29. Oktober 2018

Projekte für Schulverweigerer

Wieder Lust auf Schule

Schule gehört zum Alltag von Kindern und Jugendlichen – auch wenn sie in einem Heim leben. Dass sie mal keine Lust haben, kommt vor. Wenn Kinder und Jugendliche aber über Wochen nicht zur Schule gehen wollen, brauchen sie Hilfe. Die Evangelische Stiftung Gotteshütte hat in Porta Westfalica Modelle entwickelt, die Schulverweigerer unterstützen. Marco Leopold stellt das Projekt heute auf einem Fachtag der Diakonie RWL vor. Im Interview berichtet er, was Kinder brauchen, damit sie wieder jeden Tag zur Schule gehen.

Marco Leopold 

In Ihrem Projekt arbeiten Jugendhilfe und Schule eng zusammen, um Schulverweigerern zu helfen. Was ist das Besondere an Ihrem Projekt?

Bei uns in der Evangelischen Stiftung Gotteshütte sind Jugendhilfe und eine Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung für die Klassen 5 bis 10 unter einem Dach. So können wir eng kooperieren. Die Schule ist in unserer Trägerschaft, aber öffentlich  anerkannt und richtet sich an Schüler mit Problemen im emotionalen und sozialen Bereich, und ergänzend wird der Förderschwerpunkt Lernen angeboten. Viele haben Probleme mit aggressivem Verhalten oder weiteren Verhaltensauffälligkeiten, und dies stellte an den vorangegangenen Schulen oftmals ein großes Problem dar.  Viele, die zu uns kommen, waren über ein halbes Jahr nicht mehr in der Schule.

Wie kommt es dazu, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr zur Schule gehen?

Manche sind durch Erlebnisse im Elternhaus traumatisiert. Bei anderen ist der Erziehungsstil der Eltern zu streng oder zu wenig streng oder es gibt Beziehungsdefizite. All das führt dann bei den Kindern und Jugendlichen zu Schulschwierigkeiten. Einige werden über lange Zeit von der Schule suspendiert und haben gelernt, ich muss nur genug in der Klasse auffallen, dann habe ich vormittags frei und kann meine freie Zeit selbst gestalten. Diese Jugendlichen kommen in einer Klassengemeinschaft  mit 30 Schülerinnen und Schülern nicht klar. Viele werden einfach schnell wütend oder fühlen sich zu Unrecht beschuldigt. Sie schreien den Lehrer an oder es kommt zu Rangeleien und anderen Regelverletzungen. Sie können sich im Unterricht schlecht konzentrieren.

Die Klassen in der Förderschule sind klein.

Was tun Sie, damit diese Kinder und Jugendlichen wieder zur Schule gehen?

Wir starten zunächst mit einer Hausbeschulung. So kommen sie nach und nach wieder in einen normalen Tagesrhythmus, den viele nicht mehr kennen. Und dann üben wir den ganz normalen Alltag. Aufstehen, gemeinsames Frühstück und der Weg zu unserer Förderschule ist kurz, denn sie liegt auch auf unserem Gelände. Die 400 Meter werden sie von einem Sozialpädagogen oder Erzieher von uns begleitet.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Lehrern?

Vor dem Unterricht besprechen unsere Mitarbeiter mit den Lehrern, wie es den einzelnen Kindern und Jugendlichen geht. Ob es Probleme oder Konflikte gab oder was gut läuft. So wissen sie schon, was im Unterricht auf sie zukommt. In der Förderschule sind die Klassen klein, nur circa zehn bis elf Schüler,  und phasenweise werden sie von zwei Lehrern betreut. Wenn die Schule zu Ende ist, werden sie wieder abgeholt. Beim Mittagessen kann dann der Schultag reflektiert werden. Gemeinsam macht man dann die Hausaufgaben oder Freizeitaktivitäten stehen auf dem Programm. Das Ziel ist immer, dass es keine Beurlaubungen von der Schule gibt.

Bei Problemen sind Mädchen oftmals introvertiert. Jungen neigen schneller zu aggressivem Verhalten.

Sie bieten auch Projekte an für Jugendliche, die nicht in der Einrichtung leben.

Es gibt ein besonderes Projekt für Kinder und Jugendliche, die bei ihren Eltern leben und von uns betreut werden. Hier arbeiten neben Sozialarbeitern und Lehrern auch Handwerker mit. Der Unterricht beginnt erst um 9 Uhr. Über die handwerkliche Arbeit mit den Schülern, wie zum Beispiel Holzbau oder erlebnispädagogische Angebote, versucht man die schulmüden Jugendlichen abzuholen und wieder an den Schulalltag zu gewöhnen. Wir unterstützen die Eltern konkret dabei, die Kinder aus dem Bett zu bekommen. Wenn nötig, kommen wir dann auch morgens ins Haus. In der Regel ist das die persönliche Unterstützung der Eltern in der Aufstehsituation zum Beispiel durch unseren Handwerksmeister oder Sozialarbeiter und dann klappt es auf einmal mit dem Aufstehen. In diesem Projekt haben wir sehr hohe Erfolgsquoten. 90 Prozent gehen danach wieder normal zur Schule.

Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Jungen sind in der Ausprägung ihres Verhaltens oftmals eher nach außen gerichtet, bei Problemen neigen sie dann schneller zu aggressivem Verhalten und richten ihre "Wut" nach außen. Mädchen sind oftmals introvertiert in ihrem Verhalten, was bedeutet, dass sie sich zum Beispiel schneller zurückziehen, selbstverletzend reagieren und auch häufig der Schule fern bleiben. Während wir im normalen Bereich der Luther-Schule einen Jungenanteil von gut 90 Prozent haben, kippt dieses Verhältnis in unserem Schulmüden-Projekt "Wag-Es" auf 50:50 im Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen.  

Schulverweigerer brauchen individuelle Begleitung. Lehrer stoßen bei großen Klassen an ihre Grenzen. (Foto: Claudia Hautuum/pixelio)

Immer häufiger werden Schüler wegen ihres Verhaltens vom Unterricht suspendiert. Müsste die Schule nicht mehr tun für diese Kinder?

Ich kann das nachvollziehen, dass Lehrer bei so großen Klassen an ihre Grenzen stoßen. Sie haben nicht die Möglichkeit, auf verhaltensauffällige Jugendliche einzugehen. Sie müssen ja auch den Lehrplan einhalten. Diese Kinder sprengen schnell die ganze Klasse. Ein Lehrer allein kann das dann nicht auffangen. Da ist die Kooperation mit Projekten der Jugendhilfe sehr hilfreich. Die kleinen Klassen in Förderschulen sind für schwierige Schüler ein großer Vorteil. Wir merken immer wieder, wie wichtig für Schulverweigerer eine intensive individuelle Begleitung ist.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Björn-Christian Jung
Geschäftsführung Evangelischer Fachverband für Schulen mit sonderpädagogischer Förderung
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