30. März 2017

Kinder- und Jugendhilfetag

Diakonie-Empfang mit Zirkuskindern, Kabarett und politischen Diskussionen

Zum 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag in Düsseldorf gestalteten die Jugendhilfe-Expertinnen der Diakonie RWL einen eigenen Abendempfang. Kabarett und Zirkuskunststücke erfreuten die Besucher. Zugleich wurde deutlich, dass sich die Kinder- und Jugendhilfe im Zeitalter des Rechtspopulismus auch neuen Herausforderungen stellen muss. 

Beim Schminken vor dem Spiegel

Clown Totti (14): Vorbereitung auf den Auftritt

Zirkuskinder können viel, aber sie haben es schwer. Mit atemberaubender Akrobatik und zwerchfellerschütternden Clownerien erfreuten vier Geschwister der Zirkusfamilie Traber die Besucher des Diakonischen Empfangs beim Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag in Düsseldorf. Sie alle besuchen die mobile Schule für Circuskinder der Evangelischen Kirche im Rheinland oder haben dort bereits ihren Abschluss gemacht. 

Clown hält das Gleichgewicht: auf Brett, das auf einer Rolle steht

Hält das Gleichgewicht:  Totti auf der Bühne

Clown Totti, gerade 14 Jahre alt, ist der heimliche Star der Truppe. In Monte Carlo hat er sogar den Goldenen Junior-Clown für Zirkuskunst gewonnen. Er freut sich über den Beifall für seine Kunststücke. Aber auch der Schulabschluss ist ihm wichtig. „Vielleicht mache ich sogar Abitur“, sagt er, „denn ich weiß nicht, wo der Zirkus in zehn Jahren ist. Wir kämpfen um jeden Besucher.“ So stehen selbst die Zirkuskinder mit all ihrem Können symbolisch vielleicht auch für andere Kinder und Jugendliche, die es schwer haben. 

nebeneinander in der ersten Reihe im Publikum

Auftritt für Totti: Albert Henz, Bernd Baucks, Christian Heine-Göttelmann, Helga Siemens-Weibring im Publikum

Benachteiligte Jugendliche

Vizepräsident Albert Henz von der Evangelischen Kirche von Westfalen machte auf die Lebenslage der nahezu 30 Prozent junger Menschen in Europa aufmerksam, die als abgehängt gelten. „Uns als Kirche liegen diese Benachteiligten am Herzen“, hob er hervor. Fördern sei immer stärker eine gesellschaftliche Aufgabe. Wir brauchen einen Zweiten Arbeitsmarkt, machte er deutlich. Sozialstaatliche Programme seien nur hilfreich, wenn sie auch ausreichend finanziert seien. Oberkirchenrat Bernd Baucks von der rheinischen Kirche stellte klar, dass junge Menschen inspiriert werden müssten, sich zu beteiligen. Es sei kein Zufall, dass viele, die sich politisch und in Parteien engagieren, aus der Evangelischen Jugendarbeit kämen. 

Auf der Bühne

Nicht immer einer Meinung: Politik, Kirche und Diakonie im Dialog (Bernd Neuendorf, Albert Henz, Helga Siemens-Weibring, Bernd Baucks)

Im Fokus: KiTa und OGS

Die beiden Kirchenvertreter diskutierten mit NRW-Staatssekretär Bernd Neuendorf. Neuendorf räumte ein, dass das Land in der Kinder- und Jugendpolitik zu versäult arbeite. Zugleich lobte er die Erfolge von Programmen wie „Kein Kind zurücklassen“. Dieses Programm soll flächendeckend auf ganz Nordrhein-Westfalen ausgedehnt werden. Was ist wichtiger: Kita-Ausbau oder generelle Beitragsfreiheit? Hier setzte Henz die Akzente anders als Neuendorf. Der Staatssekretär wollte Beitragsfreiheit nicht gegen Qualität ausgespielt wissen, Henz wünscht sich beides, sieht die Priorität aber eher im Ausbau der Kita-Betreuung. Er verwies zudem darauf, dass die Evangelische Kirche mit großem Engagement beim Offenen Ganztag eingestiegen sei, inzwischen aber ganze Kirchenkreise im Ruhrgebiet überlegen, hier aus finanziellen Gründen auszusteigen. 

Am Mikrofon

Besorgt über Rechtspopulismus: Bernd Baucks 

Herausforderung Rechtspopulismus

Die Talkrunde zu aktuellen Themen der Kinder- und Jugendhilfe wurde von Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik der Diakonie RWL, moderiert. Abschließend fragte sie nach den Auswirkungen des Rechtspopulismus in der Kinder- und Jugendhilfe. Bernd Baucks verwies voller Sorge auf die geänderte Stimmungslage. Menschen seien keine Bedrohung. Der Aufbau von Integrationshindernissen sei mit christlichen Ideen nicht vereinbar. Albert Henz verwies darauf, dass Flüchtlingsfamilien die Kirchengemeinden bereichern. Gegen den Rechtspopulismus müsse die Kirche in Opposition gehen. 

Am Mikrofon

Nach der Jonglage: Christian Heine-Göttelmann

Humor ist…

Bei seiner Begrüßung jonglierte Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann mit immerhin drei Bällen. Das etwa sei die Situation der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe zwischen und mit ihren drei Landeskirchen – so interpretierte er sein Kunststück. Für seine artistischen Fähigkeiten bekam er nicht ganz so viel Beifall wie die Zirkuskinder, aber der gemeinsame Auftritt aller diakonischen Werke und Verbände beim Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag stieß auf große Zustimmung. Bei der Fachmesse unter dem Motto „gemeinsam. gesellschaft. gerecht gestalten“ präsentiert sich die diakonische Kinder- und Jugendhilfelandschaft mit einer „diakonischen Dorfmitte“.

Mit ausgebreiteten Armen

"Bei den Veranstaltungen der Diakonie gibt es immer Fingerfood": Rainer Schmidt

Mit humoristischen Glanzstücken bezauberte Kabarettist Rainer Schmidt die Gäste zum Abschied. Inklusion ist ein schönes Programm, in der Praxis aber schwer zu machen, das ist eine seiner Botschaften. Selbst bei einem Empfang mit Begegnung und buntem Programm gilt das für ihn: „Immer, wenn ich von der Diakonie eingeladen werde, gibt es fingerfood…findgerfood“, so brachte er sein Publikum zum Lachen. Für alle, die diesmal nicht live dabei sein konnten, muss diese Pointe erklärt werden: Der Pfarrer, Tischtennisspieler und Kabarettist wurde ohne Unterarme und mit einem verkürzten Oberschenkel geboren. Auch er hatte es als junger Mensch nicht immer leicht und erlebte Demütigungen in der Schule. 

Clowns am Ausgang nebeneinander

Abschied von den Zirkuskindern

Heute kann er über manches lachen und vor allem seiner Mitwelt irritierend-humorvolle Botschaften mitgeben. Mit Blick auf Rainer Schmidt und die Zirkuskinder könnte man in Erwägung ziehen, Humor als Hauptfach in den Katalog von Maßnahmen der sozialen Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe aufzunehmen. 


Text: Reinhard van Spankeren
Fotos: Christian Carls

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