19. Mai 2017

Aktionswoche Alkohol

Der Fußball und das Bier

Ob im Stadion oder vorm Fernseher – Bier spielt bei Fußballspielen eine zentrale Rolle. Und nicht immer eine gute. In der bundesweiten Aktionswoche Alkohol lädt die Fachstelle für Suchtvorbeugung "inechtzeit" der Krisenhilfe Bochum gemeinsam mit dem Fanprojekt des VfL Bochum zu zwei besonderen Aktionen ein. Was jugendliche Fußballfans dort erwartet, erzählt André Frohnenberg.

Portrait

André Frohnenberg

Als Sozialarbeiter gestalten Sie das Präventionsangebot "inechtzeit" der Jugend- und Drogenberatung der Krisenhilfe Bochum. Haben Sie dort häufiger mit eingefleischten Fußballfans zu tun?

Vereinzelt. Meistens kommen die Jugendlichen erst zu uns in die Beratung, wenn es größere Probleme in der Familie, in Schule oder Ausbildung gibt. Oft werden sie von ihren Eltern geschickt. Natürlich bieten wir auch Infoveranstaltungen für Gruppen von Jugendlichen an, meistens in Kooperation mit Schulen oder Jugendverbänden. Junge Jans hatten wir bisher noch nicht als Gruppe bei uns zu Gast. Die Idee dazu kam vom Fanprojekt des VfL Bochum, das auch Mitveranstalter der beiden Aktionen am Samstag und Sonntag zum Ende der diesjährigen Aktionswoche Alkohol ist.

Welche Rolle spielt Alkohol für die jugendlichen Fans?

Viele sind schon damit groß geworden, dass Fußball und Bier zusammengehören. Auf jedem Fußballplatz haben Erwachsene oft eine Flasche Bier in der Hand, wenn sie ein Spiel des Ortsvereins ansehen. Den jungen Amateurmannschaften stellt der Trainer nach dem Spiel einen Kasten Bier in die Kabine. Im Stadion wird die Hälfte des gesamten Umsatzes mit dem Bierverkauf gemacht. Dort haben wir dann eine brisante Mischung aus Alkohol, einer großen, emotional aufgeheizten Menschenmenge, einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl der Fans und der ungebremsten Leidenschaft für den Verein.

Fußballfans mit Biergläsern

Bier gehört für jugendliche Fans zum Fußballspiel

Das Thema Alkohol im Fußball ist medial schon oft aufgegriffen werden. Für viele Stadionbesucher gehört das Bier aber unbedingt dazu. Wie positionieren Sie sich gegenüber den Fans?

Wir werden ihnen sicher nicht predigen, dass man auch ohne Alkohol Spaß haben kann. Dann würden die meisten Fans sofort dichtmachen. Erst recht die Fanszene, die als Risikogruppe gilt. Ich finde, das Motto der Aktionswoche "Weniger ist besser" passt sehr gut. Es geht nicht darum, auf Bier zu verzichten, sondern eigene Grenzen zu erkennen. Wann verändert Alkohol mein Verhalten, wann kippt meine Motorik und Sprache und was macht das mit mir und den Leuten in meinem Umfeld? Diese Fragen stellen wir anhand von Spielen, Karten, Rauschbrille und Gesprächen. Prävention sollte immer alle Sinne ansprechen.

Am Samstag laden Sie die Fans zu sich in die Beratungsstelle ein, am Sonntag gehen sie sogar ins Stadion. Was passiert da?

Zum letzten Heimspiel des VfL Bochum bringen wir Rauschbrillen, die unterschiedliche Promillegehälter simulieren, eine Torwand und Bälle mit. Wir laden die Fans ein, auf dem Stadiongelände mit Rauschbrille einen Dribbelparcours zu durchlaufen und auf eine Torwand zu schießen. Das zeigt dann sehr eindrücklich, wie Alkohol unsere Motorik einschränkt. Mit dieser Aktion wollen wir dort auf unsere Beratungsangebote aufmerksam machen, wo die Fans am liebsten sind: im Stadion.

Methodenkoffer Alkoholprävention

Alles rund ums Thema Alkohol: Koffer mit Rauschbrille

Um Gewaltexzesse zwischen den Fans unterschiedlicher Vereine zu verhindern, ist schon laut darüber nachgedacht worden, Alkohol im Stadion zu verbieten. Was halten Sie von solchen Forderungen?

Das kann nicht die Lösung sein, denn damit trifft man ja auch all diejenigen Fußballfans, die friedlich sind. Außerdem wird bereits auf dem Weg zum Stadion und nach dem Spiel getrunken. Hier leisten die Fanprojekte übrigens eine gute Arbeit, denn sie begleiten die Jugendlichen schon auf dem Weg ins Stadion. Uns geht es in der Prävention darum, einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol zu vermitteln. Für viele ist das Stadion ein Ort, an dem sie einfach mal laut sein, ihre Mannschaft anfeuern, aber auch den Gegner beschimpfen können. Und das darf auch so sein. Aber man sollte, wie gesagt, die persönlichen Grenzen kennen.

Und wo sind die?

Das ist unterschiedlich. Die Grenzen zwischen Genuss, missbräuchlichem Konsum und Abhängigkeit sind oft fließend. Die Jugendlichen fragen gerne, ab wie viel Flaschen Bier ein Mensch süchtig ist. Doch die Menge ist nur ein Kriterium. Es geht auch um die Steigerung der täglichen Dosis oder darum, ob ich Alkohol brauche, um meinen Alltagsfrust zu vergessen, mich besser, stärker, selbstbewusster zu fühlen. In der Regel können wir mit den Jugendlichen darüber offen reden. Ich hoffe, dass wir jetzt auch die Fans erreichen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Die Aktionswoche Alkohol findet vom 13. bis 21. Mai 2017 unter dem Motto "Alkohol? Weniger ist besser!" statt. Die Präventionskampagne wird alle zwei Jahre von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen initiiert. Unter den Mitgliedseinrichtungen der Diakonie RWL bieten zahlreichen Beratungsstellen, Fachkliniken und Selbsthilfegruppen Veranstaltungen und Aktionen an.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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