22. Oktober 2020

Offene Ganztagsschulen

Zerreißprobe für den Offenen Ganztag

Zwölf Minuten fürs Mittagessen. Putzen. Dann kommt die nächste Gruppe. Die Offenen Ganztagsbetreuungen in Nordrhein-Westfalen sind gut durchgetaktet. Anders geht es nicht in der Corona-Pandemie. Der Mehraufwand lässt sich jedoch kaum noch bewältigen. Viele Träger befürchten, dass sie im Winter ihre Betreuungsangebote einschränken müssen.

  • Gemütlich schmökern: In der Grundschule Ruhort haben die Kinder in der LeseOase einen Rückzugsort. (Foto: Ev. Bildungswerk im Kirchenkreis Duisburg)
  • Den Räumen Farbe geben: An der Grundschule Ruhrort haben die Kinder im Offenen Ganztag ihre LeseOase eingerichtet. (Foto: Ev. Bildungswerk im Kirchenkreis Duisburg)
  • Lesen mit Ausblick: Eine Schülerin der OGS-Betreuung an der Grundschule Ruhrort schmökert in einem Buch. (Foto: Ev. Bildungswerk im Kirchenkreis Duisburg)

Endlich wieder gemeinsam spielen. Die Kinder an den 16 Grundschulstandorten des Evangelischen Bildungswerks im Kirchenkreis Duisburg freuen sich, dass sie miteinander toben, basteln und lernen können. Doch vieles hat sich verändert, seit die Ganztagsangebote wieder geöffnet sind. Bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie war es eng. Es gibt zu wenige, oft dunkle Räume und nicht genügend Platz für die Kinder. "Jetzt wird das zu einem echten Problem bei uns", sagt Marcel Fischell, Vorstandsvorsitzender des neu gegründeten Evangelischen Fachverbands "Ganztagsangebote an Schule" und Geschäftsführer des Bildungswerks.

"In einer Einrichtung haben wir 100 Kinder in der Betreuung, aber nur zwei Räume." Die Mitarbeitenden weichen in Turnhallen, auf Schulhöfe oder in die Aula der Grundschulen aus. Noch geht das. Wie es im Winter klappen kann, ist an vielen Standorten  unklar. Denn das offene Konzept der Ganztagsbetreuung mit AGs und verschiedenen Angeboten, aus denen die Kinder auswählen können, funktioniert in der Pandemie nicht mehr. Die unterschiedlichen Gruppen dürfen sich nicht mehr mischen. Und auch das Personal ist fest an die Aufsicht ihrer Gruppe gebunden.

Dr. Marcel Fischell, Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Fachverbands "Ganztagsangebote an Schule" (Foto: Evangelisches Bildungswerk im Kirchenkreis Duisburg)

Der Offene Ganztag geht auf dem Zahnfleisch, warnt Dr. Marcel Fischell, Vorstandsvorsitzender des neu gegründeten Evangelischen Fachverbands "Ganztagsangebote an Schule".

Engpässe beim Personal

"Der Offene Ganztag ist beim Schulministerium aus dem Blick geraten. Bei den Entscheidungen der Schulschließungen wurden wir schlicht vergessen. Das muss sich dringend ändern", so Fischell. Das Evangelische Bildungswerk bereitet sich darauf vor, dass die Betreuung der insgesamt 1.500 Kinder eingeschränkt werden muss, wenn Mitarbeitende krank werden oder unter Corona-Verdacht stehen und sich dann in Quarantäne begeben müssen. "Wir haben niemanden, der einspringen könnte. Schon jetzt sind wir extrem knapp besetzt. Damit wir den Betrieb während der Corona-Pandemie aufrechterhalten können, benötigen wir kurzfristige, finanzielle Unterstützung." Die regulären Fördergelder reichten nicht aus, um Betreuungskräfte als Springer einzusetzen.

Auch das Friedrich-Wilhelm-Stift hat zu kämpfen. An zwei der vier Grundschulen im westfälischen Hamm kann freitags nur noch bis 15 Uhr betreut werden. "Die Mitarbeitenden geben alles. Sie sind flexibel, spontan und bleiben länger", betont Geschäftsführerin Nicole Krüger. Aber es ginge einfach nicht mehr. "Wir bräuchten dringend mehr Personal", schließt sich Katja Brinkmann von der Fürstin-Pauline-Stiftung im lippischen Detmold an. Bereits bei leichten Erkältungssymptomen werden die Mitarbeitenden auf das Corona-Virus getestet. Bis das Ergebnis nach zwei bis drei Tagen vorliegt, fallen sie aus. Ihre Kolleginnen und Kollegen übernehmen die Betreuung in der Zwischenzeit. Die Überstundenkonten explodieren vielerorts.

Den Teller selbst füllen, geht nicht mehr: Die Kinder in der Offenen Ganztagsbetreuung haben im Schnitt zwölf Minuten Zeit für ihr Mittagessen. Dann kommt die nächste Gruppe. (Foto: Shutterstock)

Den Teller selbst füllen, geht nicht mehr: Die Kinder in der Offenen Ganztagsbetreuung haben im Schnitt zwölf Minuten Zeit für ihr Mittagessen. Dann kommt die nächste Gruppe.

