22. März 2017

Flexible Kinderbetreuung

Auch mal abends in der Kita

Eine Kita, die von frühmorgens bis abends geöffnet hat – das wünschen sich berufstätige Eltern in NRW. Doch vielen Einrichtungen fehlt das Geld, um die Kinder auch an Randstunden zu betreuen. Die von Laer Stiftung in Bielefeld zeigt, dass längere Öffnungszeiten möglich und finanzierbar sind, wenn man Arbeitgeber vor Ort mit ins Boot holt.

Erik Zurdel und Markus Kahmann (v.l.)

Die ersten Kinder stehen schon um sechs Uhr mit ihren Eltern vor der Tür der "minimax"-Gruppe. Andere Kinder kommen erst um elf Uhr, weil die Mutter später zum Schichtdienst muss. Für den Kindergarten ist das kein Problem.

"Wenn ein Kind später kommt, schauen wir genau hin, wie es in die schon bestehenden Spielgruppen hineinfindet", erzählt der Sozialpädagoge Erik Zurdel. Gegründet wurde minimax 2004. Erik Zurdel ist seit 2008 zuständiger Bereichsleiter. Getragen wird sie von der evangelischen von Laer Stiftung, die Mitglied der Diakonie RWL ist.

Insgesamt betreuen die Erzieherinnen und Erzieher die zwanzig "minimax"-Kinder – in zwei Gruppen – auch nur 45 Stunden in der Woche. "Das entspricht einem normalen Ganztagsplatz, aber die Betreuungszeiten sind viel flexibler gestaltet, damit Eltern Familie und Beruf besser unter einen Hut bekommen", meint Kita-Leiter Markus Kahmann. Davon profitieren vor allem Eltern mit ungeregelten Arbeitszeiten wie Busfahrer, Bademeister, Kassiererinnen, die Yoga-Lehrerin, aber auch Führungskräfte.

Trend in Richtung 45-Stunden Betreuung

Mit ihrem Modell der flexiblen Betreuung steht die Kita der von Laer Stiftung in Nordrhein-Westfalen noch recht alleine da. Zwar wünschen sich immer mehr Eltern Öffnungszeiten, die sich mit ihrem Beruf besser vereinbaren lassen. Doch eine Auswertung der rot-grünen Landesregierung hat jüngst ergeben, dass immer weniger Kindertageseinrichtungen in NRW auch nach 17 Uhr noch geöffnet haben. Betreuungszeiten werden sogar zurückgefahren. Demnach schlossen im Kindergartenjahr 2015/16 nur 180 von 9.362 ausgewerteten Kitas nach 17 Uhr. Ein Jahr zuvor waren es noch 401 Kitas.

"Längere Öffnungszeiten in Kitas werden über das Kinderbildungsgesetz nicht gefördert", bestätigt Sabine Prott von der Diakonie RWL. Mit dem aktuell finanzierten Personalschlüssel müssten die Erzieherinnen sowieso schon flexibel eingesetzt werden, um herkömmliche Öffnungszeiten beispielsweise von 7 Uhr bis 16 Uhr abzudecken. Der Bedarf an längeren Öffnungszeiten sei in den Kommunen unterschiedlich. Auf dem Land gebe es häufig weniger Nachfrage als in der Stadt. "Grundsätzlich kann man aber einen Trend in Richtung 45-Stunden-Betreuung feststellen."

Von Babysitting bis "VLohmobil"

Kreativität ist also gefragt. Die von Laer Stiftung finanzierte ihr Angebot einer flexiblen Kinderbetreuung zunächst mit Geldern des Europäischen Sozialfonds, das die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland fördern sollte. Als das Projekt nach zwei Jahren auslief, holte sie Arbeitgeber aus Bielefeld mit ins Boot. "Wir möchten nicht, dass unser Angebot vom Geldbeutel der Eltern abhängt", betont Erik Zurdel. Die Stadtwerke, eine Wohnungsbaugesellschaft und weitere Bielefelder Firmen unterstützen heute die Kita. Sie zahlen einen Zuschuss von 330 Euro monatlich für den Kita-Platz eines Mitarbeiterkindes.

Neben der "minimax"-Gruppe gibt es in der Kita noch Gruppen mit normalen Öffnungszeiten. Aber sie dürfen die Zusatzleistungen der "minimax"-Gruppe ebenfalls in Anspruch nehmen. Die sogenannten Engel sind per Honorar mit circa acht Stunden im Monat an die Kita angedockt, damit sie Kinder und Familien kennen. Die Familien können sie ihrerseits dann als Babysitter zu Hause einsetzen. Der Preis ist dann zwischen Engel und Eltern zu vereinbaren.

Auch das "VLohmobil" dürfen Eltern nutzen. "Der Bulli bringt die Kinder zum Beispiel zur Yoga-Lehrerin ins Studio, die ihr Kind dort in Empfang nimmt, wenn der Kurs vorbei ist", erzählt Kahmann. Für 30 Cent pro Kilometer können Eltern diesen Fahrdienst buchen. Man habe auch mal versucht, ein Büro für Eltern in der Kita vorzuhalten. Das wurde aber nie abgefragt, erzählt Erik Zurdel. "Wir probieren immer mal wieder etwas aus, was helfen könnte." Besonders die garantierte Ferienbetreuung ist beliebt. Und auch am Wochenende wird Betreuung angeboten.

Entspannte Eltern, entspannte Kinder

"Wenn wir über unser Konzept berichten, gibt es natürlich auch Kritik", gibt Markus Kahmann zu. Warum man überhaupt Kinder bekomme, wenn sie nur von anderen betreut würden. Der Kita-Leiter verweist dann nicht nur auf den Arbeitsmarkt, der immer mehr Flexibilität erfordert und Eltern unter Druck setzt. Er spricht auch von den eigenen pädagogischen Konzepten. "Wenn es einem Kind nicht gut tut, immer bis abends in der Kita zu sein, dann machen wir das auch nicht", betont Kahmann. Dann müsse man Gespräche mit den Eltern führen. Das Wohl des Kindes stehe immer an erster Stelle.

 "Es gibt aber auch Fälle, da sagen wir den Eltern, holen sie ihr Kind mal eine Stunde später ab und machen etwas für sich". Das lange Betreuungsangebot helfe zudem, wenn Familien Krisensituationen erlebten, etwa, wenn ein Elternteil erkrankt. "In solchen Situationen erleben wir tiefe Dankbarkeit und können Familien wirklich dabei unterstützen, schwere Zeiten zu meistern", sagt der Einrichtungsleiter. Entspannte Eltern machten entspannte Kinder. "Allein das Gefühl, wenn es eng wird, kann ich das Angebot der Kita nutzen, bedeutet Sicherheit für Eltern und Kinder."

Text: Sabine Portmann, Fotos: Kita Bielefelder Flachsfarm, Sabine Portmann

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