6. September 2017

Diakonie gegen Armut

Arme Kinder, reiche Stadt – Diakonie Bonn kämpft für Grundsicherung

Mehr als 1.000 Millionäre und ein Bruttoinlandsprodukt von 60.000 Euro pro Einwohner – Bonn gehört zu den reichen Städten Deutschlands. Dennoch leben hier über zwanzig Prozent der Kinder in Armut. Ulrich Hamacher, Chef der Diakonie Bonn, hält das für einen Skandal und fordert in einer Kampagne mit der Caritas die Grundsicherung für Kinder.

Portrait

Ulrich Hamacher 

Seit dem vergangenen Jahr machen Sie Kinderarmut zum großen Thema in Bonn. Sie haben Bündnispartner gesucht, Projekte entwickelt, Podiumsdiskussionen und Aktionen veranstaltet. Was hat es bisher gebracht?

Leider ist bislang wenig wirklich Hilfreiches passiert. Aber wir müssen natürlich sagen, dass Kinderarmut sich auf kommunaler Ebene nur lindern, nicht bekämpfen lässt. Das kann nur auf Bundesebene passieren und deshalb geben wir auf die Bundestagsabgeordneten aus unserer Region zu. Wir fordern eine Grundsicherung für Kinder von 500 Euro. Doch dafür müssten Gesetze geändert werden. Kinderarmut ist für uns in erster Linie materielle Armut. Das bestätigt auch die letzte Bertelsmann-Studie zum Thema Kinderarmut.

Dazu kommen Bildung, Gesundheit und Teilhabe. Eltern, die kein ausreichendes Einkommen haben, können ihren Kindern nicht die Schulmaterialien kaufen, die sie brauchen. Sie können sich keine größere Wohnung, keine gesunde Ernährung oder Freizeitangebote – vom Kino bis zum Schwimmbad – leisten. Hier müssen wir ansetzen, wenn wir dafür sorgen wollen, dass betroffene Kinder nicht ausgegrenzt werden, sondern aus dem Kreislauf der Armut herausfinden.

Parkplatz mit Fahrradanhängern

Bonn ist familienfreundlich, aber teuer: Kita-Parkplatz mit Fahrradanhängern für Kinder 

Wie sollen die 500 Euro Grundsicherung denn finanziert werden?

Die familienpolitischen Leistungen in Deutschland liegen bei jährlich rund 200 Milliarden Euro. Doch davon profitieren hauptsächlich Familien mit gutem Einkommen. Durch Steuererleichterungen erhalten sie monatlich bis zu 277 Euro pro Kind. Normalverdiener bekommen etwa 190 Euro und Hartz IV-Empfänger gar nichts, weil die staatlichen Leistungen mit dem Kindergeld verrechnet werden. Wenn wir alle bisherigen Familienleistungen in einer Kindergrundsicherung zusammenfassen, haben wir schon eine gute Grundlage für die Finanzierung. Für mich ist das nur eine Frage des politischen Willens. Deutschland ist ein wirtschaftlich starkes Land, in dem derzeit rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche von Armut betroffen sind. Das finde ich skandalös.

Wie reagieren Politiker, aber auch die Bevölkerung in Bonn auf Ihre Forderung nach einer Grundsicherung?

Wir müssen sie erklären und rechtfertigen. Die Kosten werden immer ins Feld geführt. Aber natürlich auch die Bedenken, Eltern könnten das Geld für sich nutzen statt es für ihre Kinder auszugeben. Dieses Misstrauen gegenüber sozial benachteiligten Familien ist tief verwurzelt. In unserer sozialen Arbeit erleben wir aber überwiegend, dass Eltern für ihre Kinder das Beste wollen. Auch arme Eltern lieben ihre Kinder. 

Graffiti

Der Stadtteil Tannenbusch gehört zu den Vierteln, in denen viele arme Familien leben

Kinder sind arm, weil ihre Eltern arm sind. Müssten wir daher nicht besser von Familienarmut reden?

