6. Mai 2019

Kinderbildungsgesetz NRW

Milliarden für ein Sorgenkind

Mehr Plätze, mehr Personal und zwei beitragsfreie Kita-Jahre – all das verspricht die Reform des Kinderbildungsgesetzes in NRW. Die Abstimmung darüber geht jetzt mit Referentenentwurf und Experten-Anhörungen in die heiße Phase. Evangelische Kita-Leitungen wie Susanne Gosch erhoffen sich von der KiBiz-Reform vor allem mehr Personal und weniger Bürokratie. Viele leiden seit Jahren unter einem strengen Sparkurs.

Portrait

Auf Kita-Leiterin Susanne Gosch wartet in ihrem Büro immer jede Menge Arbeit.

Es gibt Tage, an denen Susanne Gosch kaum aus ihrem Büro herauskommt, weil sie Dienstpläne machen, Anträge stellen und Elterngespräche führen muss. An anderen räumt die Leiterin des Evangelischen Familienzentrums Birkhuhnweg in Bochum die Spülmaschine ein- und aus, wickelt die Kinder und fegt den Boden. Meist geschieht das, wenn die Hauswirtschaftskraft und einige Erzieherinnen krank, auf Fortbildung oder im Urlaub sind.

Was in den dreißig Berufsjahren, auf die Susanne Gosch mittlerweile zurückblickt, eher die Ausnahme war, häuft sich in den letzten Jahren. Mit elf Fachkräften, darunter arbeiten nur vier in Vollzeit, betreut die Kita derzeit 70 Kinder. "Alle sind sehr engagiert und machen ihren Beruf mit Herzblut", sagt die 55-jährige Erzieherin. "Deshalb bekommen viele Eltern nicht mit, wie knapp wir hier personell aufgestellt sind und dass wir oft bis an unsere Grenzen gehen, um den Kitaalltag aufrecht zu erhalten."

Kinder beim Mittagessen

In der Mittagszeit macht es sich besonders bemerkbar, wenn Personal fehlt.

Unterbesetzung: Mehr Alltag als Ausnahme

Doch so manches Mal hat das in den vergangenen Jahren nicht funktioniert. Da musste die Kita-Leiterin auch schon mal Kinder nach Hause schicken, weil Personal fehlte. Was Susanne Gosch erlebt, ist laut einer Umfrage der Pädagogengewerkschaft VBE unter 2.600 Kitaleitungen in Deutschland eher Alltag als Ausnahme. Danach mussten 90 Prozent der Leitungen in den vergangenen zwölf Monaten mit bedenklich wenig Fachkräften auskommen. Knapp die Hälfte der Häuser arbeitet grundsätzlich unterbesetzt.

Zur Besetzung offener Stellen benötigen sieben von zehn Kitas der Umfrage zufolge im Durchschnitt mehr als drei Monate. Auch in der Kita Birkhuhnweg ist seit Wochen eine 23-Stunden-Stelle offen. Gleichzeitig sind die Wartelisten für die Kinder lang. "Wir könnten ohne Probleme noch zehn bis zwanzig Plätze vergeben", erzählt Susanne Gosch. Doch dafür fehlen Personal, Räume und natürlich das Geld.

Portrait

Kita-Expertin Sabine Prott hält sozial gestaffelte Elternbeiträge für sinnvoller als generelle Beitragsfreiheit.

Qualität vor Beitragsfreiheit

Das soll mit einer Reform des Kinderbildungsgesetzes in Nordrhein-Westfalen, die jetzt in die heiße Phase der Abstimmung geht, anders werden. NRW-Familienminister Joachim Stamp verspricht den rund 9.500 Einrichtungen ab dem Kita-Jahr 2020/2021 zusätzlich mehr als 1,3 Milliarden Euro jährlich. Damit soll auch ein zweites Kita-Jahr für die Eltern beitragsfrei werden. Möglich wird dies durch das Gute-Kita-Gesetz der Bundesregierung, die im kommenden Jahr 430 Millionen Euro beisteuert.

