20. März 2020

Internationaler Tag des Glücks

Die Glückswerkstatt

Coronavirus, Klimawandel, Leistungsdruck in der Schule – Kinder und Jugendliche machen sich viele Sorgen. Doch glückliche und unbeschwerte Momente sind wichtig, um die Krisen des Lebens bewältigen zu können. Jana Trambacz und Julia Strauß haben deshalb eine Glückswerkstatt für Kinder und Jugendliche im Beratungszentrum der Diakonie in Lengerich gegründet.

Mit einem breiten Grinsen zieht Benjamin einen Kauknochen aus seinem gelben Turnbeutel. "Der ist für meinen Hund. Ich füttere ihn gerne und spiele immer mit ihm. Wir haben fünf Haustiere zu Hause", berichtet der 11-Jährige stolz. "Und, was hast Du noch in deinem Glücksbeutel?", fragen die anderen ihn neugierig. Benjamin kramt in seinem Beutel und fischt schließlich ein Kinoticket heraus. "Das ist von Jumanji, wir waren am Sonntag nämlich im Kino. Ein richtig cooler Film!" Alle staunen und Benjamin strahlt bis über beide Ohren, weil die anderen ihm so gebannt zugehört haben. Aber jetzt ist der nächste dran. Michael hat Hustenbonbons und seine Kopfhörer dabei: "Weil ich in der letzten Woche ein bisschen krank war und deshalb viel Musik gehört habe."

Das Ritual mit dem gelben Glücksbeutel wiederholen Michael und Benjamin jede Woche.  Zusammen mit vier anderen Kindern und Jugendlichen machen die beiden nämlich bei der Glückswerkstatt im Beratungszentrum der Diakonie in Lengerich mit. Und der Name "#glückswerkstatt" ist hier Programm. "Wir wollen in der Gruppe gemeinsam herausfinden, was uns glücklich macht und wie wir unser Glück selbst gestalten können", erklärt Gruppenleiterin Julia Strauß.

Eine Gruppe von Kindern hat einen gelben Turnbeutel auf dem Rücken.

Im Glücksbeutel werden alle guten Gedanken gesammelt. Und zwar mit Gegenständen, die positive Gedanken symbolisieren. 

Auf Positives fokussieren

Zum Einstieg in die Treffen nutzen sie und ihre Kollegin Janna Trambacz gerne den gelben Glücksbeutel. "Das ist quasi eine positive-Gedanken-Sammlung. Die Kinder sollen sich überlegen, was ihnen im Alltag Spaß bereitet hat – was sie glücklich gemacht hat", erläutert die Sozialpädagogin. "Gegenstände, die symbolisch dafür stehen, sollen sie dann in ihren Turnbeutel legen. Und am Ende der Woche kommt da ganz schön was zusammen", fügt sie lächelnd hinzu.     

Die Idee zur Glückswerkstatt kam den beiden, als sie hörten, dass es "Glück" an einigen Schulen in Deutschland sogar schon als Unterrichtsfach gibt. Kann man denn Glück lernen? "Ein Stück weit ja", findet Janna Trambacz. "Wir haben in unserer Gesellschaft eine starke Defizit-Orientierung. Dem sollten wir begegnen, indem wir uns mehr auf Positives fokussieren." Auch in der Schule sei der Druck bereits hoch - durch soziale Medien, Leistungsdruck und kulturelle Auseinandersetzungen. "Es ist heute einfach nicht leicht, ein Teenager zu sein", sind sich die beiden Gruppenleiterinnen einig.

Sozialpädagogin Janna Trambacz hat eine Glückswerkstatt für Kinder bei der Diakonie in Lengerich gegründet.

Fair streiten und mutiger werden - das will Sozialpädagogin Janna Trambacz den Kindern und Jugendlichen in der Glückswerkstatt vermitteln. 

Von anderen lernen

Deshalb haben sie die Glückswerkstatt ins Leben gerufen. Einmal wöchentlich treffen sie sich mit den Kindern und Jugendlichen für anderthalb Stunden und beschäftigen sich mit Glück. Die Zusammensetzung der Gruppe ist gemischt, alle Schulformen sind dabei. Die Teilnehmer sind zwischen elf und 14 Jahre alt. "In der Gruppe unterstützen wir die Kinder und Jugendlichen individuell und in einem geschützten Rahmen", sagt Julia Strauß.

