Montag, 8. April 2019

Mitbestimmung statt Zwang

Hochschule und Diakonie debattieren über neue Wege in der Heimerziehung

Düsseldorf/Bochum, 8. April 2019. Bis in die siebziger Jahre hinein war es in der Heimerziehung üblich, den Willen der Kinder und Jugendlichen durch Gewalt und Zwang zu brechen. Heute setzen die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe auf Eigenverantwortung und Mitbestimmung. Doch was passiert, wenn Kinder und Jugendliche sich nicht an Regeln halten, wenn sie mit ihrem Verhalten anderen und sich selbst schaden? Auch heute gibt es Zwangsmaßnahmen, die aus rechtlicher und ethischer Sicht bedenklich sind und mit denen sich der Deutsche Ethikrat gerade kritisch auseinandergesetzt hat. Inwiefern sie die Rechte von Kindern und Jugendlichen verletzen und wie Heimerziehung heute gestaltet sein muss, um Missbrauch zu verhindern, steht im Mittelpunkt der Tagung "Hilfe durch Zwang in der Kinder- und Jugendhilfe?"

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Tim Rietzke

Jugend und Schulen

, Geschäftsfeld Familie und junge Menschen
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Ein Artikel zum Thema:
Hilfen zur Erziehung

Dazu hat die Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (EvH RWL) gemeinsam mit dem Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL) am Montag, 8. April, eingeladen. Der Wohlfahrtsverband vertritt als größter Träger der Kinder- und Jugendhilfe in NRW knapp 150 Einrichtungen mit rund 10.000 Plätzen.

"In unseren Einrichtungen leben nicht wenige Kinder und Jugendliche, die in ihrem jungen Leben bereits Gewalt und Demütigung erfahren haben und teilweise sehr traumatisierende Erfahrungen machen mussten", erklärt Tim Rietzke, Leiter des Geschäftsfeldes "Familie und junge Menschen" bei der Diakonie RWL. Umso wichtiger sei es, ihnen mit Achtung und Respekt zu begegnen. Im Alltag bestehe die große Herausforderung darin, auf regelverletzendes und grenzüberschreitendes Verhalten konsequent, aber angemessen zu reagieren.

"Zu Recht betont der Deutsche Ethikrat, dass sogenannter 'wohltätiger Zwang' nur in Betracht kommen darf, wenn die Gefahr einer schwerwiegenden Selbstschädigung besteht", meint Tim Rietzke. Wohltätiger Zwang dürfe in keinem Fall körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen oder andere entwürdigende Maßnahmen umfassen. Grundsätzlich sei in den Einrichtungen "größtmögliche Partizipation der Kinder und Jugendlichen selbst, aber auch ihrer Eltern und Sorgeberechtigten zu gewährleisten".

Eine große erzieherische Herausforderung, die aber gerade angesichts der jahrzehntelangen Demütigung und Gewalt in deutschen Heimen unumgänglich ist, wie Sigrid Graumann, Rektorin der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und Mitglied im Deutschen Ethikrat, betont. Sie hat die aktuelle Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zum Thema "Hilfe durch Zwang? Professionelle Sorgebeziehungen im Spannungsfeld von Wohl und Selbstbestimmung" mitverfasst. "Mit der Fachtagung wollen wir einen Dialog zwischen Theorie und Praxis darüber beginnen, wie die Ethikrats-Stellungnahme umgesetzt werden kann. Wir wollen erreichen, dass auf Zwang in Hilfen für Kinder und Jugendliche so weit wie irgend möglich verzichtet wird."

Für Professor Dirk Nüsken von der EvH RWL gehört die geschlossene Unterbringung von Kindern und Jugendlichen dazu. Sie hat sich seit 1996 mit inzwischen knapp 400 Plätzen bundesweit mehr als verdreifacht. "Hier werden Fehler des Jugendhilfesystems wie eine mangelnde Personalausstattung und Hilfeplanung, Versäumnisse in früheren Hilfen und Zeitmangel auf Kinder und Jugendliche abgewälzt, die dafür mit der Zufügung von Leid und Einschluss bestraft werden", kritisiert der Experte. "Erziehung ist nur in Freiheit möglich und darauf haben Kinder und Jugendliche ein Recht", so Nüsken.

Ein Blick in die Historie soll auf der Fachveranstaltung dabei helfen, das evangelische Erziehungsverständnis sowie den Umgang mit Zwangsmaßnahmen besser einordnen zu können. Hierzu leisten Vanessa Schnorr, Vertreterin der Professur Sozialpädagogik der Universität Koblenz-Landau und Traugott Jähnichen vom Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre der Ruhr-Universität Bochum einen Beitrag.

In verschiedenen Foren kommen Wissenschaftler und Experten der Kinder- und Jugendhilfe ins Gespräch, etwa über den "Schutz der Freiheits- und Persönlichkeitsrechte von Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Formen der Unterbringung in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe" oder über "Intensivpädagogische Maßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe". Dazu gehören zum Beispiel "Isolierräume" oder strikte Punktemodelle, mit denen das Verhalten der Kinder und Jugendlichen belohnt oder bestraft wird. Das Abschlusspodium schließlich entwirft die Vision einer Kinder- und Jugendhilfe ohne Zwang.

Ansprechpartner:

Julia Gottschick, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Telefon: 0234 36901-123
gottschick@evh-bochum.de

Sabine Damaschke, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. – Diakonie RWL
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