9. April 2019

Zwang in der Jugendhilfe

Mitbestimmung statt Strafe

Bis in die siebziger Jahre hinein war es in der Heimerziehung üblich, den Willen der Kinder und Jugendlichen durch Gewalt und Zwang zu brechen. Heute setzt man auf Eigenverantwortung und Mitbestimmung. Doch wer sich partout nicht an Regeln hält, erlebt auch heute noch pädagogischen Zwang. Der Deutsche Ethikrat hält das für bedenklich. Aber geht es tatsächlich ohne? Auf einem Fachtag wurde darüber jetzt heftig diskutiert.

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Dialog zwischen Theorie und Praxis: Professorin Sigrid Graumann von der Evangelischen Hochschule RWL mit Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann und Pastorin Barbara Montag, die die gemeinsame Fachtagung moderierte.

Max haut ständig aus der Wohngruppe ab, Leonie bessert ihr Taschengeld heimlich auf, indem sie auf den Strich geht und Fabian wird immer wieder mit Drogen erwischt. Es sind Fälle wie diese, die Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe an ihre Grenzen bringen. Dann arbeiten die Pädagogen mit "Zwang". Dazu gehören etwa die Isolierung der betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie ein klares Regelwerk an Strafen für Fehlverhalten.

Dass es diese Zwangsmaßnahmen in Ausnahmefällen geben muss, bestreitet auch der Deutsche Ethikrat nicht. Doch er hält sie für rechtlich und ethisch bedenklich und nur als "Ultima Ratio" für zulässig. In seiner aktuellen Stellungnahme "Hilfe durch Zwang? Professionelle Sorgebeziehungen im Spannungsfeld von Wohl und Selbstbestimmung" beklagt er vor allem "Umsetzungsdefizite".

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Professorin Sigrid Graumann hat an der Stellungnahme des Ethikrates mitgeschrieben.

Dialog zwischen Forschung und Praxis

"Kinder und Jugendliche sollen sich so entwickeln, dass sie ein frei verantwortliches Leben führen können. Doch das gelingt kaum, wenn ihr Wille gebrochen wird", kritisierte Professorin Sigrid Graumann. Sie ist Rektorin der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und hat als Mitglied des Deutschen Ethikrates an der Stellungnahme mitgeschrieben. Die wesentlichen Aspekte trug sie am 8. April auf der Tagung "Hilfe durch Zwang in der Kinder- und Jugendhilfe?" in der Bochumer Hochschule vor.

Der Fachtag soll der Auftakt eines Dialogs zwischen Theorie und Praxis über ein äußerst anspruchsvolles Thema sein. Zu der Veranstaltung, die rund 150 Experten der Jugendhilfe besuchten, hatte die Hochschule gemeinsam mit der Diakonie RWL eingeladen. Der Wohlfahrtsverband vertritt als größter Träger der Kinder- und Jugendhilfe in NRW knapp 150 Einrichtungen mit rund 10.000 Plätzen.

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Partizipation muss im Mittelpunkt der Kinder- und Jugendhilfe stehen, betonte Tim Rietzke von der Diakonie RWL.

Vorsicht mit "wohltätigem Zwang"

Zu Recht betone der Deutsche Ethikrat, dass sogenannter "wohltätiger Zwang" nur in Betracht kommen dürfe, wenn die Gefahr einer schwerwiegenden Selbstschädigung bestehe, meinte Tim Rietzke, Leiter des Geschäftsfeldes "Familie und junge Menschen" der Diakonie RWL. "Wohltätiger Zwang darf in keinem Fall körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen oder andere entwürdigende Maßnahmen umfassen." Grundsätzlich sei in den Einrichtungen "größtmögliche Partizipation der Kinder und Jugendlichen selbst, aber auch ihrer Eltern und Sorgeberechtigten zu gewährleisten".

In den pädagogischen Konzepten der Kinder- und Jugendhilfe spielt Partizipation eine große Rolle. Es gibt Kinder- und Jugendparlamente, Beschwerde- und Ombudsstellen. Das war lange Zeit nicht so, wie Traugott Jähnichen, Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum, in einem historischen Abriss zum evangelischen Erziehungsverständnis skizzierte.

