loslassen und gehe davon aus, dass er sich irgendwann wieder bei mir meldet."

Teilnehmende einer Selbsthilfegruppe sitzen im Kreis und tauschen sich aus. (Foto: Shutterstock)

Infos austauschen, sich ermutigen und trösten - dafür sind Selbsthilfegruppen da. 

Loslassen, aber in Beziehung bleiben

Loslassen, aber trotzdem in der Not für das Kind da sein. Klare Grenzen setzen und sein Leben nicht von der Drogensucht bestimmen lassen, aber in Beziehung zum Kind bleiben – für Eltern ist das ein schwieriger Spagat, für den sie Unterstützung und Ermutigung brauchen. Frank Reuter hat beides in einer Selbsthilfegruppe für Eltern drogenabhängiger Kinder in Leverkusen gefunden, die vor zwei Jahren gegründet wurde. Begleitet wird sie von der Suchthilfe gGmbH, einer Einrichtung der Diakonie, Caritas und Stadt Leverkusen.

Sie ist eine von insgesamt 54 regionalen Selbsthilfegruppen der ARWED (Arbeitsgemeinschaft der Rheinisch-Westfälischen Elternkreise drogengefährdeter und abhängiger Menschen e.V.), in der sich 1.800 betroffene Eltern organisiert haben. Im Juni starteten sie unter dem Titel "fragEltern" eine landesweite Kampagne mit Plakaten, Veranstaltungen und Aktionen. Darin machen die Eltern auf ihre Selbsthilfegruppen aufmerksam, informieren über Drogensucht und fordern die Politik auf, das Hilfesystem für Angehörige zu verbessern. Höhepunkt der Kampagne ist der Festakt zum 30-jährigen Bestehen des Verbands am 3. September.

Junger Mann liegt mit einer Spritze in der Hand auf dem Bett (Foto: Shutterstock)

Alle Eltern haben Angst davor, dass ihre Kinder eines Tages an der Drogensucht sterben.

Mehr Drogentote in 2020

"Wir leben alle ständig mit der Angst, dass das eigene Kind viel zu früh an den Folgen seiner Drogensucht stirbt oder sich selbst umbringt", sagt Frank Reuter. Eine berechtigte Sorge, denn 2020 sind deutlich mehr Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben als in den Jahren zuvor. In NRW stieg die Zahl der Drogentoten sogar von 292 auf 401. 

Diakonie RWL-Suchtexperte Ralph Seiler sieht die gestiegenen Todesfälle in einem Zusammenhang mit den eingeschränkten Hilfsangeboten während der Pandemie. Dass Drogenkonsumräume, Suchtkliniken und Tagesaufenthalte nur begrenzt zur Verfügung standen, war auch für die Angehörigen eine große Belastung. Bei den Suchtberatungsstellen der Freien Wohlfahrtspflege NRW stiegen die Anfragen um zehn bis zwanzig Prozent, wie Seiler in einer Abfrage herausfand.

Traurige Frau mit einem Berater (Foto: Shutterstock)

"Drogensucht ist eine schwere Erkrankung. Da sind Schuld und Scham völlig fehl am Platz." Das sagt Peter Helgers, Leiter der Suchthilfe gGmbH in Leverkusen, Angehörigen von Suchtkranken.

Elternliebe alleine reicht nicht

"Alles dreht sich bei den Angehörigen wie auch in der Suchthilfe um den Suchtkranken", berichtet Peter Helgers, Leiter der Suchthilfe gGmbH in Leverkusen. "Das ist ein Fehler. Angehörige sind wichtig, wenn es darum geht, dem Kind oder Partner effektiv zu helfen. Dafür brauchen sie aber auch selbst eine gute Begleitung." In seiner Beratung unterstützt der Einrichtungsleiter sie und macht zunächst deutlich, dass sich die Probleme "nicht am Küchentisch lösen lassen".

"Drogensucht ist eine schwere Erkrankung. Da sind Schuld und Scham völlig fehl am Platz", betont der Sozialarbeiter. Er erklärt, wie Drogen wirken und warum sie körperlich wie psychisch abhängig machen, dass Verluste und Traumata häufig die Ursache für Drogenmissbrauch sind. "Elternliebe alleine reicht nicht aus, um das Kind wieder gesund zu machen." 

Informieren, stärken, entlasten und die Eltern "raus aus der Schamecke holen": Das möchte der Sozialarbeiter mit seiner Beratung erreichen. Vier Stunden pro Woche hat er dafür und wünscht sich mehr. Doch die Finanzierung der Angehörigenarbeit steht – wie die Suchtberatung überhaupt – auf wackeligen Füßen. Sie ist kein Regelangebot, sondern hängt von der Kassenlage der Kommunen ab. 

Plakatmotiv mit Vater der Kampagne "FragEltern" (Foto: ARWED)

Frank Reuter hofft, dass die Plakataktion der ARWED viele Menschen erreicht. Er kann heute offen über die Drogensucht seines Sohnes reden.

Zufriedener und aufgeklärter 

Umso wichtiger sind die Selbsthilfegruppen, die das Beratungsangebot der Suchthilfe – wie in Leverkusen – ergänzen. "Als Eltern sind wir alle mit ähnlichen Fragen und Problemen unterwegs", erzählt Frank Reuter. "Wir können uns gegenseitig den Rücken stärken und von den Erfahrungen und Ratschlägen der anderen profitieren. Nach den Treffen habe ich mich oft zufriedener und aufgeklärter gefühlt."

Seinen Frieden mit sich als Vater eines suchtkranken und depressiven Sohnes machen, das war Frank Reuter wichtig. Es sei ihm weitgehend gelungen, sagt er. "Ich mache mir nicht mehr ständig Sorgen, sondern lebe mein eigenes Leben und kann warten, bis mein Sohn sich bei mir meldet. Das habe ich früher nicht geschafft."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: ARWED, Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ralph Seiler

Suchthilfe und Aids

, Geschäftsfeld Krankenhaus und Gesundheit
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Mit ihrer Kampagne "fragEltern" wirbt der ARWED für Unterstützungsangebote der Selbsthilfe für Eltern und Angehörige Drogenabhängiger. Auf den Plakaten und Infomaterialien bekennen sich Eltern öffentlich zur Drogensucht ihrer Kinder und ermutigen, sich mit anderen Eltern zusammenzuschließen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, hat die Schirmherrschaft über die Kampagne übernommen.

In NRW gibt es über 170 Sucht- und Drogenberatungsstellen. Knapp die Hälfte wird von der Diakonie getragen. Die Förderung der Beratungsstellen ist eine freiwillige Leistung der Kommunen. Viele leiden unter finanziellen Engpässen, die sich in der Corona-Pandemie noch verstärkt haben.