14. April 2020

Notbetreuung in der Corona-Pandemie

Viel Zeit und Platz zum Spielen

Seit dem 18. März gibt es in den Offenen Ganztagsschulen (OGS) in Nordrhein-Westfalen eine Notbetreuung für Kinder von Eltern mit systemrelevanten Berufen. Nun zeigt sich, dass bislang viel weniger Eltern als erwartet dieses Angebot nutzen. An die OGS-Träger stellt die derzeitige Ausnahme-Situation dennoch hohe Anforderungen, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit viel Motivation meistern.

  • Pausenhof einer Offenen-Ganztags-Betreuung in Köln
  • Obstsalat vorbereiten: In der Notbetreuung der Diakonie Düsseldorf werden Kinder während der Corona-Krise betreut.

Am Anfang gab es manchmal Tränen. Da war zum Beispiel die alleinerziehende Mutter mit Pflegeberuf, die keine andere Wahl hatte, als ihre Tochter in die Notbetreuung zu bringen. Das Problem: Das Mädchen war an der Düsseldorfer Grundschule zunächst die einzige Schülerin in der Notbetreuung. 

Inzwischen seien an fast allen OGS in der Trägerschaft der Düsseldorfer Diakonie mindestens zwei bis drei Kinder, sagt Stefanie Klein, Sachgebietsleiterin Ganztagsschulen. Der zunächst erwartete Ansturm blieb jedoch aus. In den 24 Offenen Ganztagsschulen in Trägerschaft der Düsseldorfer Diakonie wurden anfangs nur 29 Kinder betreut. In der dritten Woche hat sich die Zahl auf durchschnittlich 58 gesteigert. "Wir hatten das ganz anders eingeschätzt", sagt Klein.

Helga Siemens-Weibring, sozialpolitische Beauftragte der Diakonie RWL.

Zwei bis drei Prozent der Kinder besuchen die Notbetreuung der Mitgliedseinrichtungen der Diakonie RWL, sagt die sozialpolitische Beauftragte Helga Siemens-Weibring.

Bislang weniger Bedarf als erwartet

Damit ist die Düsseldorfer Diakonie keine Ausnahme. "Wir waren am Anfang nervös, weil wir nicht wussten, wie viele Kinder kommen würden", sagt Helga Siemens-Weibring, Beauftragte Sozialpolitik bei der Diakonie RWL. Aber jetzt habe sich gezeigt, dass die Lage bei den knapp 80 Trägern, die bei der Diakonie RWL gelistet sind, überwiegend ruhig ist. "Im Durchschnitt kommen zwei bis drei Prozent der Kinder." In ganz Nordrhein-Westfalen seien in der letzten März-Woche rund 2.000 Kinder gezählt worden, die unter der Woche die Notbetreuung besuchten, an den Wochenenden waren es lediglich etwa 300. 

Abzuwarten sei nun, ob der jüngste Erlass der Landesregierung zur Notbetreuung die OGS noch vor besondere Herausforderungen stellen werde, sagt Siemens-Weibring. Seit dem 2. April dürfen Jugendämter Kinder auch wegen Gefährdung des Kindeswohls in Notbetreuungen unterbringen. Bislang gibt es laut Siemens-Weibring dazu von den Trägern unter dem Dach der Diakonie RWL aber noch keine Rückmeldungen. "Insgesamt erleben wir eine große Bereitschaft unserer Träger, die Notbetreuung zu übernehmen und in dieser Zeit für die Kinder da zu sein."

André Lukas, Fachbereichsleiter Jugend und Offene Ganztagsschulen der Johanniter-Unfall-Hilfe Östliches Ruhrgebiet.

Auch bei der Johanniter-Unfall-Hilfe Östliches Ruhrgebiet wird im Home Office gearbeitet. André Lukas, Fachbereichsleiter Jugend und Offene Ganztagsschulen, während einer Telefonkonferenz. (Foto: privat)

Mehr Zeit zum Spielen und gemeinsamen Kochen

Die moderate Nachfrage bedeutet für die OGS-Träger nicht, dass auch der Aufwand gering ist. Vorgeschrieben sind zwei Betreuer für jeweils fünf Kinder. "Wir haben auch Standorte, wo tageweise nur ein Kind kommt. Dort müssen trotzdem zwei Betreuer da sein", erklärt Julia Eschenbruch, Fachbereichsleiterin Jugend und Freiwilligendienste bei der Johanniter-Unfall-Hilfe NRW. "Unsere Mitarbeiter sind dennoch sehr motiviert. Sie hätten aber gerne mehr Kinder da."

