15. August 2017

Diakonisch im Ausland: Doris Horn

Im Klinikalltag voneinander lernen

Seit Doris Horn als Krankenschwester in Afrika gearbeitet hat, ist der Kontinent eine zweite Heimat für sie. Viele Reisen haben die Oberin der ATEGRIS GmbH, zu der die Evangelischen Kliniken in Oberhausen und Mülheim gehören, dorthin geführt. Vor zehn Jahren ist daraus die Partnerschaft mit einem Krankenhaus in Tansania entstanden. 

Portrait

Ihr Herz schlägt für Afrika: Oberin Doris Horn

Sie fahren mindestens einmal im Jahr nach Tansania, um Mitarbeitende Ihrer Kliniken sowie Pflegeschüler, aber auch andere an Ihrer Partnerschaft interessierte Delegationen zu begleiten. Was sind typische Reaktionen, wenn die Gruppen im Nyakahanga Hospital ankommen?

Die Klinik liegt im Norden Tansanias an der Grenze zu Uganda. Dort landen wir mit dem Flugzeug und müssen dann noch gut sechs Stunden in die Kagera Region fahren. Im letzten Jahr ist dort eine Landstraße gebaut worden, so dass die Anfahrt nicht mehr so mühsam ist. Vorher ging es über Schotterpisten zur Klinik. Es ist eine sehr ländliche und hügelige Gegend, in der die Menschen vom Bananen-, Kaffee- und Maisanbau sowie der Viehwirtschaft leben. Man hat das Gefühl, zum Ende der Welt unterwegs zu sein. So ging es mir, als ich die Klinik 2007 das erste Mal besucht habe. Und genauso empfinden es auch immer wieder die Gruppen, die ich jedes Jahr begleite.

Mann mit Baby auf dem Arm

Initiator der "Partnerschaft auf Augenhöhe": Klinikleiter Josef Kashashri mit einer kleinen Patientin

Wieso hat sich die ATEGRIS GmbH auf eine Partnerschaft mit einer Klinik "am Ende der Welt" eingelassen?

Das Nyakahanga Hospital ist für afrikanische Verhältnisse eine recht moderne Klinik. In ihrem Einzugsgebiet als Distriktkrankenhaus leben rund 500.000 Menschen. Jährlich versorgen die 165 Mitarbeitenden rund 10.000 stationäre und 40.000 ambulante Patienten. Viele kommen wegen Malaria und Durchfallerkrankungen, HIV und AIDS oder Verbrennungen, die sie sich an offenen Feuern zugezogen haben. Der leitende Arzt, den ich damals auf meiner Reise als Regionalpräsidentin des DIAKONIA Weltbundes diakonischer Gemeinschaften kennengelernt habe, hat in Deutschland studiert. Er war sehr interessiert an einer Partnerschaft. Und zwar nicht nur, damit seine Mitarbeitenden von uns lernen, sondern wir auch von ihnen. Das hat mich und den Vorstand der ATEGRIS sofort überzeugt. 

Gehört immer dazu: Gruppenbild am Äquator

Seitdem sehen sie sich zweimal im Jahr. Eine afrikanische Delegation kommt nach Oberhausen und Mülheim, eine deutsche fährt in die Kagera Region. Wer nimmt daran teil?

Auf beiden Seiten gibt es jedes Jahr ein Auswahlverfahren. Wir wollen, dass immer wieder andere Mitarbeitende vom Austausch profitieren. Zuerst sind vor allem Pflegekräfte, Ärzte und weitere Mitarbeitende aus Mülheim und Oberhausen gefahren. Seit drei Jahren können sich auch Krankenpflegeschüler im letzten Ausbildungsjahr für das Projekt "Kultursensible Pflege" bewerben. 

Privatsphäre gibt es in der Klinik nicht 

Worüber staunen die Schülerinnen und Schüler am meisten?

Bei uns ist die Privatsphäre wichtig. Das beginnt schon im Kreißsaal, wo für jede Geburt ein einzelner Raum da ist. Im Nayakahanga Hospital entbinden vier bis fünf Frauen in einem Saal. Jährlich gibt es rund 4.000 Geburten in der Klinik. Der Begriff "Patient" ist in Afrika wortwörtlich zu nehmen: es ist ein Mensch, der "erduldet". Er fügt sich in sein Schicksal, wartet geduldig und stellt kaum Fragen. In Tansania findet weniger Kommunikation zwischen Personal und Patienten statt. Das fällt unseren Schülerinnen und Schülern immer auf. Auch der Tod ist selbstverständlicher. Er wird fatalistischer aufgenommen und als Gottes Wille akzeptiert.

