15. Juni 2021

Pflegefamilien gesucht

Liebevolles Zuhause im "Eulenhof"

Ein Hof mit Hund, Pferd, Hühnern und Kindern – für Judith Schreck und Torsten Kuhn waren das perfekte Voraussetzungen, um sich als Pflegefamilie bei der Stiftung kreuznacher diakonie zu bewerben. Mit Unterstützung der Fachberatung fanden die Zwillinge Max und Nele hier ein neues Zuhause. Jugendämter und Sozialverbände suchen dringend mehr solcher Pflegefamilien.

  • Pflegeeltern Thorsten Kuhn und Judith Schreck (Foto: Stiftung kreuznacher diakonie)
  • Kinder der Pflegeeltern Thorsten Kuhn und Judith Schreck am See (Foto: Stiftung kreuznacher diakonie)

Die Dackelhündin "Grete" tobt mit einer Frisbee-Scheibe im Garten, Katze "Tine" döst auf der Terrasse und hinter dem Haus genießen die Hühner und das Pferd ein paar Sonnenstrahlen, bevor die Kinder am frühen Nachmittag aus der Schule zurückkehren. Der "Eulenhof" von Judith Schreck (47) und Torsten Kuhn (49) kann es mit jedem Bullerbü-Idyll aufnehmen und bietet ein wunderbares Zuhause für klein und groß, für Mensch und Tier. Genau das schwebte dem Ehepaar aus Rheinland-Pfalz vor, als es sich vor sieben Jahren dazu entschloss, Pflegekinder aufzunehmen. 

"Unser großes Haus, die tolle Lage und unsere privilegierte Situation mit zwei Einkommen – wir hatten einfach das Gefühl, da geht noch was!" erinnert sich Judith Schreck. 2014 entdeckte sie die Ausschreibung der Stiftung kreuznacher diakonie, die Pflegefamilien für Kinder mit besonderen Bedarfen suchte. Sie fühlte sich sofort angesprochen. Ehemann Torsten ging es genauso. Auch die Kinder Max und Sebastian, damals zehn und elf Jahre alt, stimmten der Idee zu, ein Pflegegeschwisterchen zu bekommen.

Rund 80.000 Pflegekinder gibt es in Deutschland, etwa 3.500 leben in Rheinland-Pfalz. Während die Zahl der Pflegekinder in den letzten Jahren um etwa 35 Prozent gewachsen ist, nimmt die Zahl der Familien, die sie aufnehmen möchten, ab. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits gibt es immer mehr Inobhutnahmen der Jugendämter. Andererseits  trauen sich weniger Familien zu, Pflegekindern kurz- oder längerfristig ein neues Zuhause zu geben. Das gilt besonders im städtischen Bereich, wo der Wohnraum knapp und die Mieten hoch sind.

Kinderhände halten ein blaues Papphaus (Foto: Shutterstock)

Kindern ein neues Zuhause zu geben, ist anspruchsvoll. Deshalb brauchen Pflegeeltern professionelle Unterstützung.

Gefragt: Gute Begleitung

Wer Pflegekinder aufnimmt, braucht eine gute Begleitung. Bei der Stiftung kreuznacher diakonie ist dafür die Fachberatung "Hilfe in Familien“ der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe zuständig. "Anfangs mussten wir uns klar machen, wer überhaupt zu uns passt: Wir sind viel unterwegs, es gibt die verschiedensten Tiere und drum herum die Landwirtschaft", berichtet die studierte Ergotherapeutin. Ein Baby sollte es nicht sein und wegen der fehlenden Barrierefreiheit kam auch ein Rollstuhllfahrer nicht in Frage. 

Bald war sich die Familie einig, dass ein Mädchen im Kita- oder Grundschulalter harmonieren würde. Es war schnell gefunden, hatte aber noch einen Zwillingbruder. Das Jugendamt hatte die beiden Sechsjährigen – Max und Nele – schon mehrfach aus der Herkunftsfamilie geholt und bei einer Bereitschaftspflegemutter vorübergehend untergebracht. Nach dem Motto "Zwei kriegen wir auch noch groß" entschied das Paar, sich auf das Abenteuer einzulassen und direkt beide Kinder aufzunehmen.

Kornelia Spiegel leitet die Beratungsstelle für Pflegefamilien. (Foto: Stiftung kreuznacher diakonie)

Kornelia Spiegel leitet die Beratungsstelle für Pflegefamilien. 

