26. Juni 2017

Protest der evangelischen Kitas

Mit Knete gegen die "Kita-Katastrophe"

Heute wird der Koalitionsvertrag in NRW unterzeichnet. CDU und FDP sind sich einig, dass mehr Geld in die Kindertagesstätten fließen muss und haben ein Rettungspaket für freie Träger angekündigt. Doch den evangelischen Kitas geht es "um mehr als Knete". Unter diesem Motto demonstrieren sie am 1. Juli in Bochum mit einer Menschenkette. Worum es tatsächlich geht, erklärt unsere Kita-Expertin Sabine Prott.

Portrait

Sabine Prott

Das Kinderbildungsgesetz hat viele evangelische Kindertageseinrichtungen in große Finanznöte geführt. Die Wuppertaler Diakonie forderte in ihrer Kampagne „kitastrophal“ mehr Geld. In Bochum rufen die Träger jetzt zu einer Menschenkette unter dem Motto "Es geht um mehr als Knete" für eine bessere Kita-Finanzierung und bessere Rahmenbedingungen auf. Wie groß ist die Not?

Die Kitas in NRW sind schon seit Jahren unterfinanziert. Und zwar so stark, dass immer mehr Einrichtungen mit dem Rücken zur Wand stehen. Auch die jetzt von der Bundesregierung angekündigten 240 Millionen Euro für die Kitas in NRW bis 2021 sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Freie Wohlfahrtspflege in NRW hat errechnet, dass im System der Kita-Finanzierung insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro fehlen. Der größte Kostenfaktor sind die Personalkosten.

Wie zeigt sich das?

Das Kinderbildungsgesetz (Kibiz) sieht eine jährliche Steigerung der Pauschalen um 1,5 Prozent vor. Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren bei den Trägern der 1.600 evangelischen Kitas eine Steigerung um durchschnittlich circa 2,5 Prozent. Allein im Jahr 2015 sind die Personalkosten aufgrund der Höhergruppierung der Erzieherinnen um 5,5 Prozent gestiegen. Im Prinzip ist es ganz einfach: Wir brauchen eine Finanzierung der realen Personalkosten oder zumindest eine an den Personalkostensteigerungen orientierte Dynamisierung der Pauschalen.

Hochseilgarten

Die Finanzierung der Kitas darf kein wackeliger Hochseilakt mehr sein, fordern die Träger (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Die Koalitionsverhandlungen in NRW sind gelaufen. Dabei ging es schwerpunktmäßig auch um die Kitas. Was erwarten die evangelischen Kindertageseinrichtungen von der neuen Regierung unter CDU-Ministerpräsident Armin Laschet?

Wir brauchen Planungssicherheit für die Träger. Es muss Schluss sein mit befristeten Verträgen, nur weil die Finanzierung so unklar ist. In Zeiten von Fachkräftemangel – und der ist auch in den Kita-Teams belastend spürbar – müssen wir Personal binden und neues ausbilden. Auch das kostet Geld. Viele Rücklagen, die eigentlich für Investitionen in die bauliche Substanz dringend erforderlich wären, sind in den laufenden Betrieb geflossen. Die Kitas bestehen inzwischen oftmals nur weiter, weil Kirchenkreise und Kommunen Geld ins System schießen. Wir wollen ein neues Gesetz und eine neue Finanzierungsgrundlage für die Kitas. Ebenso drängen wir auf Sicherung und Weiterentwicklung der bestehenden fachlichen Qualitätsstandards und die Wiedereinführung landeseinheitlicher Elternbeiträge. 

Immer wieder wird auch damit gedroht, die Trägerschaft von Kitas aufzugeben. Wie beraten Sie die Einrichtungen?

Kirche und Diakonie engagieren sich für Kinder in der Kirchengemeinde und im Stadtteil. Die Kindertageseinrichtungen sind oft ein zentraler Bestandteil von Gemeinden und grundlegender Baustein im Gemeindeaufbau. Das ist uns sehr wichtig. Kirchengemeinden beteiligen sich auch finanziell – es gibt ja weiterhin den Trägeranteil von 12 Prozent. Und vor Ort fließen da auch noch mehr Gelder, sonst wären viele Einrichtungen schon längst am Ende. Aber es kann nicht sein, dass alle damit beschäftigt sind, immer wieder Löcher zu stopfen. Vielen Trägern, die sich hilfesuchend an uns wenden, haben wir geraten: Wartet die Wahl ab, dann wird etwas passieren. Wir brauchen die Kitas für die frühkindliche Bildung. Man sollte dieses flächendeckende Netz nicht zerstören. So schnell kann das nicht wieder aufgebaut werden.

drei bunte Stücke Knete

Nicht nur Geld, sondern auch Qualitätsstandards sind nötig: Kampagnenplakat für die Bochumer Menschenketten-Aktion 

Wie wirkt sich die Unterfinanzierung der Kitas aus? Was erleben Sie vor Ort?

Mittlerweile ist die Wut und Frustration in vielen Kindertageseinrichtungen richtig groß. Leitungen haben beispielsweise keine Zeit für Planung und Organisation, weil sie wegen des Personalmangels in den Kita-Gruppen bei Krankheit oder Urlaub vertreten müssen. Die Einrichtungen sind hoch engagiert, aber extrem belastet. Wir spüren das bei unseren Fortbildungen. Da sind schon Seminare ausgefallen, obwohl das Interesse am Thema sehr groß war. Die Erzieher und Erzieherinnen kommen quasi aus den Einrichtungen nicht raus, weil mit den Finanzmitteln meist nur noch die Mindestpersonal-Ausstattung vorgehalten werden kann. Darunter leidet langfristig die Qualität.

Für Kinder unter drei Jahren werden trotz des massiven Ausbaus noch weitere Plätze benötigt. In vielen Kommunen gibt es auch nicht genügend Plätze für Kinder über drei Jahren. Hinzu kommen noch die Flüchtlingskinder. Wie sieht es mit deren Integration aus?

Die rot-grüne Landesregierung hat einen Bedarf von rund 9.000 Plätzen für Flüchtlingskinder errechnet. Nach den bisherigen Erfahrungen in unseren Kitas gehen wir aber davon aus, dass es mehr sein müssen. Doch mit dem Ausbau der Plätze alleine ist es ja nicht getan. Die Integration der Flüchtlingskinder braucht neue Ideen, Konzepte und interkulturelles Engagement. Das leisten die Mitarbeiterinnen schon jetzt, ohne dass es zusätzlich finanziert wird. Es ist wirklich Zeit für eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Bildung, Erziehung und Betreuung in den Kitas in NRW. Wir unterstützen deshalb ausdrücklich die Kampagnen in Wuppertal und Bochum.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (1 Stimme)