19. Dezember 2016

Stationäre Erziehungshilfe

Pilotprojekt stärkt Eltern von Heimkindern

Heimerziehung ist Erziehung auf Zeit. Das Ziel ist in vielen Fällen eine Rückkehr der Kinder und Jugendlichen in die Herkunftsfamilie. Um sie darauf besser vorzubereiten, startet der Neukirchener Erziehungsverein jetzt ein Pilotprojekt. In Haus Elim kümmern sich nun besonders ausgebildete Beraterinnen um die Eltern der jungen Bewohnerinnen.

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Die Elternberaterinnen Melanie Klein und Nicole Griesbacher mit dem Leiter von Haus Elim, Paul Pott (v.l.). 

Bereits 1880 als "preußisches Mädchenheim" gegründet, ist Haus Elim ist älteste Jugendhilfeeinrichtung des Neukirchener Erziehungsvereins. Heute hat das Haus 66 Plätze in sechs intensiv-pädagogischen Wohngruppen, in einer Apartmentbetreuung und im Mutter-Kind-Haus für junge Schwangere und Mütter mit Kindern.

Das Haus versteht sich als Schutzraum für die jungen Bewohnerinnen, die in ihren Leben häufig Gewalt erlebt haben, nicht selten auch Missbrauchserfahrungen mitbringen. "Wir stellen immer wieder fest, dass die Bereitschaft und das Vermögen zur Mitarbeit bei den Eltern und Angehörigen sehr unterschiedlich ist", sagt Diplom-Sozialarbeiter Paul Pott, der Haus Elim leitet. "Manche rufen jeden zweiten Tag an, um sich nach ihrem Kind zu erkundigen, andere sind eher zurückhaltend." 

Die neuen Beraterinnen Nicole Griesbacher und Melanie Klein, beide ausgebildete Familientherapeutinnen, wollen den Eltern Wege aufzeigen, wie sie nach wie vor Verantwortung für ihre Kinder übernehmen können, auch wenn diese im Heim sind. 

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Eine Wohngruppe im Haus Elim: Hauswirtschafterin Jutta Haag hilft Kathi bei den Hausaufgaben

Arbeit der Beraterinnen ist "überparteilich"

So organisieren die beiden Beraterinnen Workshops und Beratungsgespräche für Eltern und sorgen dafür, dass sie an den verschiedenen hausinternen Aktivitäten wie Geburtstagsfeiern oder speziellen Abenden für Eltern teilnehmen. "Es kommt in der Heimziehung eben nicht nur auf pädagogische und therapeutische Angebote an", so Paul Pott. "Um den Mädchen zu helfen, müssen wir die Herkunftsfamilie viel stärker in den Blick nehmen. Was ist dort schief gelaufen, wie können wir mit den Eltern gemeinsam Wege aus der Krise finden?" 

Aus Erfahrung weiß er: Die meisten Eltern sind sehr daran interessiert, dass es ihren Kindern im Heim gut geht. Die schwierige Entscheidung, das Kind in ein Heim zu geben, führt meist zu einer Verunsicherung in der gesamten Familie.

Anders als die normalen Fachkräfte in Haus Elim sind Nicole Griesbacher und Melanie Klein nicht Teil der Gruppen, in denen die Mädchen und jungen Frauen leben. Sie können eigenständig agieren und verstehen ihre Arbeit "überparteilich". Paul Pott: "Unsere pädagogischen und therapeutischen Fachkräfte neigen aufgrund der oft traumatischen Erlebnisse der Mädchen leicht dazu, einseitig Partei für die jungen Bewohnerinnen zu ergreifen. Das ist verständlich, aber wir haben als Jugendhilfeträger auch einen gesetzlichen Auftrag zur Elternarbeit. Und den nehmen wir ernst."

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Vorreiter des Diakonie RWL-Projekts: Rainer Siekmann von der Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land (r.) mit einem Vater

Elternarbeit steckt noch in "Kinderschuhen"

Die Elternarbeit steckt überall in Deutschland allerdings noch weitgehend in den Kinderschuhen, obwohl auf wissenschaftlicher Seite längst erkannt wurde, wie wichtig die Einbeziehung der Eltern in die Heimerziehung ist. Auch Haus Elim holte sich kürzlich Rat bei einer Expertin. Professorin Nicole Knuth von der Fachhochschule Dortmund, früher als Referentin bei der Diakonie RWL tätig,  gab Einblicke in Diakonie RWL-Projekt zur Elternpartizipation, an dem neun andere Jugendhilfeträger, Eltern und Angehörige sowie der Evangelische Erziehungsverband teilgenommen hatten.

Die Ergebnisse waren durchweg positiv. Paul Pott: "Sie geben Anlass zur Hoffnung, dass auch wir mit einer guten Elternarbeit Abbrüche in der Heimerziehung spürbar verringern und unsere Wirksamkeit insgesamt steigern können." Für ein Fazit in Haus Elim ist es allerdings noch zu früh: "Erst in drei bis vier Jahren werden wir wissen, ob sich der Blick auf die Familien unserer Bewohnerinnen als Ergänzung unseres pädagogisch-therapeutischen Ansatzes bewährt und etabliert hat." 

Text und Fotos: Ulrich Schäfer, Neukirchener Erziehungsverein

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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