Dienstag, 28. Januar 2020

Schulkinder zweiter Klasse

Diakonie RWL-Umfrage zeigt, dass Heimkinder zu oft von Schule ausgeschlossen sind

Düsseldorf, 28. Januar 2020. Schülerinnen und Schüler, die in Heimen und Wohngruppen in Nordrhein-Westfalen leben, werden oft unzureichend beschult. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Diakonischen Werkes Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL) unter ihren rund 140 Einrichtungen. Danach besuchten im vergangenen Jahr 12 Prozent der stationär untergebrachten Kinder und Jugendlichen weniger als 15 Stunden wöchentlich die Schule. Landesweit hochgerechnet sind das mehr als 7.800 Schülerinnen und Schüler. "Wenn Ende der Woche die Zeugnisse des Schulhalbjahres vergeben werden, müssen viele mit schlechten Noten rechnen", sagt Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. "Damit wird diesen Kindern und Jugendlichen, die ohnehin benachteiligt sind, die Chance auf einen Schulabschluss, einen Beruf und soziale Teilhabe genommen."

Ihr Ansprechpartner
Tanja Buck

Erziehungshilfe

, Geschäftsfeld Familie und junge Menschen

Überforderte Lehrkräfte

Besonders betroffen sind Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich „Emotionale und soziale Entwicklung“. Sie werden regelmäßig vom Unterricht „beurlaubt“, weil nicht nur die Lehrkräfte an Regel-, sondern zunehmend auch an Förderschulen mit ihnen überfordert sind. In den Heimen und Wohngruppen der Diakonie bemühen sich die Erzieherinnen und Erzieher, Ersatzangebote zur Bildung zu gestalten. Doch sie verfügten nicht über die Expertise, dies regelmäßig zu tun und das sei auch nicht ihre Aufgabe, erklärt Heine-Göttelmann.

"Schule exkludiert die auffälligsten Schülerinnen und Schüler", kritisiert der Diakonie RWL-Vorstand. "Dabei finanzieren Jugendamt und Eingliederungshilfe zahlreiche Zusatzleistungen und Integrationshelfer, um die Beschulung dieser stark sozial und emotional geschädigten Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen."

Kooperation mit dem Jugendamt

Doch nicht selten mangelt es an einer guten Kooperation zwischen Schule und Jugendamt vor Ort, wie Tanja Buck, Referentin für Erzieherische Hilfen der Diakonie RWL, beobachtet. "Die Schulen sollten verpflichtet werden, in schwierigen Einzelfällen mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten", sagt sie und plädiert für ein sogenanntes "Kooperationsgebot".

In einem Brief an NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat die Diakonie RWL eine Gesamtkonzeption zur Kooperation zwischen Jugendhilfe und insbesondere Förderschulen angemahnt. Auch müssten Projekte für Schulmüde und Schulverweigerer schon für Kinder angeboten werden, die noch nicht die 8. Klasse besuchten, heißt es in dem Brief. Die FDP-Fraktion hatte die Problematik der unzureichenden Beschulung von stationär untergebrachten Schülerinnen und Schülern im Frühjahr 2016 selbst kritisiert und sich dabei auf eine frühere Umfrage der Diakonie RWL bezogen.

Hintergrund:

Die Diakonie RWL vertritt 140 Einrichtungen mit rund 10.000 Plätzen in Nordrhein-Westfalen. Die diakonischen Träger sind damit der größte Anbieter von Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen in Nordrhein-Westfalen.

Weitere Hintergrundinformationen gibt es auf der Website der Diakonie RWL: www.diakonie-rwl.de/umfrage/heimkinder/schule