5. Mai 2020

Kitas in der Corona-Pandemie

Normaler Alltag nicht in Sicht

Wann öffnen die Kindertagesstätten wieder? Während Länder und Bundesregierung über Alleingänge einzelner Bundesländer und Konzepte zum Infektionsschutz in den Betreuungseinrichtungen diskutieren, bereiten sich die Kitas schon jetzt auf eine schrittweise Wiederaufnahme des Betriebs vor. Die geforderten Hygienemaßnahmen stellen die Einrichtungen aber vor große Herausforderungen. Vor allem die strikte Trennung der Gruppen bereitet ihnen Kopfzerbrechen.

  • Die Corona-Pandemie wird Teil des Alltags und Spiels vieler Kinder. (Foto: Shutterstock)
  • Regenbogen mit einer klaren Botschaft: Bleibt zuhause, damit wir uns bald wiedersehen. (Foto: Kita Helmertweg)

Jeden Tag schaute der kleine Junge bei Kita-Leiterin Anke Werner im Büro vorbei, um sich mit ihr zu unterhalten. Doch ganz plötzlich wollte der Sechsjährige nichts mehr von der Erzieherin wissen. Erst nach ein paar Tagen fand die Leiterin der Integrativen Tageseinrichtung "Am Bilderstöckchen" in Köln heraus, warum: "Der Junge war sauer auf mich, weil er meinte, dass ich für die Schließung der Kita verantwortlich sei", sagt Werner. Denn seit dem plötzlichen Corona-Shutdown sind der Junge und ein vierjähriges Mädchen die einzigen Kinder in der Notbetreuung der Einrichtung. "Und da glaubte er, ich als Chefin sei daran schuld."

Dieser Fall zeige, dass auch Vorschulkinder oft damit überfordert seien, die durch die Corona-Krise verursachten Veränderungen zu verstehen. Die Kita-Leiterin rechnet damit, dass es noch mehr Kindern so gehen wird, wenn sie - so wie es die Pläne der Bundesregierung vorsehen – in den kommenden Wochen schrittweise in die Kitas zurückkehren. "Das wird eine große Umstellung für die Kinder, weil hier einiges anders sein wird."

Kinder warten vor einem Kindergarten.

Für die Kleinsten da sein: Seit über 200 Jahren betreibt die Diakonie Kindergärten.

"Büroalltag spielen" statt verkleiden

Um die Hygienevorgaben zu erfüllen, haben die Erzieherinnen bereits damit begonnen, umzuräumen. "Wir haben alles weggepackt, was zu körperlichem Kontakt auffordert“, sagt Werner. So wurden etwa die Frisör- und die Arzt-Spielecke sowie die Verkleidungen eingepackt. Stattdessen wurden die Bauecken räumlich vergrößert und eine Büro-Spielecke eingerichtet. Auch in der Essener Kita Helmertweg sind die Vorbereitungen auf die stufenweise Rückkehr der Kinder in vollem Gange. Dort seien zum Beispiel Pläne erstellt worden, um zu gewährleisten, dass Oberflächen regelmäßig abgewaschen sowie Tür- und Handgriffe desinfiziert würden, beschreibt Einrichtungsleiterin Katja Eimers.

Beide Kitas haben auch schon überlegt, wie sie das Bringen und Abholen der Kinder künftig organisieren, ohne dass die Eltern die Einrichtungen betreten. Denn die Eingangsbereiche sind zu eng, als dass die Mütter und Väter dort den gebotenen Abstand zu andern Kindern, Eltern oder Mitarbeiterinnen einhalten könnten. "Wir müssen außerdem den Flur abteilen", sagt Eimers. Denn die Hygiene-Vorschriften zur Wiedereröffnung der Kitas sehen vor, dass die Kinder in ihren Betreuungsgruppen bleiben und keinen Kontakt zu den anderen Kindern der Einrichtung haben dürfen.

In der kleinen, zweigruppigen Essener Kita geht das nur durch strikte räumliche Grenzziehung. Der Bewegungsraum und das Außengelände könnten künftig ausschließlich nach Zeitplan abwechselnd von den Gruppen genutzt werden, kündigt die Essener Kita-Leiterin an. Die größere, fünfgruppige Kölner Kita "Am Bilderstöckchen" ist dabei, das Außengelände so einzuteilen, dass jede Gruppe ihren eigenen Spielbereich bekommt.

Regelmäßiges Händewaschen gehört dazu: Die Kinder werden sich an strenge Hygieneregeln in den Kitas gewöhnen müssen.  (Foto: Shutterstock)

Regelmäßiges Händewaschen gehört dazu: Die Kinder werden sich an strenge Hygieneregeln in den Kitas gewöhnen müssen. 

