10. Mai 2021

Tag der Kinderbetreuung

Verrückte Normalität

Keine Frage, der Kita-Alltag im Notbetrieb ist schwierig. Er ist in Pandemie-Zeiten von ständig wechselnden Vorschriften und Beschränkungen bestimmt. Doch wie genau steht es um die Psyche der Kleinsten, wie um die Bildungspartnerschaft zwischen Kita und Eltern? Unsere Kita-Fachexpertinnen Claudia March und Kim Dietz nehmen zum heutigen Tag der Kinderbetreuung Stellung.

  • Ein Kind sitzt in der Kita vor bunten Farbtöpfen

20.000 Kita-Fachkräfte aus 1.700 evangelischen Kitas in NRW gehen seit über einem Jahr mit den einschränkenden Infektionsschutzmaßnahmen immer wieder neu kreativ um, berichten die Kita-Expertinnen Claudia March und Kim Dietz von der Diakonie RWL. Das Geschäftsfeld Tageseinrichtungen für Kinder in der Diakonie RWL vermittelt zwischen Landesministerium und den Kita-Trägern, informiert über die Veränderungen und bringt Erfahrungen und Auswirkungen der Praxis in die ministeriellen Gespräche ein. 

Kitafachkräfte und Kinder begegneten den Einschränkungen in der Pandemie mit kreativen Lösungen.

Die Krise nutzen: Kitafachkräfte und Kinder begegneten den Einschränkungen in der Pandemie mit kreativen Lösungen, so Kita-Expertin Claudia March.  

Über den Tellerrand blicken

Kinder müssen in getrennten Gruppen betreut werden, dürfen sich nicht frei im Haus bewegen. Immer wieder Hände waschen, sich das Mittagessen nicht mehr selbst nehmen und nicht mehr die Mitarbeiterin aus der Nachbargruppe treffen. Wo Vorschriften die Mit- und Selbstbestimmung der Kinder einschränken, da lernen die Kleinsten: "Wo kann ich in der Einschränkung noch selbst wirksam sein", sagt Claudia March. Wie kann eine Beteiligung der Kinder an notwendigen Veränderungen und Entscheidungen gesichert werden? Welche Spielräume an Möglichkeiten können neu geschaffen werden? 

"Die Kinder finden heraus, was die Einschränkungen im Alltag bedeuten. Mitarbeitende und Kinder überlegen immer wieder neu, wie das Frühstück unter den wechselnden Infektionsschutzmaßnahmen aussehen kann oder die Kontakte zu den Freunden der Nachbargruppe gepflegt werden." Den Kindern trotz der verunsichernden Krise ein vertrautes Umfeld zu bieten, ist die Herausforderung für die Erzieherinnen und Erzieher, betont March.   

In der Pandemie Halt geben, obwohl man selbst Halt braucht.

In der Pandemie Halt geben, obwohl man selbst Halt braucht, das ist für die Kitafachkräfte die größte Herausforderung, so Kita-Expertin Kim Dietz.

Die Pandemie ist das sehr große Päckchen obendrauf

Die Kitafachkräfte stellen sich den Fragen und Nöten der Kinder und Eltern. "Das aber ist eine emotionale Herausforderung, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst viele Fragen haben und eigene Sorgen in Bezug auf eine mögliche Infektion mit sich herumtragen."

 "Die Pandemie ist das sehr große Päckchen obendrauf", beschreibt Kim Dietz. Alltagssorgen, die ohne die Pandemie und mit entsprechendem Ausgleich schon belastend genug sind, werden in vielen Familien groß. All diese Sorgen in den Familien spüren die Kinder. Das ist ein dauerhafter Druck von allen Seiten. "Verlässlichen Halt zu geben, das ist das, was die Erzieherinnen und Erzieher in der Pandemie leisten, mit großer Nähe und oftmals ohne Maske", hebt die Kita-Expertin Dietz hervor.  

Bildungspartnerschaft kreativ verteidigen

Wenn also die täglichen Begegnungen zwischen Eltern und Fachkräften nur auf Distanz möglich sind, Treffen mit Elterngruppen oder Familienaktionen eingeschränkt bleiben, was passiert dann mit der Bildungspartnerschaft zwischen Kita und Eltern? "Die Distanz erschwert die persönliche Beziehung und Fachkräfte haben sehr schnell neue Formate entwickelt, diesen Austausch zu sichern. Gespräche finden im Freien, am Telefon oder per Videokonferenz statt", so March.    

