20. September 2018

Bundesprogramm Sprach-Kita

Spielerisch Deutsch lernen

Die Vielfalt an Kulturen, Nationen und Sprachen gehört in deutschen Kitas längst zum Alltag. Sprachliche Bildung spielt deshalb eine große Rolle. In Köln zeigt die Diakonie, wie sie spielerisch in den Alltag integriert werden kann – von der Wickelkommode bis zum Kitafest. Durch Sprache werden Kinder stark und selbstbewusst. Ein Anliegen, auf das auch der heutige Weltkindertag aufmerksam macht.

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Eireen Johne, Peter Reitemeier und Manuela Kerschgens (v.l.) integrieren sprachliche Bildung spielerisch in den Kita-Alltag.

Ein Blick in den Flur der Kölner Kita genügt, um zu wissen, dass hier jeden Tag Kinder aus zwölf Nationen zusammenkommen. In der Einrichtung an der Kempener Straße hängen Fotos, die sie mit ihren Eltern und Geschwistern zeigen: Familien in traditioneller Tracht, die türkische Großfamilie, Patchwork-Familien neben der Familie im Sommerurlaub. Alle Kinder und ihre Familien sind willkommen.

"Die Diakonie ist da, wo Hilfe gebraucht wird", so versteht Kitaleiter Peter Reitemeier seinen Job. Und dazu gehört für ihn auch die Unterstützung beim Deutschlernen. "Grundvoraussetzung dafür ist, dass sich jeder, Eltern und Kinder, hier angenommen, wertgeschätzt und sicher fühlt", meint Peter Reitemeier. Die Rezeptoren im Gehirn seien erst offen, wenn Kinder sich wohlfühlten.

Ein Mädchen schreibt auf eine Tafel

Fünf Kitas des Diakonischen Werkes Köln beteiligen sich am Programm "Sprach-Kitas". (Foto: Helene Souza/pixelio.de)

Deutsch lernen im Alltag

Seit zwei Jahren beteiligt sich die Kita am Programm "Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Damit stärkt das Bundesministerium alltagsintegrierte sprachliche Bildung, inklusive Pädagogik und die Zusammenarbeit mit Familien in den beteiligten Kitas. Von 2016 bis Ende 2019 stellt der Bund dafür bis zu einer Milliarde Euro zur Verfügung. Die zuständige Fachberatung Eireen Johne betreut einen Verbund aus fünf Kitas des Diakonischen Werkes Köln und neun aus anderer Trägerschaft, schult zu den Inhalten des Programms und berät die Kita-Leitungen und Erzieherinnen.

Alle Kitas haben einen besonders hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund und liegen in sozial benachteiligten Stadtteilen. "Vokabeln pauken bringt bei jungen Kindern nichts, das ist wissenschaftlich erwiesen", betont die Psycholinguistin Eireen Johne und fügt hinzu: "Die Kitas setzen keine Sprachförderprogramme ein, sondern die Kinder mit Deutsch als Zweitsprache lernen über den ganzen Tag verteilt auf natürliche, vielfältige Weise den Gebrauch der deutschen Sprache."

Buchcover auf Türkisch

Vorgelesen wird nicht nur auf Deutsch, sondern auch in anderen Sprachen.

Sprachliche Bildung schon beim Wickeln

Schon beim Wickeln würden die Körperteile besprochen, erklärt die stellvertretende Leiterin der Kita, Manuela Kerschgens. Beim Ausflug zum Erdbeerfeld werde Sprache im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. "Und auf der Fahrt im Bus spielen wir mit den Kindern 'Ich sehe was, was Du nicht siehst'."

Auch das Essen verstehen die Fachkräfte in dieser Kita als einen Beitrag zur sprachlichen und inklusiven Bildung. Wie in allen Kitas der Diakonie in Köln wird frisch gekocht und so kommen auch kroatische Linsensuppe, türkisches Börek, aber auch deutscher Kartoffelauflauf auf den Tisch. In der Kita findet man Fotos der Gerichte, die es gibt. "Das sind alles Sprachanlässe, die wir im Alltag immer wieder nutzen." Wenn es Birne zum Nachtisch gibt, dann beschreibt man die Birne mit den Kindern. Wenn es Gemüseauflauf gibt, dann werden alle Gemüsesorten aufgezählt.

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Jacqueline Davepon und Anke Werner (v.l.) vom Familienzentrum Bilderstöckchen in Köln.

Auch Familien profitieren

Überall finden die Kinder Bücher, die sie sich ausleihen und mit nach Hause nehmen können. Nicht nur auf Deutsch, auch in anderen Sprachen. Manchmal lesen Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund aus Büchern in ihrer jeweiligen Muttersprache vor. Da sind die Kinder dann überrascht, wenn etwa Bücher aus dem arabischen Sprachraum von hinten nach vorne gelesen werden. Spiele wie Memory unterstützen die Sprachentwicklung, indem jedes Bild benannt wird. "Auch deutsche Kinder lernen ihre Muttersprache besser kennen und profitieren von den vielen Sprach-Angeboten in der Kita", betont Jacqueline Davepon.

Anke Werner leitet das Familienzentrum Bilderstöckchen in Köln. Eine weitere Kita, die am Bundesprogramm teilnimmt und gleichzeitig Familienzentrum ist. Hier liegt der Anteil von Familien mit Migrationshintergrund bei rund 70 Prozent. Als Familienzentrum ist die Kita auch ein Treffpunkt für den Stadtteil. Mütter und Väter finden hier zusätzliche Angebote wie Beratung, Fitnessabende, Sprachkurse oder interkulturelle Veranstaltungen.

"Wir feiern nicht nur Weihnachten und Ostern, sondern auch das Fastenbrechen", erzählt Anke Werner. Im letzten Jahr organisierten die Kita-Eltern ein riesiges Fest mit 300 Leuten. Erfolgserlebnisse wie diese bestätigen, wie wichtig die vertrauensvolle Eingewöhnung von Kindern mit Fluchterfahrung ist. Sie zeigen, dass alle Kinder lernen, wenn sie sich in der Kita angenommen, in ihrer Vielfalt wertgeschätzt und gut aufgehoben fühlen. Das macht sie stark und selbstbewusst.

Text und Fotos: Sabine Portmann

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