"Mit dieser Entscheidung des Ministers sind nicht alle Eltern glücklich", betont Sabine Prott, Leiterin des Geschäftsfeldes Tageseinrichtungen für Kinder bei der Diakonie RWL. Sie verweist auf eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, nach der die Mehrheit der befragten Eltern unabhängig vom Einkommen sogar bereit ist, noch mehr zu bezahlen, wenn die Betreuung besser würde. Denn für sie steht Qualität vor Beitragsfreiheit.

Anstelle einer Verteilung der Bundesgelder nach dem Gießkannenprinzip wären landeseinheitlich sozial gestaffelte Elternbeiträge sinnvoller, so Prott. "Dieses Geld wird für die Verbesserung der Qualität in den Kitas schmerzlich fehlen." Zumal nach Berechnung der Freien Wohlfahrtspflege NRW ohnehin über 500 Millionen Euro an Sachkosten im Kita-Finanzierungssystem nicht berücksichtigt wurden. Dazu gehören Verwaltungskosten sowie Gelder für Anschaffungen und Außenanlagen.

Puppenecke

Boden verlegt, Wände gestrichen - Bei vielen Sanierungsarbeiten haben die Erzieherinnen selbst Hand angelegt.

Großer Sanierungsstau

Zwar gäben die Gelder, die jetzt ins System kommen sollen, vielen Einrichtungen erst mal Luft zum Atmen, räumt die Kitaexpertin ein. "Aber sie reichen nicht überall für eine deutlich bessere Personalausstattung." Auch im Hinblick auf die Räumlichkeiten hat sich in den letzten Jahren aufgrund des rigorosen Sparkurses ein großer Sanierungsstau aufgebaut.

Susanne Gosch kann davon ein Lied singen. Den neuen Boden und den Anstrich in ihrer Kita hat sie im vergangenen Jahr mit Geldern des Kita-Rettungspaketes finanziert. Weil das Geld – wie immer – knapp bemessen war, entschied sie sich mit ihrem Team, selbst zu streichen. "So konnten wir uns noch ein paar dringend notwendige Möbel leisten."

Portrait

Ob Spielgeräte oder Personal - Susanne Gosch muss immer mit spitzem Bleistift rechnen.

Keine Planungssicherheit beim Personal

Immer sparen, immer nach Fördertöpfen und Extrageldern Ausschau halten, die dann beantragt und oft für eine kurze Zeit bewilligt werden – das macht einen großen Teil ihrer Arbeitszeit aus. Eigentlich ist Susanne Gosch nur acht Stunden pro Woche für ihre Leitungsaufgaben freigestellt. Doch damit kommt sie bei dem enormen Bürokratieaufwand nicht aus.

"Von der KiBizreform hatte ich mir eigentlich erhofft, dass dieses ganze umständliche Finanzierungssystem über Kindpauschalen und Extrafördertöpfe abgeschafft wird", sagt sie. Denn das schränkt die Planungssicherheit enorm ein. "Oft kann ich Erzieherinnen nur eine befristete Stelle für ein Jahr anbieten, weil ich die Gelder immer wieder neu beantragen muss. Darauf lassen sich inzwischen immer weniger Fachkräfte ein."

Kita-Leiterin Susanne Gosch mit zwei Kindern

Kinder fördern und begleiten - Für Susanne Gosch gibt es keinen schöneren Beruf.

In Ausbildung und Qualität investieren

Da jüngsten Zahlen zufolge deutschlandweit rund 215.000 Fachkräfte in den Kitas fehlen, werde man langfristig in die Ausbildung, aber auch in gute Rahmenbedingungen für diesen anspruchsvollen Beruf investieren müssen, betont Sabine Prott.

Susanne Gosch ist zuversichtlich, dass sich mehr Menschen für diesen Beruf begeistern lassen. "Wir betreuen Kinder nicht nur. Wir fördern ihre Entwicklung und arbeiten dabei eng mit den Eltern zusammen. Das ist anspruchsvoll, manchmal auch anstrengend, aber es macht sehr viel Freude."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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