10. November 2021

Aktionstag Suchtberatung

"Vorsicht ist besser als Nachsicht"

Alkohol, um besser einzuschlafen, Cannabis, um besser drauf zu sein: Viele Jahre hat Diana (Name geändert) gebraucht, um ihre Suchterkrankung zu erkennen und sich Hilfe im Alltag zu holen. Auf ihrem Weg in die Abstinenz hat die "Fachstelle Sucht" der Diakonie in Herten sie begleitet. Am heutigen Aktionstag Suchtberatung erzählt Diana ihre Geschichte.

  • Eine Frauenhand sagt Stopp zu einem Glas Alkohol.

Sie führen heute ein Leben, in dem Alkohol und Cannabis keine Rolle mehr spielen. Wie offen reden Sie mit den Menschen in Ihrem Umfeld über Ihre Vergangenheit?

Ich bin jetzt 42 Jahre alt und Drogen haben schon in meiner Kindheit mein Leben bestimmt. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen wissen davon, denn ich bin sehr aufmerksam, wenn es um Alkohol- und Drogenkonsum geht. Das spreche ich direkt an und erzähle dann auch von mir. In der Öffentlichkeit möchte ich aber darauf verzichten, dies mit Foto und mit meinem echten Namen zu tun.

Sie haben schon als Kind erlebt, wie Drogen Menschen verändern und schaden. Warum hat das nicht dazu geführt, dass Sie selbst die Finger davon gelassen haben?

Es klingt verrückt, aber ein Leben mit Drogen kannte ich und wusste, wie ich damit zurechtkomme, auch wenn ich darunter gelitten habe. Meine Mutter und mein Stiefvater waren beide heroinabhängig. Als Älteste von drei Geschwistern habe ich mich um die Familie gekümmert und dafür gesorgt, dass wir ein halbwegs normales und unauffälliges Alltagsleben hatten. Mein Glück war es damals, dass ich mit 15 Jahren zu meinen Großeltern ziehen konnte. Da habe ich dann zum ersten Mal die Verantwortung abgeben und mich um mich selbst kümmern können, meinen Schulabschluss und eine Ausbildung zur Kinderpflegerin gemacht. Doch leider habe ich mir dann mit 20 Jahren den falschen Partner ausgesucht, der Cannabis und Kokain konsumiert und gedealt hat. 

Und dann sind Sie selbst suchtabhängig geworden?

Nicht direkt. Aber ich war in meiner alten Rolle als "Co-Abhängige". Ich habe alles getan, damit es ihm gut geht. Alles drehte sich nur noch um diesen Mann. Heute kann ich mir nicht mehr erklären, warum ich mich über zehn Jahre auf ein Leben mit ihm eingelassen habe. Irgendwann waren wir beide arbeitslos und haben in heruntergekommenen Wohnungen gelebt. Auf Partys habe ich regelmäßig eine Tüte Cannabis geraucht und irgendwann damit angefangen, jeden Abend Alkohol zu trinken, damit ich einschlafen konnte. 

Ein Paar streitet sich. Vor ihm steht ein Glas Alkohol.

Alkohol kann eine Beziehung vergiften: Diana hat es selbst erlebt. 

Doch wenn man trinkt, funktioniert man im Alltag nicht mehr so gut. Ich wurde aggressiver und habe mich viel mit meinem Partner gestritten. Schließlich hat er mich gedrängt, eine Entgiftung mit anschließender ambulanter Therapie zu machen. Aber ich bin rückfällig geworden.

Wann haben Sie es geschafft, diesen Mann zu verlassen?

Ein paar Monate später habe ich endlich den Schritt gewagt und bin ausgezogen. Mit der Trennung von meinem Partner konnte ich den exzessiven Alkohol- und Cannabis-Konsum beenden. Ich dachte, nun sei ich "geheilt" und habe es zwei bis drei Jahre tatsächlich geschafft, nur ab und zu mal zu trinken und zu kiffen. Ich habe mich ehrenamtlich in einem Projekt der Diakonie engagiert und einen neuen Freundeskreis aufgebaut. 

