17. März 2020

Corona-Virus

Kliniken im Krisenmodus

Mit seinen knapp 2.000 Kliniken und rund 500.000 Betten ist Deutschland vergleichsweise gut aufgestellt für die Corona-Pandemie. Doch wenn die Infektionszahlen weiter steigen, könnte es eng werden. Und das liegt vor allem am fehlenden Personal. Diakonie RWL-Gesundheitsexpertin Elke Grothe-Kühn sorgt sich um die evangelischen Kliniken, ihre Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte.

  • Leere Betten in einer Klinik

Wie gut sind die evangelischen Kliniken auf einen Anstieg schwer kranker Patienten vorbereitet?

Zwischen Paderborn und Saarbrücken vertreten wir als Diakonie RWL 68 evangelische Kliniken. Alle haben Corona-Krisenstäbe eingerichtet. Jedes Krankenhaus hat einen Pandemieplan. Viele haben in den vergangenen Jahren ihre Intensivkapazitäten aufgestockt, so dass sie jetzt 580 Intensivbetten vorhalten. In NRW stehen laut Landesregierung derzeit 4.223 dauerhafte Beatmungsmöglichkeiten zur Verfügung. Doch diese Betten sind größtenteils mit anderen schwerkranken Patienten belegt. Wenn jetzt schlagartig an mehreren Orten eine relativ hohe Zahl an Corona-Patienten eintreffen würde, dann hätten wir bei der Aufnahmekapazität regional massive Probleme. Bei allen Schutzmaßnahmen geht es im Moment also besonders darum, die Infektionsketten zu verlangsamen.

Diakonie RWL-Gesundheitsexpertin Elke Grothe-Kühn

Elke Grothe-Kühn leitet die Abteilung "Krankenhaus und Gesundheit" bei der Diakonie RWL. (Foto: S. Damaschke)

Es ist unklar, wie lange Schutzkleidung und Desinfektionsmittel ausreichen werden. Da wird jetzt schon von Engpässen berichtet. Sorgen sich die Klinikleitungen darüber?

Ja, das tun sie. Aus vielen Kliniken sind Desinfektionsmittel gestohlen worden. Einige Häuser haben deshalb Personal oder sogar externe Wachdienste vor ihren Lagern positioniert. Da die Desinfektionsmittel inzwischen ein knappes Gut sind, gibt es in vielen Kliniken genaue Pläne, welche Abteilung wann Nachschub erhält. Auch jetzt ist bereits klar, dass die vorhandene Schutzkleidung nicht ausreichen wird. Manche Kliniken überlegen daher, ob eine Mehrwegverwendung möglich ist. Andere suchen nach neuen Beschaffungsadressen.

Denn derzeit rationieren die Produzenten und Lieferanten die Bestellungen. Mit dem Ergebnis, dass Schutzmasken, die früher für vier Euro zu haben waren, jetzt zwölf Euro kosten. Ein evangelischer Klinikverbund hat ausgerechnet, dass allein die Beschaffung von Schutzkleidung ihn monatlich rund 1,1 Millionen Euro kosten wird. Auf die Krankenhäuser kommen in dieser Krise enorme Kosten zu.

Befürchten Sie, dass die Corona-Krise evangelische Kliniken in die Insolvenz treibt?

Die Krankenhäuser in Deutschland haben einen Investitionsbedarf von 7,4 Milliarden Euro. Tatsächlich werden derzeit aber nur 2,6 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Hier klafft eine große Lücke. Die Investitionskosten, die derzeit nicht finanziert werden, müssen sich die Krankenhäuser durch Überschüsse erwirtschaften. Jetzt sollen sie geplante Operationen verschieben, damit Platz für Corona-Patienten geschaffen wird. Das bedeutet für viele Häuser Erlösverluste von bis zu 40 Prozent.

Wir brauchen unbedingt ein Corona-Sofortprogramm zur Liquiditätsstützung und Sicherung der wirtschaftichen Ergebnisse für die Krankenhäuser und Rehakliniken. Denn gerade jetzt sehen wir ja, wie wichtig die gute gesundheitliche Versorgungsdichte ist, die wir in Deutschland haben. Sie rettet Menschenleben.

OP-Saal eines Krankenhauses

Ärzte und Pflegekräfte arbeiten schon jetzt unter Hochdruck. Wie wird es aussehen, wenn immer mehr infizierte, schwer kranke Menschen in die Kliniken kommen? (Foto: pixabay)

Das größte Problem in dieser Krise ist der Fachkräftemangel. Es gibt nicht genug Pflegekräfte und Ärzte, erst recht nicht zur Behandlung von Intensivpatienten. Wie reagieren die Kliniken darauf?

In den deutschen Krankenhäusern sind im ärztlichen Bereich 3.500 Stellen unbesetzt. Im pflegerischen Bereich sind es 17.000 Stellen. Allein auf den Intensivstationen fehlen 4.100 Pflegekräfte – ausgerechnet in dem Bereich, in dem wir sie gerade brauchen. Viele Häuser versuchen nun Mediziner oder Pflegekräfte aus dem Ruhestand zurückzuholen. Dass Kitas und Schulen geschlossen sind, ist ebenfalls ein großes Problem für alle Mitarbeitenden mit Familie. Je nach Wohnort versuchen die Kliniken mit den Kommunen individuelle Betreuungsmöglichkeiten zu finden.

Für unsere Kliniken in den Grenzregionen um Aachen und im Saarland ist es ausgesprochen schwierig, dass dort die Grenzen geschlossen wurden und das dringend benötigte Personal nun umständliche Wartezeiten durch Kontrollen in Kauf nehmen muss.

Klinken und Pflegeheime haben die Besuche von Angehörigen drastisch eingeschränkt. Was bedeutet das für die Patienten?

Es gibt Studien, die belegen, wie wichtig Krankenhausbesuche für den Genesungsprozess der Patienten sind. In Nordrhein-Westfalen hat das Gesundheitsministerium eine Regelung erlassen, wonach jeder Patient einer Klinik und jeder Bewohner eines Alten- und Pflegeheims pro Tag nur einen Besucher empfangen darf. Um Infektionsketten nachweisen zu können, soll jeder Gast registriert werden. Ich halte das angesichts der derzeitigen Krise für riskant. Wir sollten alle Besuche untersagen. In den evangelischen Kliniken könnten verstärkt Klinikseelsorger eingesetzt werden, um Patientenbesuche zu machen. Sie sind auch für Krisensituationen geschult.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Teaserfoto: pixabay

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Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft gibt es in Deutschlands knapp 2.000 Kliniken rund 500.000 Betten, von denen 28.000 als Intensivbetten ausgewiesen sind. 25.000 davon sind mit Beatmungsgeräten ausgestattet. Damit stehen pro Einwohner etwa zweieinhalbmal so viele Intensivbetten zur Verfügung wie in Italien.