In Schwerte etwa besuchen in den Osterferien nur 16 Kinder die Notbetreuung in vier der insgesamt sechs OGS in der Trägerschaft der Johanniter-Unfall-Hilfe. "Viele Eltern haben möglicherweise Angst, dass sich die Kinder in der Einrichtung anstecken könnten und suchen deshalb nach Alternativ-Lösungen", vermutet André Lukas, Fachbereichsleiter Jugend und Offene Ganztagsschulen bei der Johanniter-Unfall-Hilfe Östliches Ruhrgebiet. Die Kinder selbst sind Lukas zufolge weniger ängstlich und haben sich schnell an die neue Situation gewöhnt. 

Für die Mitarbeitenden ist es eine Herausforderung, für genügend Bewegungsmöglichkeiten zu sorgen. Denn Ausflüge auf den Spielplatz oder ins Schwimmbad sind derzeit ausgeschlossen. Stattdessen gebe es Bewegungsspiele auf dem Schulhof, berichtet Lukas. Und durch die geringe Zahl der Kinder sei es auch möglich, einmal besondere Projekte zu starten, etwa ein Videotagebuch. "Viele Kinder genießen es auch, dass nur wenige da sind und es ruhiger zugeht."

Das beobachtet auch Stefanie Klein von der Düsseldorfer Diakonie: "Jetzt hat man zum Beispiel Zeit, auch mal ein längeres Gesellschaftsspiel mit den Kindern zu spielen oder in Ruhe zu basteln." Außerdem kochen die Betreuerinnen in den OGS der Düsseldorfer Diakonie nun täglich gemeinsam mit den Kindern, was bei normalem Betrieb kaum möglich wäre.

Mädchen in der OGS-Betreuung der Diakonie Düsseldorf

Das gemeinsame Mittagessen gehört bei vielen OGS-Betreuungen dazu. In der Notbetreuung bleiben die Tische jetzt leerer. (Foto: Diakonie Düsseldorf)

OGS-Team verpflegt Mediziner

Eine Herausforderung ist die Ausnahme-Situation aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die derzeit nicht arbeiten könnten, etwa weil sie zur Corona-Risikogruppe gehören. Viele säßen zuhause und bekämen das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, sagt Lukas. "Das drückt auf die Stimmung." Einige hätten nun damit begonnen, Gesichtsmasken zu nähen. 

Bald soll es für die daheimgebliebenen OGS-Mitarbeitenden der Johanniter-Unfall-Hilfe auch einen Online-Kurs geben, damit sie die Zeit zur pädagogischen Fortbildung nutzen können. Bei der Düsseldorfer Diakonie beschäftigen sich die OGS-Betreuerinnen im Homeoffice nun unter anderem mit Entwicklungsplanungen und Vorbereitungen für die Betreuung in den Sommerferien. "Das erfordert besondere Planung, da wir damit rechnen, keine Ausflüge oder Schwimmbadbesuche mit den Kindern machen zu können", sagt Klein.

Eine besondere Aufgabe haben die OGS-Mitarbeitenden der Jakob-Muth-Schule in Gangelt übernommen, wo überhaupt keine Kinder für die Notbetreuung angemeldet wurden. Gangelt im Kreis Heinsberg gilt sozusagen als ein Epizentrum der Corona-Epidemie, weil hier der erste Infektionsfall in Nordrhein-Westfalen registriert worden war. Deshalb führt der Bonner Virologe Hendrik Streek mit seinem Team dort eine von der Landesregierung finanzierte Studie durch, die Aufschluss über die Infektionswege des Virus geben soll. Mittags haben die Forscher natürlich Hunger. Verköstigt würden die rund 40 Mediziner in der Schule durch das OGS-Team der Johanniter, berichtet Eschenbruch. "Ein Caterer liefert das warme Essen an und unsere Mitarbeiter machen dazu einen frischen Salat."

Text: Claudia Rometsch

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