15. April 2021

Corona auf Intensivstationen

"Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen"

Notruf aus den Kliniken: In vielen Städten sind kaum noch Betten frei für den nächsten Herzinfarkt, Verkehrsunfall oder einen weiteren Covid-19-Patienten. Bald soll ein bundesweites Infektionsschutzgesetz gelten. Doch die Notbremse kommt spät, kritisiert Olaf Boehm, Leiter der Anästhesie und Intensivmedizin im Ev. Krankenhaus Düsseldorf. Er warnt vor Szenarien wie in Bergamo. 

  • Dr. Olaf Boehm, Leiter der Intensivmedizin im Ev. Krankenhaus Düsseldorf (Foto EVK)
  • Intensivbett im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf (Foto EVK)
  • Monitor auf der Intensivstation des Evangelischen Krankenhauses Düsseldorf (Foto EVK)

Seit Wochen streitet die Politik um einen härteren Lockdown und bundesweit einheitliche Corona-Regeln. Unterdessen warnen die Kliniken immer wieder davor, dass die Intensivbetten knapp werden. Wie sieht es in Ihrem Krankenhaus aus?

Es ist noch nicht dramatisch. Das kann sich aber angesichts der steigenden Infektionszahlen in Düsseldorf sehr schnell ändern. Wir haben im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf eine Intensivstation mit 14 Betten, von denen derzeit drei mit Covid-Patienten belegt sind. Neun weitere befinden sich auf der Infektionsstation. Aus meiner Sicht als Intensivmediziner ist ganz klar: Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen und deutlich striktere Kontaktbeschränkungen durchsetzen. Das hätten wir eigentlich schon vor Ostern machen müssen. Bis Ende April könnte es bundesweit bis zu 7.000 Corona-Intensivpatienten geben. Das ist gefährlich, denn wir können sie dann nicht mehr so gut versorgen wie es jetzt der Fall ist. Und Szenarien wie in Bergamo wünscht sich hier niemand.

Die Landesregierung betont, dass NRW auf eine Reserve von Intensivbetten zurückgreifen kann und die medizinische Versorgung nicht gefährdet ist. Zudem können geplante Operationen verschoben werden.

Wir waren bereits in der zweiten Covid-Welle im Herbst nah an unserer Belastungsgrenze. Zu diesem Zeitpunkt lagen im Maximum neun Covid-19-Patienten auf der Intensivstation des EVK. Es reicht ja nicht, einfach ein paar Betten mehr aufzustellen. Wir haben es bei Covid-19 mit einem sehr komplexen Krankheitsbild zu tun. 

Eine Pflegerin setzt einer Covid-Patientin eine Atemmaske auf (Foto: Shutterstock)

Die pflegerische und medizinische Betreuung von Covid-Patienten ist sehr intensiv.

Jeder Patient "bindet" eine Vollzeit-Pflegekraft, die Unterbringung in einem Isolationszimmer führt außerdem zu einem erheblichen pflegerischen Mehraufwand. Um die Lunge zu entlasten, müssen die beatmeten Patientinnen und Patienten dann auch noch regelmäßig auf den Bauch gedreht werden. Das schaffen nur zwei bis drei Pflegekräfte gemeinsam. Zusätzlich beobachten wir häufig ein Nierenversagen bei den schwer erkrankten Covid-Patienten, so dass uns wir dann auch als Intensivärzte besonders engmaschig um die Betroffenen kümmern müssen. Hinzu kommen noch andere Notfälle, die einen Herz- oder Schlaganfall erlitten haben. Und die brauchen natürlich genauso unsere Aufmerksamkeit.

Wie fühlen Sie sich nach einem Jahr Pandemie mit mittlerweile drei Infektionswellen? Sind Sie selbst auch am Limit?

