20. November 2018

Kinderrechte und sexueller Missbrauch

Nicht wegsehen auf Reisen

Kinderrechte gelten weltweit, doch sie werden oft nicht eingehalten. Es gibt mehr als 100 Millionen Straßenkinder und 168 Millionen Kinderarbeiter. Wenig bekannt ist, dass immer mehr Kinder in ärmeren Ländern Opfer von sexuellem Missbrauch durch Touristen und Geschäftsreisende werden. Antje Monshausen von "Brot für die Welt" erläutert am heutigen Internationalen Tag der Kinderrechte, was die Politik und jeder Einzelne dagegen tun kann.

Antje Monshausen von "Brot für die Welt"

Kinderschutzorganisationen schätzen, dass Millionen von Kindern sexuell von Touristen missbraucht werden. Genaue Statistiken dazu gibt es nicht. Warum nimmt diese Form der Ausbeutung zu?

Immer mehr Entwicklungs- und Schwellenländer werden zu Reiseländern. Der Tourismus in Asien, Afrika oder Lateinamerika boomt – nicht nur europäische Reisende entdecken diese Weltregionen, sondern auch der regionale Tourismus nimmt stark zu. Doch die sexuelle Ausbeutung von Kindern auf Reisen und im Tourismus nimmt in allen Teilen der Welt zu. Kein einziges Land ist nicht betroffen. Das belegt die globale Studie "Offenders On The Move" aus dem Jahr 2016, die von Ecpat International über zwei Jahre durchgeführt wurde und als größte Datengrundlage zum Thema gilt. Die Studie zeigt auch, dass durch das Internet und mobile Technologien neue Formen von sexueller Ausbeutung entstehen, in der die Täter oft vollkommen anonym bleiben können. Leider kommt es zu selten zu strafrechtlichen Verfolgungen.

Wer gehört zu den Tätern?

Alle Experten sind sich einig, dass es kein stereotypes Täterprofil gibt. Die Erfahrung zeigt, dass sich Menschen in fremden Ländern oft von gesellschaftlichen Konventionen befreit fühlen und deshalb andere Moralvorstellungen leben. Sie nutzen aus, dass es im Hinblick auf die Rechte von Kindern meist wenig gesellschaftliche Kontrolle gibt. Nicht nur Urlauber, sondern auch Geschäftsreisende, Ausgewanderte oder Freiwillige beuten Kinder aus.

Immer häufiger nutzen internationale Urlauber die Armut der Kinder aus. 

Welche Kinder sind besonders gefährdet?

Es sind vor allem Straßenkinder, Angehörige von Minderheiten und Kinder auf der Flucht. Diese Kinder sind besonders vulnerabel, weil sie an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden, kaum integriert sind und es zu wenig Schutzkonzepte für sie gibt. Im Kontext von Urlaubsreisen sehen wir häufig, dass der Lebensstil der Reisenden nachahmenswert scheint. Kinder und Jugendliche lassen sich  von Geld, tollen Ausflügen oder durch Markenkleidung beeindrucken. Die internationalen Urlauber nutzen die Armut aus und nehmen die Mädchen oder auch Jungen dann zum Beispiel mit auf das Hotelzimmer oder gehen mit ihnen essen. Einigen Tätern ist manchmal gar nicht richtig klar, dass es sich um Prostitution und sexuelle Ausbeutung handelt und glauben an eine Affäre. Wir benötigen hier viel mehr Aufklärung und Vorbereitung der Reisenden. 

Mit welchen Problemen haben die Opfer zu kämpfen?

Ein Problem sind die immer wieder vorkommenden frühen Mutterschaften. Die jugendlichen Mütter und ihre Kinder sind stigmatisiert, denn die Kinder der Sex-Touristen sehen häufig anders aus. Zum Vater gibt es oft keinen Kontakt. Die reisenden Gelegenheitstäter sind weg und übernehmen keine Verantwortung. Oftmals werden die jugendlichen Mütter von ihren Familien verstoßen und von der Gesellschaft ausgegrenzt. In einigen Ländern werden eher die Kinder und Jugendlichen kriminalisiert und nicht die Täter.  Die Opfer leiden zusätzlich unter den traumatischen Folgen des sexuellen Missbrauchs.