Doch dann musste mein Hund eingeschläfert werden, den ich sehr geliebt habe. Das war ein solcher Schock, dass ich mit dem toten Hund in der Tasche direkt zum Supermarkt gefahren bin, um Alkohol zu kaufen. Tagelang habe ich nur getrunken, aber dann die Reißleine gezogen, weil ich diesen Absturz überleben wollte. Nach einer erneuten Entgiftung und Langzeittherapie in einer Reha-Klinik bin ich direkt zur Suchtberatung der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen gegangen. Mir war diesmal klar, dass ich professionelle Hilfe im Alltag brauche, um abstinent zu bleiben. 

Zwei Frauen sitzen sich an einem Tisch gegenüber.

Diana (rechts) mit Angela Buschmann-Rorowski von der diakonischen "Fachstelle Sucht Herten" 

Wie hat die diakonische Suchtberatung Sie dabei unterstützt?

Neben Einzelgesprächen ist die Gruppentherapie wichtig, die jede Woche stattfindet. Wir reden offen darüber, was uns Angst im Alltag macht und was dazu führen könnte, dass wir rückfällig werden. Zu sehen, dass ich mit meinem Problem nicht alleine bin, hat mir sehr geholfen. Ich habe gelernt, zu meiner eigenen Vergangenheit zu stehen und für mich zu sorgen. Von "Seelenräubern" – also Menschen, die mir nicht gut tun – kann ich mich heute distanzieren und Situationen, die mich wieder in die Sucht führen könnten, besser einschätzen. Da hole ich mir lieber direkt Hilfe, denn Vorsicht ist besser als Nachsicht. 

Was sind schwierige Situationen, in denen Sie rückfällig werden könnten?

Herausfordernd ist für mich der Umgang mit meiner Familie. Da brauche ich Distanz, habe aber andererseits auch Halt bei meinen Großeltern gefunden. Als mein Opa letztes Jahr todkrank wurde und starb, war das schwer für mich. Da habe ich bei der diakonischen Suchtberatung noch mal präventiv eine Auffrischungstherapie gemacht. Das war zum Glück auch unter Corona-Bedingungen schnell möglich. Seit vier Jahren lebe ich nun abstinent und bin optimistisch, dass es dabei bleibt. Ich weiß, wo ich Hilfe bekomme und fühle mich wohl in meinem Leben mit eigener Wohnung, neuem Partner und Freunden und einem inzwischen festen Job in einer Einrichtung der Diakonie. 

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Shutterstock, Regine Zarnekow (Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen)

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ralph Seiler
Geschäftsfeld Krankenhaus und Gesundheit
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Allein in NRW gelten rund vier Millionen Menschen als suchtkrank. Davon sind etwa 1,6 Millionen alkoholabhängig. Am bundesweiten Aktionstag Suchtberatung macht die Freie Wohlfahrtspflege NRW darauf aufmerksam, dass die über 170 Sucht- und Drogenberatungsstellen in NRW in der Pandemie stark nachgefragt werden, aber oft nicht ausreichend finanziert sind. "Gerade für die Zeit nach der Krise wird es wichtig sein, zusätzliche Angebote zu entwickeln, um die steigenden Beratungsanfragen bedienen zu können", betont Diakonie RWL-Suchtexperte Ralph Seiler. Etwa die Hälfte der Suchtberatungsstellen in NRW befindet sich in Trägerschaft der Diakonie.

Die "Fachstelle Sucht Herten" der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen begleitet jährlich über 300 suchtkranke Menschen. Rund die Hälfte meldet sich selbst, etwa 30 Prozent werden von Angehörigen und 20 Prozent vom Arbeitgeber oder Behörden an die Suchtberatung verwiesen.