In der ersten Welle, als die Kitas geschlossen waren, erstellten die Fachkräfte Materialpakete für zu Hause. Sie drehten Videos mit Anleitungen für Kreativaktionen zu Hause, schrieben Briefe oder boten Morgenkreise über Zoom an. Die Familien antworteten mit Fotos und selbstgemalten Bildern. "In Köln wurden Kirchen für den Materialtausch und zum Ausstellungsort der kreativen Werke genutzt", berichtet March. "Im Kirchenkreis Bottrop-Gladbeck-Dorsten gibt es sogar einen Kindergottesdienst to go in Tüten", sagt Dietz. Das könne den realen Austausch zwar nicht gleichwertig ersetzen, aber daran zeige sich die Erfindungskraft der Erzieherinnen und Erzieher, die Krise mit Ideen zu neuen Wegen zu nutzen

Der Computer als Mittelpunkt der Kommunikation in der Krise.

Die Großen machen es vor. Die Kleinen machen es nach – der Computer ist DAS Mittel, um mit den Freunden in Kontakt zu bleiben. 

Die Digitalisierung rückt in den Mittelpunkt

"In der Pandemie bekommt die Digitalisierung einen ordentlichen Schub", so March. Maßgebliches Mittel der Kommunikation in der Krise ist der Computer geworden. Digitale Bildung ist auch Thema in der Kita.

Kinder nutzen digitale Werkzeuge, wie Tablets, Kameras und Drucker, um einen kleinen Käfer vergrößert zu betrachten, um eigene Bauwerke zu fotografieren und auszudrucken oder um eine eigene Geschichte zu filmen. Langsames WLAN veraltete Computer oder fehlendes Digitalwissen begrenzen aber die Digitalisierung in der Kita – noch. Denn die Pandemie zeige die Schwächen der Infrastruktur deutlich auf. Hier brauchen die Kitas eine finanzielle Unterstützung und IT-Support, wie die Schulen. 

In der Pandemie zeigen Kinder und Jugendliche mehr Symptome von Depression und Angst.

Studien zeigen: In der Pandemie zeigen Kinder und Jugendliche mehr Symptome von Depression und Angst.

Das Problem bleibt: Infektionsgefahr versus soziale Kontakte

Doch mangelnde Digitalisierung ist nicht das einzige Problem. "Die Eltern sind damit konfrontiert, den Weg zwischen Infektionsschutz und sozialer Entwicklung für ihre Kinder abzuwägen", betont March. "Die Auswirkungen der Pandemie und der Eindämmungsmaßnahmen spiegeln sich in der psychischen Gesundheit der Kinder wider", so Dietz. 

Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche in den ersten Wochen der Pandemie häufig Symptome von Depression, zum Beispiel geringes Interesse, Müdigkeit oder geringeren Appetit zeigten. Oder sie äußerten Ängste Sorgen um Schule, vor wirtschaftlichen Folgen oder der Möglichkeit, selbst an Covid-19 zu erkranken. "Insbesondere bei jüngeren Kindern können sich erhöhte familiäre Stresslevel durch regressive Verhaltensweisen wie Schreien oder einen Rückfall in nicht altersgerechte Verhaltensweisen, aber auch in Reizbarkeit und Aggressivität ausdrücken", heißt es im Journal of Health Monitoring 4/2020. Erst nach der Pandemie wird das Ausmaß der Spätfolgen für Kinder und Jugendliche zu erkennen sein.

Neben den Kindern sind auch die Fachkräfte in einem Dilemma: Sie möchten den Kindern einen möglichst unbeschwerten Kita-Alltag anbieten und müssen dafür den eigenen Infektionsschutz zurückstellen. Sie möchten genug Zeit mit den Kindern verbringen, um deren Gedanken und Sorgen zur Pandemie aufzufangen. Ihre Zeit und Energie fließt dabei aber immer wieder in die Umsetzung neuer Verordnungen, die Organisation der Hygienemaßnahmen und die Verteilung der Selbsttests für alle Kinder. 

Bundes-Aufholprogramm zu kurz gedacht

Da sind sich March und Dietz einig, wenn Sie über das "Aktionsprogramm Aufholen nach Corona"  von der Bundesregierung sprechen: Das zwei Milliarden-Euro-Paket sei grundsätzlich nicht falsch, aber zu klein und zu kurz gedacht. Die Maßnahmen zur Förderung der frühkindlichen Bildung wie zur Sprachförderung, dem Ausbau von Ferienfreizeiten und ein einmaliger "Kinderfreizeitbonus" von 100 Euro je Kind aus bedürftigen Familien kompensieren das Problem nicht.  

Offen bliebe die Frage, was die Kinder von dem Geld am Ende haben, so die Expertinnen. Eine Jahresmitgliedschaft in einem Sportverein plus Ausrüstung zehre den Bonus auf. Und eine Sprachförderung brauche persönliche Beziehungen und Zeit für Gespräche, um langfristig einen Effekt zu erzeugen. "Man denkt da oft in befristeten Programmen, die aber nicht reichen", so March. "Erst ein guter Personalschüssel kann die vielfältigen Spätfolgen der Pandemie auffangen."

Text: Christoph Bürgener
Fotos: Christopher Ryan/ Unsplash, Claudia March (privat), Kim Dietz (privat), Shutterstock.

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