"Trennung der Gruppen macht uns Bauchweh"

Einig sind sich die Kita-Leiterinnen, dass die Trennung der Gruppen im Alltag die größte Herausforderung wird. So müssten die Kinder zum Beispiel künftig in den Waschraum begleitet werden, um sicherzustellen, dass sie keinen Kontakt mit den Kindern der jeweils anderen Gruppe hätten, sagt Eimers. Das sei nicht nur ein immenser Aufwand. "Die Trennung der Gruppen macht uns wirklich Bauchweh." Denn fast alle der 21 Kitas des Diakoniewerks Essen haben ein offenes oder teiloffenes Konzept, bei dem die Kinder sich normalerweise frei zwischen den Gruppenräumen bewegen dürfen. "Viele Kinder werden nicht verstehen, warum sie das nicht mehr dürfen", fürchtet sie. "Wir werden gezwungen sein, gruppenübergreifende Freundschaften zu unterbinden." Noch schlimmer: "Wir haben Inklusionskinder, die das nicht so schnell verstehen und umsetzen können und dann wahrscheinlich wieder Rückschritte machen." Auch bei ruhigeren Kindern, die sich gerade geöffnet hätten, rechnet Eimers mit Rückschlägen. "Das wird ein ganz großes Problem." 

Ihre Kölner Kollegin Anke Werner sieht das ähnlich. Vieles, was die Kinder bislang selbstbestimmt tun konnten, werde künftig nicht mehr erlaubt sein. "Zum Beispiel dürfen sich die Kinder nicht mehr selbst beim Essen bedienen." Das müsse aus Hygiene-Gründen künftig von einer Mitarbeiterin ausgeteilt werden. "Vieles, worauf die Kinder stolz waren, müssen wir dann verbieten", bedauert Werner. Sie hält es auch für illusorisch, dass die Kinder auf Dauer Abstand untereinander und zu den Erzieherinnen halten. "Ein Kind kann beim Spielen nicht daran denken, Abstand zu halten." Auch ein Kind, das hinfällt und sich wehtut, könne nicht aus anderthalb Metern Entfernung getröstet werden. "Wir werden auch kein Kind abweisen, das auf uns zukommt und uns umarmt", sagt Werner. Eine solche Ablehnung würden vor allem die Kleineren nicht verstehen. "Das ist dann einfach unser Risiko", stellt die Kölner Kita-Leiterin fest.

Die Mitarbeitende der Kitas halten per E-Mail und Telefon Kontakt zu den Kindern und geben Inspirationen für Bastel- und Malaktionen oder Spiele. (Foto: Shutterstock).

Die Mitarbeitenden der Kitas halten per E-Mail und Telefon Kontakt zu den Kindern und geben Inspirationen für Bastel- und Malaktionen oder Spiele.

Weiter den Kontakt halten

Die Wiederöffnung der Kitas finden die Erzieherinnen trotz aller Schwierigkeiten richtig. "Ich finde, wir müssen versuchen, zum Wohle der Kinder schrittweise wieder zur Normalität zurückzukehren", fordert Eimers. Ein Problem sieht sie allerdings darin, dass eine Reihe von Mitarbeiterinnen der Kitas der Essener Diakonie wegen ihres Alters oder Vorerkrankungen zur Risikogruppe zählen. Diese würden freigestellt. In manchen Kitas sei dadurch mit Personalengpässen zu rechnen. 

Viele Mitarbeiterinnen sehnten aber die Rückkehr der Kinder herbei, sagt Eimers. Bis es so weit ist, versuchen sie, den Kontakt zu den Kindern mit E-Mails, Briefen und Telefonanrufen zu halten. Und Kinder, die Geburtstag haben, bekämen ein kleines Geschenk nach Hause geliefert, sagt Anke Werner. "Eine Kollegin klingelt dann, stellt sich unten hin und singt ein Geburtstagslied."

Text: Claudia Rometsch, Fotos: Shutterstock, Pixabay und Kindergarten Helmertweg.

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NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) schließt einen Alleingang seines Bundeslandes bei der Öffnung von Kitas nicht aus, sollte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 6. Mai im Gespräch mit den Ministerpräsidenten keine entsprechende Linie beschließen. Zwar sei davon auszugehen, dass dann eine bundesweite Entscheidung zur Öffnung von Kindergärten in Corona-Zeiten gefällt werde, "aber wird wir werden uns sicher nicht noch einmal eine Woche vertrösten lassen", betonte Stamp im Podcast "Morning Briefing" von Gabor Steingart. Er verwies auf ein bereits vorgelegtes Konzept der Familienminister für eine schrittweise Öffnung, das vier Phasen von der Notbetreuung auf dem Weg bis zur Rückkehr zum Regelbetrieb definiere. "Wir sind jetzt im Grunde in der Phase zwischen erweiterter Notbetreuung und improvisiertem Regelbetrieb - wenn man uns denn mal machen ließe", sagte Stamp. (epd)