8. Juni 2021

Lust auf soziale Berufe

Ein Tag in der Kita

Eigentlich wollte Marcel Raczka Bauingenieur werden. Doch dann schenkte er seine alten Spielsachen einer Evangelischen Kita in Arnsberg. Und plötzlich war da die Idee, Erzieher zu werden. Jetzt macht Marcel Raczka dort seine Ausbildung. Der 23-jährige Azubi ist begeistert von einem Beruf, in dem er als Mann besondere Akzente setzen möchte.

  • Erzieher Marcel Raczka vor der Evangelische Regenbogen Kita in Arnsberg (Foto: privat)
  • Kiste mit Spielsachen (Foto: pixabay)
  • Wie wird man Erzieher oder Erzieherin? Wir haben die wichtigsten Infos zusammengefasst.

Statt in der Uni Dortmund an Bauplänen und Rechenmodellen zu sitzen, mache ich seit August 2020 eine Ausbildung zum Erzieher. Ich mag diesen Beruf so sehr, dass ich dafür mein Studium abgebrochen habe. Auch als Erzieher gibt es eine Menge zu lernen. Montags und dienstags bin ich in der Berufsschule, mittwochs bis freitags im Evangelischen Regenbogen-Kindergarten in Arnsberg. In meiner dreijährigen "Praxisorientierten Ausbildung" sind Theorie und Praxis enger verzahnt als im bisher üblichen Modell, bei dem erst nach zwei Jahren Schule ein Anerkennungsjahr folgt.

Wenn ich am Mittwochmorgen um acht Uhr in die Kita komme, begrüßen mich einige Kinder direkt damit, dass sie mich vermisst haben. Sie wollen genau wissen, wie es in der Berufsschule war. Diese Neugierde und Offenheit fasziniert mich immer wieder. In meiner Kita arbeiten zehn Erzieherinnen und eine Hauswirtschafterin. Hinzu kommt ein Hausmeister. Gemeinsam mit ihm und der Leitung sind wir also drei Männer. Wir betreuen 65 Kinder in drei Gruppen. Es gibt Früh- und Spätschichten, aber als Azubi bin ich davon ausgenommen.

Marcel Raczka, Azubi in der Evangelischen Regenbogen-Kita in Arnsberg, liest Kindern ein Buch vor (Foto: privat)

Die Kinder hören gerne zu, wenn Marcel Raczka ihnen ein Buch vorliest.

Alles findet in den Gruppen statt

Seit der Pandemie bleiben alle in ihren jeweiligen Gruppen. Um die Ansteckungsgefahr möglichst gering zu halten, darf keine Durchmischung stattfinden. Mit drei Erzieherinnen bin ich für zwanzig Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren zuständig.

Bis etwa zehn Uhr können sie in unserem Gruppenraum auf dem Bauteppich, in der Puppen- oder Bastelecke spielen und auch ihr Frühstück essen, das sie sich von zu Hause mitbringen. Dann findet unser Morgenkreis statt, in dem wir alle begrüßen, singen und über den Tag sprechen. Viele Kinder machen sich in dieser Pandemie Sorgen. Sie sind unruhiger und vermissen es, sich frei in der Kita bewegen zu können. Mal alleine eine andere Gruppe besuchen oder in unserem schönen Turnraum toben – das geht nicht. 

Kinder der Evangelischen Regenbogen-Kita in Arnsberg spielen draußen in Regenkleidung (Foto: Marcel Raczka)

Egal, bei welchem Wetter - die Kinder gehen täglich raus.

Spielen, toben und bauen 

Zum Glück haben wir ein großes Außengelände mit vielen Spielgeräten. Dort sind wir jetzt fast immer nach unserem Morgenkreis. Damit die Kinder sich auch mal ausruhen können, habe ich ein Palettensofa für sie gebaut. Im Sommer hatten wir eine große Rutschplane auf der Wiese, für die ich einen Sichtschutz am Zaun angebracht habe. 

Wenn es um solche Arbeiten oder auch Reparaturen geht, werde ich als Mann oft gefragt, ob ich das übernehmen kann. Ich mache das gerne. Schließlich wollte ich mal Bauingenieur werden. Gleichzeitig möchte ich Rollenklischees überwinden. Ich bin nicht nur handwerklich geschickt und sportlich, sondern kann auch trösten und einfühlsam sein. Ich mag an meinem Beruf, dass ich all diese Seiten von mir einbringen kann. Bestärkt werde ich darin in meiner Ausbildung zum Vater-Kind-Trainer, die ich berufsbegleitend mache. 