Familienurlaub schließt Sex-Tourismus aus.

Was können Politik und Wirtschaft tun?

Regierungen in den Urlaubsländern, die verstärkt auf touristische Entwicklung setzen, müssen die Kinder als besondere Risikogruppe stärker im Blick haben. Aufklärungskampagnen in den Urlaubsorten und den umgebenden Dörfern, zum Beispiel in Schulen, Kirchen und bei den Eltern sind dabei ein wichtiger Baustein. Die Strafverfolgung auch internationaler Täter muss funktionieren. Aber auch die Tourismusbranche kann etwas tun. Viele Hotels verpflichten sich dem internationalen Kinderschutzkodex: Reisende werden sensibilisiert und das Thema wird deutlich angesprochen. Die Hotelmitarbeiter und Hotelmitarbeiterinnen lernen in Schulungen wie sie darauf achten können, dass Minderjährige nicht von Urlaubern mit auf das Hotelzimmer genommen werden. Auch Mitarbeiter im Restaurant oder beim Zimmerservice benötigen ein wachsames Auge und Vorgesetzte, die souverän mit auffälligen Beobachtungen umgehen. 

Gibt es schon Beispiele, wie Kinderprostitution erfolgreich verhindert wurde?

Beeindruckt hat mich das Beispiel der kolumbianischen Stadt Cartagena. Dort haben sich vor zehn Jahren die gesamte Kommune und ihre Zivilgesellschaft mit dem Thema Sex-Tourismus auseinandergesetzt und sich dann konsequent dagegen positioniert. Das betraf besonders die strafrechtliche Verfolgung, die ausgebaut wurde. Hotels, Polizei, Staatsanwaltschaft, aber auch der informelle Tourismussektor, wie Taxifahrer oder Surflehrer haben hier zusammengearbeitet. Diese Zusammenarbeit sorgt dafür, dass vor Ort Kinder besser geschützt werden, aber es ist auch wichtig für das internationale Image des Tourismus, um neue Zielgruppen besser anzusprechen. Denn Familienurlaub schließt Sex-Tourismus aus.

In den Projekten von "Brot für die Welt" werden die Rechte der Kinder gestärkt. 

Was macht "Brot für die Welt" und was kann jeder Einzelne tun?

"Brot für die Welt" stärkt in seinen Projekten die Rechte der Kinder und ihrer Familien – es fördert auch Partnerorganisationen, die zum Beispiel in Kambodscha vor Ort Polizisten und Staatsanwälte über die Risiken der sexuellen Ausbeutung von Kindern schulen. Die Hilfsorganisation engagiert sich darüber hinaus mit der Arbeitsstelle Tourismus Watch für einen fairen Tourismus und betreibt aktive  Dialoge mit der Tourismusbranche zu Themen wie Kindesschutz, Menschenrechte und Klimagerechtigkeit.

Aber auch jeder einzelne Reisende kann etwas tun und einen Verdacht melden. Entweder an die Polizei vor Ort oder auf der anonymen Meldeplattform www.nicht-wegsehen.net. Ein Erklärvideo zeigt, was mit der Meldung passiert und wie jeder Hinweis dazu beiträgt, das Phänomen der sexuellen Ausbeutung von Kindern im Tourismus genauer zu verstehen und Schutzmaßnahmen zu verbessern. Reisende, die nicht wegsehen, machen deutlich: Auch der Urlaubsort ist kein rechtsfreier Raum.

Das Gespräch führte Sabine Portmann. Fotos: Brot für die Welt

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Portmann
Presse- und Medienarbeit
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