Gruppenbild

Statt teurer Medizingeräte hat der Arzt ein "Stethoskop und seine fünf Sinne"

Was lernen die Schüler in Afrika für die Pflege in Deutschland?

Die Schüler, aber auch die anderen Mitarbeitenden erfahren, dass man auch ohne moderne medizinische Technik genaue Diagnosen stellen kann. Denn, so hat es ein afrikanischer Arzt formuliert: "Ich habe mein Stethoskop und meine fünf Sinne". In der Klinik gibt es übrigens nur zehn Ärzte. Die Schwestern und Pfleger übernehmen dort viele medizinische Aufgaben, während sich die Angehörigen um die Grundpflege wie das Waschen oder ums Essen kümmern. Alles geht Hand in Hand. Meine Gruppen sind immer beeindruckt davon, was das Klinikpersonal unter einfachen Bedingungen leistet. Wir kommen demütig und dankbar nach Deutschland zurück.

Besprechung im Pausenraum: Austausch ist wichtig

Wie unterstützen Sie die Kolleginnen und Kollegen aus Tansania?

Die Pflegekräfte lernen bei uns nicht nur neue Pflegemethoden und Hilfsmittel kennen. Wir schulen sie auch in der Kommunikation mit den Patienten. Denn das Gespräch und die Aufklärung über Behandlungsmethoden kommen angesichts der großen Zahl an Patienten im Nyakahanga Hospital oft zu kurz. Ärzte lernen Neues über Wundmanagement, Operationstechniken oder Behandlungsmethoden. Außerdem haben wir medizinische Geräte gespendet, zum Beispiel ein neues Narkose- und Ultraschallgerät. Neue Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten führen aber auch zu neuen Problemen.

Bescheiden, aber idyllisch: die Krankenpflegeschule der Klinik

Inwiefern?

Mit dem Ultraschallgerät lassen sich Erkrankungen zwar genauer erkennen, aber sie können nicht immer behandelt werden. Neulich gab es den Fall eines 15-jährigen Mädchens, das ein sehr schwer geschädigtes Herz hatte. Doch eine Transplantation ist nicht möglich. Also wird das Mädchen sterben. Durch den Ultraschall kann nun viel häufiger eine Brustkrebsdiagnose gestellt werden. Doch nur in der Großstadt Daressalam gibt es eine Klinik, die Bestrahlung und Chemotherapie anbietet. Sie ist 1.000 Kilometer entfernt. Es wurde inzwischen ein Fonds eingerichtet, damit betroffene Frauen sich die Reise dorthin überhaupt leisten können.

Pflegeschüler halten Bild in Kapelle hoch

Fingerabdrücke zur Erinnerung - Abschiedsgeschenk der deutschen Pflegeschüler für die Klinik

In Tansania gibt es keine Kranken- und Pflegeversicherung wie in Deutschland. Wie wird die medizinische Versorgung finanziert?

Eigentümer des Nykahanga Hospitals ist die Evangelische Kirche, doch die Regierung übernimmt 75 Prozent der Personalkosten sowie Medikamente. Einen Teil der Behandlung müssen die Patienten selbst zahlen. Viele können das auch, weil sie zumindest ein bescheidenes Einkommen in der Landwirtschaft haben. Doch in diesem Jahr hat die Dürre die Ernte zerstört. Als ich im Juni da war, habe ich nur leere Kaffeebüsche gesehen. Hinzu kommt, dass die Regierung im Rahmen ihres Antikorruptionsprogramms derzeit alle kirchlichen Einrichtungen überprüft und sie solange nicht finanziert. Die Patienten müssen ihre Medikamente mitbringen und das Personal bekommt kein Gehalt. Die Situation ist sehr angespannt, aber alle machen weiter. Dieses Engagement und diese Gelassenheit bewundere ich an unseren afrikanischen Freunden.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Fotos: ATEGRIS GmbH

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Sabine Damaschke
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