Als Azubi lerne ich viel über Entwicklungspsychologie und Bindungstheorien, Sozialverhalten, motorische und kognitive Fähigkeiten. Für die Entwicklung von Kindern sind männliche Vorbilder wichtig. Sie bringen andere Sicht- und Verhaltensweisen ein und sorgen damit für Vielfalt. Ich finde, es ist eine große gesellschaftliche Aufgabe, Kinder zu erziehen und zu bilden.

Bistro der Evangelischen Regenbogen-Kita in Arnsberg (Foto: Marcel Raczka)

Verwaistes Bistro: Dort gibt es während der Pandemie kein Mittagessen mehr. Die Kinder vermissen das.

Gemeinsam essen unter Hygienebedingungen

Zum Mittagessen gehen wir mit unserer Gruppe wieder in unseren Raum. Vor der Pandemie waren alle Kinder zusammen in unserem Bistro und konnten sich ihr Essen selbst am Buffet zusammenstellen. Das geht jetzt nicht mehr. Die Erzieherinnen und Erzieher machen für jedes Kind einen Teller fertig. Das verlangen unsere Hygienevorschriften

Nach dem Mittagessen werden schon die ersten Kinder von den Eltern abgeholt. Sie dürfen nicht in die Kita kommen, sondern müssen an der Tür warten. Das ist schade, denn es gibt jetzt viel weniger spontane Gespräche mit den Eltern. Bis alle Kinder gegen 16 Uhr abgeholt werden, gehen wir oft noch mal raus oder spielen zusammen im Gruppenraum. Besonders gerne mögen die Kinder unseren "Kinotag". Dann sehen wir uns Kurzfilme über Tiere an und diskutieren anschließend darüber. Was die Kinder gelernt haben, ist oft auch noch Thema an unseren "Waldtagen", wenn sie Spuren von Füchsen oder Vogelnester suchen.

Ideentafel der Evangelischen Regenbogen-Kita in Arnsberg (Foto: Marcel Raczka)

Die Kinder malen, was sie mit der Gruppe machen möchten und heften es an die von Marcel Raczka entworfene "Ideentafel".

Ideentafel – damit nichts verloren geht

Damit all die Themen, die die Kinder interessieren, nicht verloren gehen, habe ich eine "Ideentafel" entwickelt. Darauf befinden sich Bilder, auf die die Mädchen und Jungen gemalt haben, was sie gerne mal machen würden. Die Idee zu dieser Tafel ist mir in der Schule gekommen. Was ich dort lerne, bespreche ich regelmäßig mit einer Erzieherin, die meine "Anleiterin" ist. Mit ihr gehe ich auch meine Beobachtungsbögen durch, auf denen ich die Entwicklungsschritte der Kinder schriftlich festhalte.

Nachdem alle Kinder abgeholt wurden, desinfizieren wir den Gruppenraum. Danach fahre ich in meine Wohnung. Manchmal lerne ich dort noch für die Schule, denn wir schreiben regelmäßig Klausuren und müssen auch Hausaufgaben machen. Doch oft bin ich auch so erledigt, dass ich das lieber aufs Wochenende schiebe. Die Berufsschule beginnt schließlich erst wieder am Montag.

Protokoll: Sabine Damaschke, Fotos: Marcel Raczka

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Prott
Geschäftsfeld Tageseinrichtungen für Kinder
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Insgesamt arbeiten in Deutschland knapp 632.000 Erzieherinnen und Erzieher in etwa 58.000 Kitas. Durch den Rechtsanspruch auf Betreuung und die Möglichkeit, auch für Kinder unter drei Jahren einen Kita-Platz zu erhalten, ist der Bedarf an pädagogischem Personal deutlich gestiegen. Experten gehen davon aus, dass rund 215.000 Fachkräfte fehlen. Rund 93 Prozent des Personals in Kitas ist weiblich. Immerhin hat sich die Zahl des männlichen Fachpersonals seit 2010 verdreifacht.

In NRW gibt es etwa 10.000 Kitas, davon werden 7.500 von freien und kirchlichen Trägern betrieben. Sie betreuen etwa 621.000 Kinder unter sechs Jahren.
In evangelischer Trägerschaft befinden sich rund 1.700 Kitas, in denen rund 20.000 Erzieherinnen und Erzieher arbeiten.