Gemeinsam lernen sie zum Beispiel mit guten und weniger guten Gefühlen umzugehen. Oder wie man fair streitet und mutiger wird. "In einer vertrauensvollen Atmosphäre erfahren die Kids Aufmerksamkeit und Verständnis. Und vor allem lernen sie von anderen, denen es ähnlich geht", ergänzt Janna Trambacz.

Gelbe Zettel auf Beinen

Eigene Stärken sichtbar machen - die Kinder und Jugendlichen kleben sich bei einer Übung gelbe Post-Its auf die Jeans. 

Bedürfnis nach Gemeinschaft

Das Angebot wird gut angenommen. "Weil der Bedarf da ist", sind sich die beiden Leiterinnen sicher. Dabei kämen die Jugendlichen auch nicht nur aus Lengerich, sondern aus dem gesamten Einzugsgebiet der Beratungsstelle. Also aus Ladbergen, Lienen, Lotte, Westerkappeln und Tecklenburg. "Man merkt, dass sich die Jugendlichen gerne untereinander austauschen. Da ist bei allen Teilnehmern ein großes Bedürfnis nach Gemeinschaft." 

Das sei aber nicht von Anfang an so gewesen, erinnert sich Julia Strauß. "In der ersten Stunde waren alle noch skeptisch und meinten, sie hätten etwas Besseres zu tun." Die typische Null-Bock-Mentalität. "Wir sind dann spielerisch eingestiegen und haben uns erstmal kennengelernt und erste Hemmungen abgebaut." Bei einer Übung zur Selbstwertstärkung seien dann alle aufgetaut. "Jeder sollte seine eigenen Stärken und positiven Eigenschaften auf Post-Its schreiben und sich die Zettel aufs Bein kleben." Begriffe wie "Humor", "guter Freund" und "Fußball spielen" konnte man dann zum Beispiel auf der Jeans lesen. 

Sozialpädagogin Julia Krauß hat eine Glückswerkstatt für Kinder bei der Diakonie in Lengerich gegründet.

Viele Jugendliche haben Stress in ihrem Leben. Julia Strauß will ihnen helfen, besser für sich zu sorgen.

Glück kontra Stress

Schnell wurde Julia Strauß und Janna Trambacz klar, dass Glück ein großes Themenfeld mit sich bringt. "Wir haben gemerkt, dass wir nur Akzente setzen können und haben dann geschaut, was die Gruppe braucht." So hätten einige der Jugendlichen Schwierigkeiten beim Lernen – entweder, weil sie unter- oder weil sie überfordert sind. Manche hätten andere soziale Probleme oder Konflikte mit Mitschülern. "Sie empfinden Stress."

Julia Strauß möchte den Jugendlichen klarmachen, dass Glück beeinflussbar und eine Haltung ist. "Nicht umsonst heißt es, jeder ist seines Glückes Schmied", bringt es Janna Trambacz auf den Punkt. Glück wird also sehr subjektiv empfunden. Für Benjamin sind es zum Beispiel seine Haustiere und für Michael ist es das Musikhören. Und für die anderen Jugendlichen? Da muss Karl nicht lange überlegen. "Na, zum Bespiel richtig viele Punkte bei Fortnite zu bekommen." Gut, dass auch seine Nintendo Switch in den gelben Glücksbeutel passt.

Text und Fotos: Jennifer Clayton, Diakonisches Werk im Evangelischen Kirchenkreis Tecklenburg e.V.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ann-Kristin Herbst

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit / Social Media

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Die #glückswerkstatt 
Die #glückswerkstatt ist ein Angebot der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Diakonischen Werks im Evangelischen Kirchenkreis Tecklenburg in Lengerich. Aufgrund der Coronakrise muss die #glückswerkstatt momentan leider zwangspausieren. Das Angebot soll aber auf jeden Fall in Zukunft fortgesetzt werden. Gerne möchte Julia Strauß auch eine Gruppe für jüngere Kinder ins Leben rufen. Infos und Kontakt: Telefonisch unter 05481 3054240, per Mail an erziehungsberatung@dw-te.de oder auf www.dw-te.de.