Nein, ich glaube, die Pflegekräfte hatten und haben mehr auszuhalten als wir Intensivmediziner. Zum Glück steht die Angst sich anzustecken jetzt nicht mehr im Vordergrund, denn wir haben ausreichend Schutzkleidung und sind zu einem großen Teil geimpft. Was mich persönlich jetzt sehr mitnimmt, ist, dass wir in dieser dritten Welle deutlich jüngere Patientinnen und Patienten versorgen. Eine schwer erkrankte Patientin, die wir versorgt haben, ist erst 23 Jahre alt gewesen. Die meisten sind jetzt unter 50 Jahre alt. Zwar sterben nicht mehr so viele wie in der ersten Welle, als überwiegend alte Menschen betroffen waren. Doch der Krankheitsverlauf ist meist länger mit Liegedauern von Wochen bis zu mehreren Monaten. Viele behalten zudem nach Entlassung von der Intensivstation bleibende Gesundheitsschäden. 

Gerade wer lange in der Klinik ist, braucht seine Angehörigen. Doch es besteht ein Besuchsverbot. Wie gehen Sie als Arzt damit um? 

Das ist hart für alle. Nur bei schweren Verläufen dürfen Angehörige zu Besuch kommen. Wir telefonieren viel mit den betroffenen Familien. Aber es ist schwer, Empathie zu vermitteln und Mut zu machen, wenn man jemandem dabei nicht in die Augen sehen und auch mal anfassen oder in den Arm nehmen darf. 

Neubau des Evangelischen Krankenhauses Düsseldorf (Foto: EVK)

Besuche sind im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf nur eingeschränkt möglich.

Unsere Patienten kommunizieren mit ihren Angehörigen per Handy oder iPad. Zum Teil geht das dann von Klinik zu Klinik, denn mit der hochansteckenden Mutante infizieren sich oft ganze Familien auf einmal. Auf unserer Intensivstation lag eine Frau mit schwerem Verlauf, deren Ehemann und Sohn in anderen Krankenhäusern wegen Covid-19 behandelt wurden. Zum Glück hat die gesamte Familie es gut überstanden.

Die Ärzteorganisation "Marburger Bund" warnt davor, dass Kliniken bald eine "Triage" anwenden müssen. Dann müssten die Mediziner entscheiden, welche Patienten sie behandeln und welche sie sterben lassen. Haben Sie Sorge, dass es dazu kommen wird? 

Davor fürchten sich alle Mediziner. Als Klinik sind wir darauf allerdings vorbereitet. Unser Corona-Krisenstab, der zweimal die Woche tagt, hat ein "Ampelsystem" für solche Fälle entwickelt. Ich habe einige Jahre als Notarzt gearbeitet und weiß daher sehr gut, was es heißt, schnell entscheiden zu müssen, wem man im Katastrophenfall hilft und wem nicht. Das ist sehr belastend und beschäftigt den Kopf auch noch Monate später.

Auch wenn es für viele Menschen schwer ist, jetzt noch einen härteren Lockdown zu ertragen: Aus meiner Sicht gibt es bei diesen hohen Infektionszahlen keine Alternative dazu, solange nicht ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist. In keinem Fall können wir das Virus einfach so laufen lassen und auf eine Herdenimmunität hoffen. Das würde zu einer medizinischen und sozialen Katastrophe ohnegleichen führen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Shutterstock (Teaserbild und Bild im Artikel), Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf (Fotos im Slider und Bild im Artikel).

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Nach einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) unter 223 Kliniken muss der überwiegende Teil (88 Prozent) derzeit wegen der Corona-Pandemie die reguläre Patientenversorgung im Vergleich zur sonst üblichen Auslastung um mehr als zehn Prozent zurückfahren. Gut ein Drittel hält eine Überlastung des eigenen Standortes für wahrscheinlich, so dass einzelne medizinisch dringliche Fälle an umliegende Krankenhäuser verwiesen werden müssten. 14 Prozent rechnen damit, dass weder sie selbst noch umliegende Häuser diese Fälle aufnehmen können. "Die Zahlen machen deutlich, dass die Politik unbedingt konsequent handeln muss, um die dritte Welle zu brechen", erklärte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß. (epd)