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Traugott Jähnichen, Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum, skizzierte den Wandel des evangelischen Erziehungsverständnisses.

Von der Disziplin zur Teilhabe

Bis in die siebziger Jahre hinein ging es um "Ordnung und Zucht" und eine Disziplinierung der Kinder und Jugendlichen. Danach gab es eher therapeutische Ansätze, in denen man die Kinder aus einer Kette von Strafen befreien wollte. Heute geht es um Teilhabe und Mitbestimmung. "Partizipation wird als Kinder- und Menschenrecht verstanden, das einklagbar ist", so Jähnichen.

Ein Verständnis, das durchaus evangelisch ist, aber in vielen Einrichtungen nicht mehr als solches benannt wird. Für Hans-Wilhem Fricke-Hein, Direktor des Neukirchener Erziehungsvereins, zeigt es sich vor allem "in der Beziehung und im Mitgehen". Statt Zwang auszuüben, versuchten die pädagogischen Fachkräfte, die Kinder und Jugendlichen erlebnispädagogisch zu motivieren und sie intensiv zu begleiten, was sich auch in einer hohen Betreuungsquote ausdrücke.

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Absoluter Gegner aller Zwangsmaßnahmen: Professor Dirk Nüsken von der Evangelischen Hochschule RWL

Geschlossene Unterbringung verdreifacht

Gleichwohl, so räumte Fricke-Hein ein, gebe es auch im Neukirchener Erziehungsverein Zwangsmaßnahmen, die der Deutsche Ethikrat kritisiert hatte. So arbeiten die Pädagogen dort mit Stufenmodellen, die das Verhalten der Kinder und Jugendlichen belohnen oder bestrafen. Manche Jugendliche werden auch geschlossen untergebracht.

Professor Dirk Nüsken von der Evangelischen Hochschule kritisierte die geschlossene Unterbringung von Kindern und Jugendlichen scharf. Mittlerweile gehören rund 400 Plätze der insgesamt bundesweit 100.000 Plätze in der Kinder- und Jugendhilfe dazu. Mit Sorge sieht der Experte, dass sich die geschlossene Unterbringung seit 1996 mehr als verdreifacht hat.

"Hier werden Fehler des Jugendhilfesystems wie eine mangelnde Personalausstattung und Hilfeplanung, Versäumnisse in früheren Hilfen und Zeitmangel auf Kinder und Jugendliche abgewälzt, die dafür mit der Zufügung von Leid und Einschluss bestraft werden", sagte Nüsken. "Erziehung ist nur in Freiheit möglich und darauf haben Kinder und Jugendliche ein Recht."

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Die Vision einer Jugendhilfe ohne Zwang sorgte für viele Diskussionen und offene Fragen.

Modellprojekte fördern und erforschen

Noch gibt es wenige Einrichtungen, die ganz auf Zwangsmaßnahmen verzichten. Dass es geht, davon hat sich auch Rektorin Sigrid Graumann im Rahmen der Ethikrats-Stellungnahme überzeugt. Sie besuchte unter anderem ein Projekt in Freiburg, das seit zehn Jahren erfolgreich nach dem Summerhill-Konzept arbeitet. "Wir sollten die Projekte, die funktioniert haben, weiterentwickeln", forderte sie.

Wissenschaftler wie Praktiker konnten sich am Ende des Fachtags darauf einigen, dass es mehr Modellprojekte geben sollte, die wissenschaftlich begleitet werden. Und dass für eine Erziehung mit weitgehendem Verzicht auf Zwangsmaßnahmen bessere Rahmenbedingungen mit höheren Personalschlüsseln erforderlich sind. Dafür sei ein langer Atem nötig, aber, so betonte Professorin Sigrid Graumann noch einmal zum Schluss: "Wir sollten an der Vision an einer Jugendhilfe ohne Zwang festhalten."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Tim Rietzke

Jugend und Schulen

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