Das ist korrekt. Doch dieser Begriff würde die Menschen weniger bewegen. Wenn wir ein Umdenken erreichen wollen, müssen wir emotional berühren. Das geht besser, wenn wir von Kindern reden, die in die Armut hineingeboren werden, weil niemand behaupten kann, sie hätten ihre Situation selbst verschuldet. Es entspricht unserem Zeitgeist, bei jedem Einzelnen die Schuld für eine prekäre Lebenssituation zu suchen. Aber wir haben beim Thema Armut nur selten ein individuelles, sondern vielmehr ein strukturelles gesellschaftliches Problem. Das fängt bei komplizierten Anträgen auf staatliche Hilfsleistungen an und hört bei Schulleistungen auf, die nur mit Nachhilfeunterricht zu bewältigen sind. Diese Hürden können viele Familien kaum überwinden.

Armut und Ausgrenzung ist für Sie also nicht nur das Problem einer verfehlten Politik, sondern der gesamten Gesellschaft.

So ist es. Nehmen wir das Beispiel unserer reichen Stadt mit 316.000 Einwohnern, in der mehr als 1.000 Millionäre leben, aber dennoch rund 10.000 Kinder arm sind. Ein Grund liegt darin, dass wir hier nur wenige Arbeitsplätze für gering qualifizierte Menschen haben – und die werden gerade von den großen Firmen auch nicht mehr geschaffen. Ein anderer Grund liegt in unserem katastrophalen Wohnungsmarkt mit 20.000 fehlenden Wohnungen, davon mindestens 10.000 günstige Wohnungen für ärmere Familien. Wenn Sie jetzt mieten wollen, zahlen Sie 12 oder 14 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. 

Gruppenfoto

10 Jahre Gutes getan: Ulrich Hamacher (Mitte) mit Mitarbeitenden des Hilfsfonds "Robin Good" und Kindern auf der Jubiläumsveranstaltung

Über den gemeinsamen Hilfsfonds "Robin Good" von Diakonie und Caritas erhalten wir zwar jährlich rund 100.000 Euro an Spendengeldern. Doch damit können wir Familien unterstützen, die Armut punktuell lindern, sie aber nicht beseitigen.

Welche Rolle spielt für Sie die Kommune beim Thema Kinderarmut?

Die Stadt Bonn hat lange ignoriert, dass es sie hier gibt. Als wir 2006 gemeinsam mit der Caritas auf das Problem aufmerksam gemacht und Plakate veröffentlicht haben mit dem Titel "Kinderarmut in der Boomtown Bonn", bekamen wir Druck von der Bürgermeisterin. Wir sollten unsere Kampagne einstellen. Das haben wir nicht getan, sondern ein Jahr später den "Runden Tisch gegen Kinderarmut" zu einem breiten Bündnis gegen Kinderarmut gemacht, in dem mittlerweile auch Vertreter der Stadt und das Jugendamt sitzen. Die Eltern der OGS-Kinder haben gemeinsam mit den Trägern dafür gesorgt, dass die Stadt die Plätze in den Offenen Ganztagsschulen jährlich mit 2.585 Euro pro Kind finanziert und Kinder aus Hartz IV-Familien dort ein kostenloses Mittagessen erhalten. Doch das reicht nicht aus.

Schöne Geschäfte, schmucke Häuserfassaden: Innenstadt der "Boomtown Bonn"

 Also kämpfen sie für eine bundesweite Grundsicherung. Reicht das aus?

Es ist zumindest eine gute Basis und würde endlich etwas bewegen. Seit Jahren heißt es einmütig, dass Armut nur durch Bildung bekämpft werden könne. Es gab viele gute Projekte. Trotzdem ist die Kinderarmut laut Bertelsmann-Studie zwischen 2011 und 2015 in allen Bundesländern gestiegen. Jetzt kommen noch die Flüchtlingskinder dazu. Wir brauchen ein nationales Programm zur Bekämpfung der Kinderarmut mit einer Kindergrundsicherung, einem Ausbau der Ganztagsschulen und Lernmittelfreiheit. Sonst wird sich nicht wirklich etwas ändern.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Fotos: Sabine Damaschke und Diakonie Bonn
Teaserfoto: 110stefan / pixelio.de

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Sabine Damaschke
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