27. Oktober 2020

Partizipation in der Jugendhilfe

Mitbestimmung leben, Demokratie lernen

Hausaufgaben, Medienkonsum, Ruhezeiten – Das sind Themen, die in Familien wie auch Wohngruppen der Jugendhilfe für Konflikte sorgen. Von allen akzeptierte Lösungen für das Zusammenleben zu finden, ist schwierig, aber möglich. Und zwar mit den "Gerechten Gemeinschaften". Wie das von Diakonie RWL entwickelte Modell für Gruppengespräche aussieht, erläutert jetzt eine Arbeitshilfe.

  • Kontrovers diskutiert, Einverständnis erzielt - Jugendliche stapeln ihre Hände
  • Diskussion im Jugendparlament der Graf-Recke-Stiftung (Foto: Graf-Recke-Stiftung)
  • Skizze aus der Broschüre "Gerechte Gemeinschaften" der Diakonie RWL

Eine Stunde am Nachmittag, um in Ruhe die Hausaufgaben auf den Zimmern zu machen oder dort einfach nur zu entspannen – die "Zimmerzeit" war eine feste Größe in der Jungenwohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land. Die Fachkräfte hielten sie nicht nur für pädagogisch sinnvoll. In dieser Stunde hatten sie Zeit für Einzelgespräche mit den Jungen und konnten mit Behörden telefonieren, Papierkram erledigen, Dienstpläne bearbeiten.

Doch die Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren fanden die "Zimmerzeit" überflüssig. Sie langweilten sich und wollten sich lieber früher mit Freunden treffen. Also einigten sich alle darauf, das Thema in der "Gerechten Gemeinschaft" zu diskutieren und eine Verabredung zu treffen, mit der alle einverstanden sind. Nach drei Stunden stand fest: Die "Zimmerzeit" wird abgeschafft, aber die schulischen Leistungen dürfen nicht darunter leiden. Im Wohn- und Essbereich bleibt es ruhig, damit die Fachkräfte im angrenzenden Büro ihre Aufgaben erledigen können.

Klare Regeln, faire Vereinbarungen

Was sich unkompliziert anhört, war ein harter Aushandlungsprozess. Denn das Gesprächsmodell der "Gerechten Gemeinschaften" erfolgt nach klaren Regeln. Am Ende müssen "faire Vereinbarungen" stehen, auf die sich alle – von den Fachkräften über die Jugendlichen bis hin zur Hauswirtschafterin – einigen. Und zwar nicht per Abstimmung, sondern nach dem Konsensprinzip. Vor sechs Jahren hat die Diakonie RWL das Modell gemeinsam mit dem Evangelischen Kinderheim Recklinghausen entwickelt. Mittlerweile arbeiten zehn Träger der Jugendhilfe danach.

Heiner van Mil moderiert die "Gerechten Gemeinschaften" bei der Ev. Jugendhilfe Bergisch Land. (Foto: privat)

Heiner van Mil moderiert die "Gerechten Gemeinschaften" bei der Ev. Jugendhilfe Bergisch Land. (Foto: privat)

Die Evangelische Jugendhilfe Bergisch Land ist mit den "Gerechten Gemeinschaften" im Frühjahr 2017 gestartet. Ihre Erfahrungen sind in die neue Arbeitshilfe, die jetzt als PDF zur Verfügung steht, eingeflossen. "Wir sehen die Gerechten Gemeinschaften als gute Ergänzung zu anderen Partizipationsinstrumenten wie Jugendparlamente, Sprecherräte und Beschwerdestellen", sagt Fachbereichsleiter Heiner van Mil, der die Diskussion über die "Zimmerzeit" moderiert hat. "Hier kommen wirklich alle zu Wort und bestimmen mit – auch diejenigen, die weniger sprachgewandt und selbstbewusst sind."

Meinungsstark und respektvoll diskutieren

Tim Rietzke, Leiter des Geschäftsfeldes "Familie und junge Menschen" bei der Diakonie RWL, versteht die "Gerechten Gemeinschaften" als "Demokratieerziehung". "Kinder und Jugendliche lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden, respektvoll zu diskutieren und Verantwortung für die Vereinbarungen zu übernehmen, auf die sich alle geeinigt haben.“ Dass ihre Stimme und Meinung genauso viel zähle wie die der Erwachsenen, sei dabei von unschätzbarem Wert. "In Partizipationsmodellen wie den 'Gerechten Gemeinschaften' machen Kinder und Jugendliche oft zum ersten Mal in ihrem Leben die Erfahrung, dass sie als Person ernstgenommen und wertgeschätzt werden. Diese Gruppengespräche stärken das Selbstwertgefühlt und Verantwortungsbewusstsein für sich und andere."

Gerechte Gemeinschaften in Wohngruppen der Erziehungshilfen

Dabei erlebten sie aber auch, dass Demokratie anstrengend sein kann, betont Heiner van Mil. Schon die gemeinsame Themenfindung könne lange dauern. "Es gibt keine Tabu-Themen." Verhandelbar ist also alles – von der Mediennutzung über die Teilnahme an gemeinsamen Ausflügen bis hin zu den Badezimmerzeiten.

Die nächste Herausforderung sei die Suche nach einem Termin, erklärt der 32-jährige Erziehungswissenschaftler. "Gerechte Gemeinschaften" sollten nach Möglichkeit mindestens viermal im Jahr stattfinden. "Da alle daran teilnehmen sollen und unsere Fachkräfte im Schichtdienst arbeiten, ist das gar nicht so einfach zu organisieren." Hinzu kommt ein "externer" Moderator, der das Gruppengespräch als neutrale Person leitet.

Herausforderung "Veto-Recht"

Ist ein Termin gefunden, kann die Diskussion lange dauern, denn es gilt ja das Konsensprinzip. Und ein "Veto-Recht" gibt es auch. "Ich habe schon erlebt, dass ein Teilnehmer damit ein gutes und faires Verhandlungsergebnis boykottiert hat. Am Ende waren alle wütend und frustriert." 

Sprechblase mit wütendem Gesicht (Foto: pixabay.de)

Das "Veto-Recht" kann ausgenutzt werden - wie in jeder Demokratie. Dann ist ein langer Atem gefordert, um noch zu einer Lösung zu kommen. (Foto: pixabay.de)

Doch der Erziehungswissenschaftler sieht auch darin einen wichtigen Lernprozess. "Das Scheitern ist eine Demokratieerfahrung. Dann geht es wie in der großen Politik darum nicht aufzugeben, sondern am Ball zu bleiben und in weiteren Gesprächen zu einer Klärung und Lösung zu kommen."

Ein anstrengender, aber lohnender Weg. "Das Verständnis für andere Meinungen und Verhaltensweisen ist bei allen gewachsen und hat letztlich den Zusammenhalt der Gruppen gestärkt", sagt Heiner van Mil. Mit verantwortlich dafür sind auch gemeinsame Aktionen vor, nach und während den "Gerechten Gemeinschaften". "Wir essen zusammen Pizza, spielen Fußball, machen Rollen- und Bewegungsspiele. Das sorgt immer wieder dafür, dass alle miteinander lachen und Spaß haben können."

Text: Sabine Damaschke, Sliderfotos: Shutterstock, Graf-Recke-Stiftung

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Tim Rietzke

Jugend und Schulen

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