Schrittweises Kennenlernen

"In der Regel dauert die Anbahnungsphase, in der sich Kinder und Pflegeeltern schrittweise kennen lernen und besuchen, rund drei Monate", erklärt Kornelia Spiegel, Leiterin der Beratungsstelle. Bei Nele und Max musste es sehr schnell gehen. Ihrer Bereitschaftspflegemutter stand ein Krankenhausaufenthalt bevor. Anstelle einer weiteren Pflegemutter übernahmen Judith und Torsten die Verantwortung, sodass die Zwillinge schon nach 14 Tagen im "Eulenhof" einzogen. Judith Schreck, die Vollzeit arbeitete, ging direkt in Elternzeit und auch Torsten Kuhn konnte sich sechs Wochen Familienzeit einräumen.

"Mit Nele und Max ist es nochmal anders, eine ganz neue Herausforderung", berichtet er. Die Zwillinge seien geprägt durch ihre Herkunft und die Erfahrungen, die sie als Kleinst- und Kleinkinder gemacht hätten, ergänzt Kornelia Spiegel. Viel Struktur, eine absolute Verlässlichkeit und stets einen konsequenten Rahmen einhalten – das müssen Pflegeeltern mitbringen, so ihre Erfahrung. Und sie sollten dafür sorgen, dass die Kinder nach Möglichkeit den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie halten, damit sie "beide Umgebungen würdigen" können.

Auf dem "Eulenhof" haben die beiden fast Dreizehnjährigen eine feste und verantwortungsvolle Aufgabe. Sie füttern und versorgen die Hühner und verkaufen ihre Eier an Freunde und Nachbarn. Grundsätzlich sind die Zwillinge glücklich, in ihrer neuen Familie und auf dem "Eulenhof" angekommen zu sein. "Mama, ich bin so froh, dass du mich genommen hast", hören die Eltern dann häufig.

Roter Ball mit wütender Grimasse (Foto: pixabay)

Wütend zu sein, ist auch erlaubt.  Auf dem "Eulenhof" ist genug Platz für Emotionen.

Raum für Emotionen lassen

Auf der anderen Seite kann wenig später ein gewaltiger Wutausbruch folgen und das Kind weiß nicht, wo es sich lassen soll. "Hier draußen kann ich sie ruhig mal auf die Terrasse schicken zum Brüllen", sagt Judith Schreck. "Dann bin ich froh, dass wir nicht in der Stadt wohnen." 

Trotz der nahezu perfekten Rahmenbedingungen – "Bei uns ist alles therapeutisch, vom Pferd, über die Wohnsituation bis zu Vereinen, Kirche und Feuerwehr im Dorf", betont Judith Schreck – brauchen auch die Pflegeeltern gelegentlich zusätzliche Unterstützung und die Kinder besondere therapeutische Begleitung. Die Pädagoginnen der Fachberatung "Hilfen in Familien" halten kontinuierlich Kontakt zu den Familien durch Hausbesuche oder gemeinsame Aktivitäten. 

"Manchmal kommt man an seine Grenzen", gibt die Pflegemutter zu. "Dann muss ich mir Freiraum verschaffen und für Ausgleich sorgen." Trotz aller Anstrengungen und gelegentlicher Rückschläge überwiegen für das Ehepaar die positiven Faktoren. Die Kinder groß werden zu sehen, die Dankbarkeit, Liebe und Anerkennung der Kinder – all das wiegt den persönlichen Einsatz auf. Die beiden sind sich einig: "Leben in der Bude – das haben wir ja gewollt!"

Text: Stiftung kreuznacher diakonie, Redaktion: Sabine Damaschke, Fotos: Stiftung kreuznacher diakonie

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Tim Rietzke

Jugend und Schulen

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Die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der Stiftung kreuznacher diakonie (KJF) begleitet derzeit 26 Kinder in 21 Familien. Die KJF ist immer auf der Suche nach interessierten Pflegeeltern bzw. Pflegepersonen. Ganz besonders sind derzeit sozialpädagogische Pflegefamilien gesucht (mindestens ein Elternteil hat durch seine Ausbildung einen fachlichen/pädagogischen Hintergrund), die bereit sind, ältere Kinder und Jugendliche aufzunehmen, um sie auf dem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten. Umfassende Infos zur Fachberatung und wie man Pflegefamilie wird, gibt es auf der Webseite der Stiftung kreuznacher diakonie