25. Juli 2017

Diakonisch im Ausland: André Borsche

Unterwegs in den Operationssälen dieser Welt

In seinem Urlaub liegt André Borsche nicht am Strand. Der Chefarzt für Plastische Chirurgie im Diakonie Krankenhaus in Bad Kreuznach reist für die Organisation Interplast in die entlegensten Gebiete der Erde. Dort operiert er Brandverletzungen, Lippen-Kiefer-Gaumenspalten oder Tumore. Sein Lohn: ein dankbares Lächeln, ein Händedruck oder eine Umarmung. In unserer Sommerreihe berichtet er über die medizinischen und persönlichen Herausforderungen seiner Einsätze.

Stofftiere für kranke Kinder: Dr. André Borsche spricht Englisch - kommuniziert aber auch non-verbal.

Sie sind Chefarzt im Diakonie Krankenhaus in Bad Kreuznach. Das allein ist schon mehr als ein Vollzeit-Job. Trotzdem engagieren Sie sich in Ihrem Urlaub für Interplast und nehmen unangenehme Anreisen und provisorische Unterkünfte in Kauf. Wie kam es dazu?

1990 war ich das erste Mal in Guinea in Westafrika zusammen mit einem Team und Gottfried Lemperle, dem Gründer von Interplast in Deutschland. Dies waren so bewegende Eindrücke, die mich nicht mehr losgelassen haben. Seitdem bin ich jedes Jahr mindestens einmal dabei. Mit Interplast führen wir unentgeltlich plastisch-chirurgische Operationen in Entwicklungsländern durch. Die Operationsteams mit acht Ärzten und Schwestern fahren in ihrem Urlaub auf Einladung eines Krankenhauses oder einer wohltätigen Institution für zwei Wochen in das jeweilige Gastgeberland.

Da war die Familie wahrscheinlich nicht so begeistert.

Am Anfang waren meine Kinder noch klein, da musste ich abwägen. Klar möchte ich im Urlaub auch mit meiner Familie etwas zusammen erleben. Mittlerweile sind die Kinder aber groß. Meine Frau ist auch Ärztin. Sie fährt jetzt mit in die Einsätze von Interplast, und wir engagieren uns gemeinsam.

Eltern kommen mit ihren Kindern von weit her angereist.

Auch in Entwicklungsländern gibt es ja Ärzte und Krankenhäuser. Welche OPs führen Sie durch?

Wir operieren sehr viele angeborene Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten bei Kindern. Aber auch Brandverletzungen oder große Hauttumore. Häufig sind es schwere Entstellungen. Zwar sind unsere Operationen nicht überlebensnotwendig, aber für die Menschen selber extrem wichtig. Denn wegen ihrer Verstümmelungen fühlen sie sich oft ausgestoßen. Die Patienten sind nach den Operationen unendlich dankbar. Wir führen natürlich nur Operationen durch, die von den Ärzten vor Ort nicht geleistet werden können. Oder die Menschen sind so arm, dass sie eine normale Behandlung nicht bezahlen können. Dabei möchten wir auf keinen Fall in Konkurrenz  zu den einheimischen Ärzten treten. Bestenfalls können  wir unser medizinisches Know-How, wie zum Beispiel  bei Hauttransplantationen,  an die Ärzte vor Ort weitergeben. Wenn daran Interesse besteht, freut uns das besonders – das sind Sternstunden für die Nachhaltigkeit unserer Einsätze.

In welchen Ländern waren Sie schon im Einsatz?

Mittlerweile war ich schon 50 Mal mit Interplast unterwegs. Ein bis zwei Mal im Jahr mit unterschiedlichen Teammitgliedern. Ich war in Afrika, in Lateinamerika, aber auch in Krisenregionen wie Tschetschenien oder an der syrischen Grenze. Es besteht auch ein ganz langer Kontakt mit Indien, zu einem kleinen Kloster-Hospital in Maharashtra. Aus diesem Kontakt ist eine herzliche Freundschaft geworden. Diese Unterstützung der meist christlichen Krankenhäuser vor Ort ist für unsere Mission ganz entscheidend wichtig. Denn wenn wir kommen, stehen manchmal 250 Patienten schon lange wartend vor der Tür. Manche sind extra von ganz weit her angereist, in der Hoffnung auf Hilfe durch die deutschen Ärzte. Da muss uns jemand helfen bei der Patientenauswahl, wo es zu entscheiden gilt, ob eine  Operation sowohl sozial als auch medizinisch sinnvoll ist. Diese Entscheidungen sind oft  sehr schwierig. Meine Frau ist Allgemeinmedizinerin und unterstützt uns dabei. Manche Patienten holen wir auch nach Deutschland und operieren sie hier im Diakonie Krankenhaus in Bad Kreuznach.

Dr. Borsche operiert in aller Welt unter ganz anderen Bedingungen als in Deutschland.

Wie laufen die Einsätze dann genau ab? Das sind ja andere OP-Räume als in Deutschland.

Wir arbeiten von 9 bis 10 Uhr abends und sind dann natürlich sehr erschöpft und müssen auch mal eine Pause machen. Das Klima ist heiß, und meistens funktioniert die Klimaanlage nicht richtig. Dafür gibt es dann aber Mücken. Die Bedingungen in den OPs sind sehr einfach. Wir überlegen sehr genau, welche Operationen wir sicher zu Ende bringen können und machen nur das, was wir gut beherrschen.

Es muss immer eine sichere Möglichkeit zur Blutstillung geben und eine sichere Narkoseform möglich sein. Manchmal blutet einem als Arzt das Herz, nicht umfassender helfen zu können. Doch man darf kein Risiko eingehen. Aber wir erleben auch immer wieder, dass die Menschen in Afrika oder Südamerika viel robuster sind. Sie stecken vieles ganz anders weg als wir, die wir so sehr an Hygiene gewöhnt sind. So heilen meist auch große Wundflächen erstaunlich gut.

Dankbar, dass er wieder hören kann: Lajanta mit André Borsche 

Wie verständigen Sie sich?

Mit Englisch kommt man oft nicht so weit. Wir kommunizieren non-verbal mit Gestik und Mimik und brauchen die Dolmetscher vor Ort. Ich kann ein paar Wörter der jeweiligen Dialekte und Gesten der persönlichen Anteilnahme. Das ist ein Gebot der Höflichkeit.

Auch hier in Deutschland arbeiten Sie am Wochenende für Interplast und sammeln Spenden.

Pro Einsatz benötigen wir 15.000 bis 20.000 Euro für die Flüge, Verpflegung, Unterkunft und Medikamente. Wir leben nur von Spenden. Deshalb bin ich am Wochenende viel unterwegs und berichte über unsere Arbeit. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit Interplast so etwas für mich Sinnbringendes gefunden habe. Dass ich mich mit meinem Wissen und der Erfahrung als Arzt einbringen kann. Meine christliche Lebensphilosophie ist da eine große Motivation. Und dieser weltweite Kontakt mit den Menschen. Das ist einfach toll.

Das Interview führte Sabine Portmann.
Fotos: Interplast / Dr. André Borsche

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