26. März 2019

Jugendhilfe und Social Media

Kein Stress mehr mit dem Smartphone

Chatten, surfen, posten – ein Leben ohne Handy und Smartphone können sich viele Kinder und Jugendliche nicht mehr vorstellen. In den Wohngruppen der Jugendhilfe sorgt das regelmäßig für Diskussionen. Eine neue Handreichung des Evangelischen Fachverbandes für Erzieherische Hilfen der Diakonie RWL beschäftigt sich deshalb mit der Frage, wie Kinder und Jugendliche im Alltag Medienkompetenz lernen können.

Zwei Mädchen am PC

Am PC spielen und am Handy daddeln - Das ist auch in den Wohngruppen der Diakonie Michaelshoven erlaubt. (Foto: Diakonie Michaelshoven)

Kein Handy oder Smartphone bei den Mahlzeiten, ein Zeitkontingent für die Mediennutzung, Computerzugang nur mit Passwort und Jugendschutzeinstellungen – Gewisse Regeln für den Umgang mit PC, Fernseher, Internet und sozialen Netzwerken gibt es in allen Wohngruppen der Jugendhilfe. Doch was die Kinder und Jugendlichen chatten und spielen, wie fit sie beim Thema Datenschutz, Suchmaschinen, Algorithmen und Netiquette sind, bekommen die Erzieherinnen und Erzieher seltener mit. Im Alltag bleibt dafür oft keine Zeit.

"Es ist leichter, Verbote auszusprechen als sich damit zu beschäftigen, wie und wo Kinder und Jugendliche im Internet und den sozialen Netzwerken unterwegs sind", meint Matthias Bathen, Medienpädagoge der Diakonie Michaelshoven. "Doch damit kommen wir heutzutage nicht weiter. Zu unseren Aufgaben in der Jugendhilfe gehört es auch, Medienkompetenz zu vermitteln." Nicht irgendwie, sondern gezielt und mit einem guten Konzept.

Portrait

So können Fotos auch aussehen - Matthias Bathen, Medienpädagoge der Diakonie Michaelshoven, hat sein Portätbild kreativ bearbeitet. (Foto: privat)

Erziehungsauftrag Medienkompetenz

Dazu will die Diakonie RWL als größter Träger der Kinder- und Jugendhilfe in NRW die knapp 150 Einrichtungen, die unter ihrem Dach organisiert sind, ermutigen. Unter dem Titel "Jugendhilfe im Zeitalter von Smartphones und Social Media" legt ihr Evangelischer Fachverband für Erzieherische Hilfen jetzt eine Handreichung vor. Matthias Bathen hat daran mitgearbeitet. Der 43-jährige Medien- und Sozialpädagoge setzt seit mehr als drei Jahren in der Diakonie Michaelshoven ein von ihm und weiteren Fachleuten entwickeltes Konzept um, das Klienten und Mitarbeitende in Medienkompetenz schult.

330 Kinder und Jugendliche werden dort von rund 715 Fachkräften betreut. Die Wohngruppen sind in über 40 Organisationseinheiten zusammengefasst. In jeder gibt es einen sogenannten Multiplikator, der verpflichtend an medienpädagogischen Fortbildungen teilnimmt. Doch Bathen schult nicht nur das Fachpersonal, er kommt auch regelmäßig zu Teamberatungen in die Wohngruppen und macht Workshops mit den Kindern und Jugendlichen zu unterschiedlichen Medienthemen.

Mädchen mit Smartphone

Bin ich schön genug? Manche Chatforen sind Gift für das Selbstbewusstsein von Jugendlichen.

Digitale Medien selbstbestimmt nutzen

Da geht es etwa um eine Gruppe essgestörter Mädchen, die in Foren unterwegs sind, in denen Anorexie verherrlicht wird. Es geht um den Umgang mit Pornografie im Netz, um die Netiquette in sozialen Netzwerken und Cybermobbing oder schlicht darum, wie man gute und sichere Selfies macht. "Letztlich dreht sich alles um die Chancen und Risiken der Mediennutzung", betont Matthias Bathen. "Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, wie sie kritisch, reflektiert und kreativ mit den neuen Medien umgehen können."

Gute Leitplanken bietet dafür der Medienkompetenzrahmen NRW mit seinem Medienpass. In sechs Schritten werden Kinder und Jugendliche dort für den Umgang mit Internet und sozialen Netzwerken fit gemacht. Sie reichen von der sicheren Datenspeicherung über das Kommunizieren in Chats und glaubwürdige Recherchequellen bis hin zur Fähigkeit, die Medien kontrolliert zu nutzen und etwas selbst zu programmieren.

Mädchengruppe mit Smartphones

In der Gruppe Spaß haben - das geht heute auch mit dem Smartphone.

Instagram statt Fotoalbum, Blog statt Tagebuch

 "Was Kinder und Jugendliche heute wollen und auf dem Weg ihrer Entwicklung bewältigen müssen, unterscheidet sich gar nicht so stark von dem, was schon in Zeiten vor der Erfindung von PC und Smartphone wichtig war", beobachtet auch Björn-Christian Jung, Jugendhilfe-Referent der Diakonie RWL. Er hat die neue Handreichung miteinwickelt und sie gerade auf einem Fachtag vorgestellt. "Sie wünschen sich Zugehörigkeit und Anerkennung, wollen Autonomie und sich von den Erwachsenen abgrenzen. All das brauchen sie, um eine eigene Identität zu entwickeln."

Wer früher Urlaubsfotos in der Gruppe herumreichte, postet sie heute auf Instagram. Wer damals Rollenspiele in der Jugendgruppe liebte, spielt sie jetzt online. Wer seine Erlebnisse und Gedanken im Tagebuch ausbreitete, schreibt einen Blog. Für Matthias Bathen lassen sich beide Welten durchaus miteinander verknüpfen, etwa wenn auf einer Schnitzeljagd QR-Codes gefunden und gescannt oder Fake News von richtigen Nachrichten unterschieden werden müssen.

Jugendliche mit Videokamera

Auch die Evangelische Jugendhilfe Godesheim hat ein Konzept entwickelt, um ihre Mitarbeitenden und die 800 Kinder und Jugendlichen in den Wohngruppen im Umgang mit digitalen Medien fit zu machen. Dazu gehört das Drehen eigener Videos im Mediencafé. (Foto: Ev. Jugendhilfe Godesheim)

Von den "digital Natives" lernen

Das Entscheidende ist für ihn, die Kinder und Jugendlichen in ihrer digitalen Welt nicht alleine zu lassen, sondern sich gemeinsam mit ihnen dorthin zu begeben. Dazu gehört für Bathen auch, dass Pädagogen von ihnen lernen, denn sie finden sich in dieser Welt meist schneller und besser zurecht. "Wenn wir diesen Perspektivwechsel zulassen, entsteht ein Miteinander auf Augenhöhe und es ergeben sich Beziehungen, die die Grundlage jeder nachhaltigen pädagogischen Handlung sind", meint er.

Das gemeinsame Entdecken der digitalen Welten aber kostet Zeit, genauso wie die Entwicklung eines Konzeptes und die Schulung der Mitarbeitenden. "Es wäre daher gut, wenn die Förderung der Medienkompetenz in die Hilfeplanungen des Jugendamtes aufgenommen und bei Entgeltverhandlungen berücksichtigt wird", betont Matthias Bathen.

Text: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Björn-Christian Jung

Jugend und Schulen
Erziehungshilfe und Ganztagsschule

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