26. Oktober 2021

Heilpädagogische Förderung

Wenn Kinder gemobbt werden

In den Schulen sind die Folgen der Pandemie besonders zu spüren. Es gilt nicht nur, verpassten Lernstoff aufzuholen. Auch das soziale Miteinander hat gelitten. Kinder, die aufgrund von Entwicklungsstörungen ohnehin schon Außenseiter waren, haben es nun noch schwerer. In den heilpädagogischen Tagesgruppen der Diakonie werden sie unterstützt.

  • Junge sitzt traurig auf dem Boden eines Flurs in einer Schule
  • Nasser Turnbeutel

Die Namen der Kinder aus seiner alten Klasse kennt Tom (Name geändert) bis heute nicht. Seine Mutter vermutet, dass sie ihm das einfach nicht wert sind. Toms Leidensweg begann in der 5. Klasse. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als eine Gruppe von sechs Jungen seinen Turnbeutel in die Dusche warf. Seine Hose, sein T-Shirt und seine Schuhe waren klitschnass.

Einige Zeit später sperrten die Mitschüler Tom in der Toilette ein, indem sie die Tür von außen zuhielten. Die Pause verbrachte Tom auf der anderen Seite der Tür, an der Klinke rüttelnd in der Dunkelheit. Ein Kind wollte ihm helfen. Die anderen schubsten es weg.

"Die wollten mich weinen sehen"

Das erzählt Tom, während er auf dem Sofa der Heilpädagogischen Tagesgruppe der Diakonie Düsseldorf sitzt, die er nach der Schule besucht. Dabei zippelt er nach und nach die Fädchen aus dem modischen Loch in seiner Jeans. Er wirkt nicht unsicher dabei, eher ein bisschen zu reflektiert für einen Zwölfjährigen. Es sei damals leicht gewesen, ihn zum Weinen zu bringen, berichtet Tom. Darauf hätten es die anderen Kinder wahrscheinlich angelegt, als sie ihn ärgerten." "Die wollten mich weinen sehen."

Tom sucht die Ursache für die Schikanen vor allem bei sich selbst. "Ich bin halt manchmal komisch", sagt er und meint damit, dass er ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) hat. Die Heilpädagogische Tagesgruppe hat ihm geholfen, Selbstvertrauen aufzubauen, sich in Gruppen besser zurechtzufinden und gute Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Die Diakonie Düsseldorf bietet fünf Tagesgruppen für jeweils sieben Kinder mit Entwicklungsstörungen im Alter von sechs bis zwölf Jahren an, die von drei Pädagoginnen und Pädagogen betreut werden.

Torben Bruhn, Leiter der Heilpädagogischen Hilfen der Diakonie Düsseldorf

Mobbing hinterlässt oft bleibende Schäden, beobachtet Torben Bruhn, Leiter der Heilpädagogischen Hilfen der Diakonie Düsseldorf.

Mobbing nimmt im Homeschooling zu

Toms Erlebnisse stammen noch aus der Zeit vor der Corona-Pandemie. Jetzt kommt vor allem der gestiegene Druck, Lerndefizite aufzuholen, als Thema in den Tagesgruppen dazu. "Die Pandemie hat benachteiligte Kinder besonders getroffen", sagt Torben Bruhn, Leiter der Heilpädagogischen Hilfen der Diakonie. Das Homeschooling sei für viele ausgesprochen schwierig gewesen. "Alle wollen so schnell wie möglich zur Normalität zurück, doch dafür haben viele Kinder überhaupt keine Kraft." Die Folge sind Konzentrationsstörungen, Aggressionen und Mobbing von Schwächeren.

Und das hat katastrophale Folgen für die Entwicklung der Kinder. "Mobbing greift an zwei neuralgischen Punkten an: der Teilhabe und Selbstwirksamkeit", erklärt er. "Das sind Schlüsselfaktoren für eine gelingende Entwicklung. Selbst wenn die Situation überwunden wurde, kann die Schädigung noch lange nachwirken. Das Kind ist verunsichert, das Gefühl der Zugehörigkeit und der Handlungsfähigkeit ist erschüttert."

Kind unterhält sich mit einer Therapeutin. Beide sitzen auf einem Sofa

Darüber sprechen: Kinder, die gemobbt wurden, brauchen oft viel Zeit, um ihr Selbstbewusstsein wieder aufzubauen.

Selbstbewusstsein im Keller

Tom reagierte auf die Schikanen zunächst, wie es die Erwachsenen ihm geraten hatten. Er machte das Mobbing öffentlich. Und doch zeigen die Worte, die er wählt, wie schwierig es für Kinder in einer solchen Situation ist, alles richtig zu machen. "Ich habe gepetzt." Nicht: "Ich habe um Hilfe gebeten." Manche Lehrerinnen und Lehrer nahmen ihn ernst, manche nicht, sagt Tom. Auch Toms Eltern schalteten sich ein, drängten die Schule immer wieder, stärker einzugreifen. Die Schule versuchte gegenzusteuern. Es gelang ihr nicht. Die Schikanen gingen weiter. 

Irgendwann war auch Toms Selbstbewusstsein im Keller. "Die sagen doch eh alle, dass ich behindert bin", bekamen seine Eltern in dieser Zeit immer öfter zu hören. "Wir hatten einfach alles versucht. Wir waren hilflos", erinnert sich seine Mutter Nicole an die Zeit von vor drei Jahren. Es sei furchtbar mitanzusehen, wie das eigene Kind vergeblich an allen Haustüren in der Nachbarschaft klingelt, um zumindest ein Kind zu finden, das mit ihm spielt. Auch Freundschaften der Eltern zerbrachen daran. "Für Außenstehende war es schwer zu verstehen, warum uns das so beschäftigte. Wir fühlten uns manchmal sehr allein."

Zwei Jungen schauen aus dem Fenster. Einer hat den Arm um den anderen gelegt

Manchmal hilft ein Schulwechsel: Tom hat in seiner neuen Klasse Freunde gefunden.

Freunde, die etwas anders sind

Heute klingeln die Kinder an Toms Tür. Weil Toms Eltern die Reißleine zogen. Sie nahmen ihren Sohn von der Schule und meldeten Tom in der Heilpädagogischen Gruppe der Diakonie Düsseldorf an. "Er ist jetzt richtig selbstbewusst", sagt Toms Mutter.

In der neuen Schule hat Tom einen Integrationshelfer zur Seite gestellt bekommen. Nachmittags besucht er die heilpädagogische Tagesgruppe. Dort hat er Freunde gefunden, die auch ein bisschen anders sind. So wie er selbst. Die Namen der Kinder in der Tagesgruppe kennt Tom alle – und auch die Namen von mehr als der Hälfte der Kinder in seiner neuen Klasse. Aus dem Stand kann er fünf aufzählen. Fünf mehr als früher.

Text: Anne Wolf, Redaktion: Sabine Damaschke, Fotos: David Ertl/Diakonie Düsseldorf, Shutterstock und Pixabay.

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Tim Rietzke
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