Herausforderung Mittagstisch

Die Ganztagesangebote haben nicht nur einen Betreuungs-, sondern auch einen pädagogischen Auftrag. Während der Pandemie kommt dieser oft zu kurz. Das Evangelische Bildungswerk Duisburg bietet beispielsweise einen "Pädagogischen Mittagstisch" an. Die Kinder an den 16 Duisburger Grundschulen sollen lernen, wertschätzend mit den Lebensmitteln umzugehen, bewusst zu essen und selbst zu entscheiden, wie viel sie sich auf ihre Teller füllen möchten.

"Davon ist jetzt keine Rede mehr", sagt Fischell. Die Mensen in den Grundschulen sind gut durchgetaktet. In Gruppen von 15 bis 20 Kindern wird gegessen. Jede Gruppe hat zehn bis zwölf Minuten Zeit. An der Theke holen sich die Kinder die bereits portionierten Menüs ab, setzen sich hin, essen und gehen wieder raus. Bevor die nächste Gruppe zum Mittagessen kommt, wischen die Betreuungskräfte die Möbel mit einer alkoholischen Lösung ab.

"Das erhöht den Personalaufwand um einiges", stellt Nicole Krüger vom Friedrich-Wilhelm-Stift fest. Das Mittagessen ziehe sich von 12 bis 13.30 Uhr. "Einigen Kindern hängt der Magen dann schon in den Kniekehlen", erzählt Fischell, der froh ist, dass an den OGS-Standorten überhaupt wieder Mittagessen angeboten werden kann. "Während des ‘Lockdowns’ haben wir uns große Sorgen um unsere Kinder gemacht. Bei einigen ist das Mittagessen in der OGS die einzige warme Mahlzeit am Tag. Dass wir das für so viele Wochen nicht anbieten durften, ist ein Armutszeugnis."

Diakonie RWL-Familienexperte Tim Rietzke

In der Corona-Pandemie zeigen sich die Schwächen: Seit Jahren ist der Offene Ganztag chronisch unterfinanziert, kritisiert Familienexperte Tim Rietzke.

Entlastung wird dringend gebraucht

Bereits vor der Corona-Pandemie war die Lage angespannt. "Wir bekommen 1.770 Euro im Schuljahr pro OGS-Platz", rechnet Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik bei der Diakonie RWL und Vorsitzende des Arbeitsausschusses Familie, Jugend und Frauen der Freien Wohlfahrtspflege NRW, vor. "Wir benötigen für qualifiziertes Personal und einen angemessenen Betreuungsschlüssel aber eigentlich fast das Doppelte, nämlich 3.400 Euro pro Platz."

Der Offene Ganztag benötige schnelle und unbürokratische Hilfe, fordert Tim Rietzke, Leitung des Geschäftsfelds "Familie und junge Menschen" der Diakonie RWL. "Wir hatten dem NRW-Schulministerium vorgeschlagen, analog zu den Alltagshelfern in den Kindertagesstätten, kurzfristig Personal zur Unterstützung für die OGS-Einrichtungen einzustellen." Der Vorschlag sei aber zurückgewiesen worden. "Dabei ist das Geld da. Die Mittel für die Sommerferienprogramme wurden kaum abgerufen und auch im Herbst wird unserer Rechnung nach Geld übrig bleiben", so Rietzke. 

Basteln im Offenen Ganztag: Die Schüler und Schülerinnen der Grundschule Ruhrort in Duisburg sind froh, dass sie wieder in die Nachmittagsbetreuung können. Kinder und Betreuungskräfte hoffen, dass die Angebote im Winter nicht eingeschränkt werden müssen.

Basteln im Offenen Ganztag: Die Schüler der Grundschule Ruhrort sind froh, dass sie wieder in die Nachmittagsbetreuung können. Kinder und Betreuungskräfte hoffen, dass die Angebote im Winter nicht eingeschränkt werden müssen.

Angst vor dem Winter

An den Duisburger OGS-Standorten des Evangelischen Bildungswerks haben sich die Mitarbeitenden so gut es geht auf den Pandemie-Modus eingestellt. "Wir gehen aber auf dem Zahnfleisch", sagt Fischell. Wenn mehr Mitarbeitende im Herbst und Winter ausfielen, werde er Notgruppen einrichten müssen. Dann könnten nicht mehr alle Kinder betreut werden.

"Wir müssen dann nach den erhobenen Sozialdaten auswählen. Kinder mit alleinerziehenden, berufstätigen Eltern hätten dann beispielsweise Vorrang." Damit es so weit nicht kommen kann, muss das Land NRW die Träger dringend unterstützen, mahnt Fischell.

Text: Ann-Kristin Herbst, Fotos: Evangelisches Bildungswerk im Kirchenkreis Duisburg, Ann-Kristin Herbst und Shutterstock.

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Tim Rietzke

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