30. Mai 2017

Medienerziehung in Familie und Jugendhilfe

Offen für das Abenteuer Digitalisierung

Ohne Smartphone geht heute bei Kindern und Jugendlichen gar nichts mehr. Ob in der Familie oder in Einrichtungen der Jugendhilfe – die Frage, wann, wie oft und was auf dem Handy geschaut wird, beschäftigt alle Eltern und Pädagogen. Eine Fachtagung der Diakonie RWL nimmt das Thema morgen genauer in den Blick. Familienexperte Remi Stork ist mit dabei.

Porträtfoto

Familienexperte Remi Stork

Wie verändert sich Familie, wenn alle ständig online sind?

Die bisherige Architektur der Familie – dass die Alten die Wissenden sind und die Kinder Lernende – wird immer weiter aufgeweicht. Der Informationsvorsprung der Älteren nimmt ab. Die Kinder sind bei der Nutzung der Medien deutlich fitter. Die natürliche Autorität der Eltern nimmt ab. Wir werden in Zukunft noch mehr als bisher auf Augenhöhe erziehen müssen.  Die meisten Familien werden das schaffen. Videos auf Youtube empfinde ich zum Beispiel oft als hilfreich. Wenn das Fahrrad geflickt werden muss, kann man auch dort lernen, was zu tun ist. Wenn der Vater das erklärt, ist das ja auch mal nervig.

Was raten Sie Eltern bei den Konflikten um die Mediennutzung?

Bei den Konflikten zwischen Eltern und Kindern geht es ja meistens darum, welche Medien wie lange genutzt werden und wann Schluss ist. Eltern sollten versuchen, ruhig zu bleiben und nicht glauben, dass sie alle Konflikte immer sofort lösen können. Man muss Absprachen treffen aber verstehen, dass Regeln alleine  letztlich auch nicht weiterhelfen. Eltern müssen sich in die Mediennutzung ihrer Kinder einarbeiten und sich genau ansehen, was sie da machen. Wenn sie mit ihnen darüber im Kontakt bleiben, was sie im Internet machen, können sie im konkreten Fall auch sagen: "Hier musst Du vorsichtig sein." Letztlich brauchen wir neugierige Eltern, die offen sind für das Abenteuer Digitalisierung. Wenn ein Kind vorm Computer versinkt, sollten sie aber energisch dazwischen gehen.

Vorsicht Smartphone! Verkehrsschild in Stockholm (Foto: Sabine Damaschke)

Eltern können ja manchmal das Handy auch nicht aus der Hand legen.

Die Konflikte um die Nutzung der Medien werden von allen Familienmitgliedern produziert. Auch die Eltern nerven die Kinder und sitzen vor der Arbeit mit dem Smartphone am Frühstückstisch. Wir müssen alle lernen, mit der Digitalisierung zu leben. Alles kann in Sucht und Einsamkeit führen. Aber ein einzelnes Computerspiel wirft Kinder nicht aus der Bahn. Da spielen dann auch andere Faktoren eine Rolle. Kinder müssen in der Auseinandersetzung mit ihren Eltern auch lernen, selber zu spüren, jetzt ist mal gut.

Was müssen wir in unseren Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen berücksichtigen?

In den Jugendhilfeeinrichtungen sind alle Regelungen letztlich viel rigider als in der Familie. Bisher gab es in vielen Einrichtungen in der Regel kein freies Internet, aus Angst vor Schadensersatzklagen. Das muss jetzt geändert werden. Denn wer heute als Jugendlicher kein Handy oder Internet hat, ist faktisch ausgeschlossen. Man spricht von E-Exclusion. Auch den vielen unbegleiteten Flüchtlingen in unseren Einrichtungen – circa 40 Prozent – kann man wegen der Zeitverschiebung nicht einfach das Handy abends wegnehmen. Die Jugendlichen müssen – ausnahmsweise – auch mal nachts mit ihren Familien in Kontakt bleiben. Übrigens beschäftigen wir uns bei der Diakonie RWL mit dem Thema noch intensiver in der neuen Projektgruppe "Jugendhilfe im Zeitalter von Smartphones und Social Media".

Bedeutet Digitalisierung eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Digitalisierung kann helfen, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Aber die Zeitstrukturen müssen neu gestaltet und ausgehandelt werden. Jede Familie muss eine zeitliche Struktur finden und sich fragen, was möchten wir zusammen machen? Frühstückt man am Sonntag zusammen oder muss die Mutter noch arbeiten? Es ist für Vater oder Mutter auch eine Freiheit, wenn man abends die Mails durchsehen kann, um am nächsten Tag nicht überrascht zu werden. So etwas kann aber kippen, wenn Arbeitnehmer alles sofort erledigen müssen. Und es kann ja auch hart sein,  bei Eltern zu leben, die zwar zu Hause sind, aber immer arbeiten.

Wie wird sich die Digitalisierung weiterentwickeln?

Wenn wir weiter in die Zukunft schauen, gibt es vielleicht irgendwann Roboter als "Familienmitglieder". Oder Maschinen, die eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen können. Und die Maschinen können diese Sachen dann vielleicht besser als wir. Da wird man sich irgendwann auch fragen müssen, wie bleibt man Herr oder Frau im Hause. Auch Arbeitsplätze sind durch die Digitalisierung natürlich gefährdet. Technische Innovationen bieten aber eben auch viele Vorteile selbst kreativ zu werden. Wir müssen die Chancen nutzen.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Remi Stork
Grundsatzfragen Jugendhilfe, Familienpolitik
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