19. April 2018

Kita-Öffnungszeiten

"Die Flexibilität der Kitas hat Grenzen"

Eltern in Nordrhein-Westfalen wünschen sich längere Öffnungszeiten und flexiblere Betreuungsangebote in den Kitas. Denn noch immer ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele ein Problem. Die sozialpolitische Beauftragte der Diakonie RWL, Helga Siemens-Weibring, sieht hier nicht nur Kita-Träger, Land und Kommunen in der Pflicht, sondern auch die Arbeitgeber. Heute nimmt sie dazu für die Freie Wohlfahrtspflege im Landtag Stellung.

Portrait

Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL 

Die Landesregierung will die Öffnungszeiten der Kitas reformieren. Die SPD-Opposition drängt nun darauf, die starren Buchungszeiten von 25, 35 und 45-Stunden-Plätzen abzuschaffen, um bei den Öffnungszeiten mehr Flexibilität zu erreichen. Halten Sie das für sinnvoll?

Diesen Vorschlag unterstützen wir. Abfragen unter den Eltern der rund 7.500 Kitas der NRW-Wohlfahrtsverbände zeigen klar einen steigenden Bedarf für die Betreuung von Kindern im Rahmen von 45 Wochenstunden. Doch wenn es Standard werden soll, nur noch 40 bis 45 Stundenmodelle anzubieten, wie die SPD es nun vorschlägt, braucht es eine andere Finanzierung. Für eine Kita, die neun Stunden täglich für alle Kinder geöffnet hat, ist mehr Personal nötig. Ganz zu schweigen von baulichen Veränderungen. Das alles würde nach unseren Berechnungen 1,5 Milliarden Euro kosten. 500 Millionen hat die NRW-Landesregierung mit ihrem Kita-Rettungspaket schon auf den Weg gebracht. Aber das reicht nicht.

Eine Kita, die jeden Tag neun Stunden Betreuung für alle Kinder sicherstellt, genügt berufstätigen Eltern, die Vollzeit arbeiten, oft nicht. Viele haben lange Anfahrtswege zur Arbeit, müssen Überstunden oder Schichtdienst machen. Wie flexibel kann eine Kita sein?

Die Flexibilität hat klare Grenzen. Es gibt Modellprojekte einer 24-Stunden-Kita. Dabei zeigt sich, dass der personelle Aufwand sehr hoch und teuer ist. Zumal die Betreuung an Randzeiten, also vor sieben und nach sechs Uhr sowie in der Nacht oder auch am Wochenende, keineswegs so stark von Eltern in Anspruch genommen wird wie alle denken. Und das hat auch damit zu tun, dass Eltern genau überlegen, was ihrem Kind gut tut. Und mit Blick auf das Kindeswohl können wir sagen, dass es ihnen in der Regel nicht gut tut, täglich mehr als neun Stunden in einer Einrichtung betreut zu werden. Statt Familien und Kitas zu immer mehr Flexibilität zu drängen, sollten wir die Arbeitgeber stärker in die Verantwortung nehmen.

Wie stellen Sie sich das vor?

Wir brauchen dringend eine familienfreundlichere Gestaltung der Arbeitszeiten. In der Diskussion um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht immer die Betreuungssituation im Vordergrund, die sich in Deutschland verbessern muss. Familie soll sich dem Arbeitsmarkt anpassen. Das ist total einseitig. Ich sehe die Arbeitgeber in der Pflicht, für ihre Mitarbeitenden mit Familie passende Arbeitszeitmodelle zu entwickeln – und sich auch für eine gute und verlässliche Betreuung zu engagieren. Sie sollten sich stärker an der Finanzierung von Kindergartenplätzen im eigenen Betrieb oder in den Kitas am Firmenstandort beteiligen. Die meisten Unternehmen wollen zwar gerne  eine Kita nahe an oder in ihrem Betrieb, sind aber häufig nicht willens, dazu die notwendige Mehrkosten, die über die reinen Platzkosten hinausgehen, zu zahlen.

Kitagebäude mit buntem Zaun

Längere Öffnungszeiten in den Kitas erfordern deutlich mehr Personal. Aber selbst wenn das Geld dafür da wäre, fehlen noch die Erzieherinnen und Erzieher. (Foto: Gebhart Gruber/pixelio.de)

Angenommen, gemeinsam mit Arbeitgebern, Landesregierung und Kommunen würde es gelingen, eine deutlich bessere Finanzierung der Kitas auf den Weg zu bringen und mehr Personal einzustellen. Gibt es dafür überhaupt die Fachkräfte?

Nein, derzeit jedenfalls nicht. Laut Studien fehlen bis zum Jahr 2025 bundesweit rund 330.000 Betreuungskräfte in den Kitas. Erzieherinnen haben heute mehr Wahlmöglichkeiten, wo sie arbeiten können: in der Erziehungshilfe, der Offenen Ganztagsschule oder der Kita. Der Job in einer Kindertagesstätte ist viel anspruchsvoller als früher. Daher werden auch erhöhte Anforderungen an die Kräfte gestellt. Die Betreuungszeiten sind länger, die Kinder jünger und die ethnische Vielfalt bunter. Hinzu kommt die Inklusion. Die individuelle Förderung der Kinder in den Kitas findet nicht nur zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gruppen statt wie es früher der Fall war, sondern erfolgt den ganzen Tag und wird auch ständig dokumentiert. Dem Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht zu werden, ist – wie gesagt - anspruchsvoll.

Wäre es nicht möglich, mehr mit Tagesmüttern zusammenzuarbeiten?

Es gibt schon Kooperationen mit Tagesmüttern, besonders für die Betreuung an Randzeiten. Die Kita organisiert dann für einzelne Kinder eine Betreuung vor sieben Uhr oder nach 16.30 Uhr bei einer Tagesmutter. Aber auch hier brauchen wir qualifiziertes Personal, um den Anforderungen gerecht zu werden.

 Die Freie Wohlfahrtspflege will ein neues Gesetz mit einer neuen Finanzierungsgrundlage. Wie stehen die Chancen, dass es bald kommt?

Land, Kommunen und Träger sind sich einig, dass es ein neues Kinderbildungsgesetz braucht. Wir sind in NRW mit einer Betreuungsquote für unter Dreijährige von 26,3 Prozent bundesweit auf dem letzten Platz. Die Unzufriedenheit von Familien und Kitas ist groß. Ich hoffe darauf, dass wir das komplizierte und starre Finanzierungsmodell der Kindpauschalen endlich abschaffen und uns auf einen festen Sockelbetrag für die Einrichtungen einigen können. Das Land steht dieser Finanzierungssystematik unseres Wissens positiv gegenüber. Gespräche mit den Kommunen, die sich ja ebenfalls an einer veränderten, höheren Finanzierung beteiligen müssen, finden derzeit statt. Diskussionsstoff gibt es also reichlich. Wir hoffen aber, dass es trotzdem gelingt, bis Ende 2018 ein neues Gesetz vorzulegen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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