15. Mai 2019

Internationaler Tag der Familie

Pflegekindern ein Zuhause geben

In Deutschland leben mehr als 80.000 Kinder und Jugendliche in einer Pflegefamilie. So viele wie selten zuvor. Einem oftmals vernachlässigten Kind ein neues Zuhause zu geben, ist anspruchsvoll. Wer sich darauf einlässt, braucht eine gute Vorbereitung und Begleitung. Wie sie aussehen kann und sollte, erklärt Richard Müller-Schlotmann von der Stiftung Evangelische Jugendhilfe Menden am heutigen "Tag der Familie".

Portrait

Dr. Richard Müller-Schlotmann ist stellvertretender Leiter der Stiftung Evangelische Jugendhilfe Menden und betreut dort seit zwanzig Jahren Pflegefamilien.  (Foto: Jugendhilfe Menden)

In Nordrhein-Westfalen wurden laut einer aktuellen Statistik des Familienministeriums 2017 rund 28.000 Kinder und Jugendliche in einer Pflegefamilie untergebracht. Zehn Jahre zuvor waren es nur 10.000. Warum ist der Bedarf so enorm gestiegen?

Die Zunahme ist vor allem darauf zurückzuführen, dass in der Statistik nicht zwischen Dauer- und Bereitschaftspflegefamilien unterschieden wird. In der Bereitschaftspflege sind die Inobhutnahmen deutlich gestiegen. Die Jugendämter sehen heute genauer hin, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt und reagieren dann im Sinne des Kinderschutzes sofort. Wir beobachten aber auch, dass mehr Eltern in der Erziehung ihrer Kinder unsicher und häufiger überfordert sind. Das betrifft besonders Familien, die in sozial benachteiligten Verhältnissen leben und täglich mit Armut und Ausgrenzung zurechtkommen müssen. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums kommen rund drei Viertel der Pflegekinder aus Familien, die Hartz IV-Leistungen oder Sozialhilfe beziehen.

In vielen Bundesländern, auch in NRW, suchen Jugendämter und Wohlfahrtsverbände händeringend Pflegefamilien. Obwohl die Auflagen bezüglich Alter, Aufgabe der Berufstätigkeit und Familienform längst nicht mehr so streng sind wie früher – auch Singles, Alleinerziehende und homosexuelle Paare können Pflegeeltern werden – gibt es einen Engpass. Woran liegt das?

Ein Grund ist im angespannten Wohnungsmarkt zu sehen. Sich eine größere Wohnung zu suchen, wenn man ein Pflegekind aufnehmen möchte, ist heute vor allem in den Großstädten kaum möglich. Zudem existiert in der Öffentlichkeit immer noch ein eher traditionelles Bild von Pflegefamilien. Dabei ist es längst üblich, dass Pflegemütter und -väter sogar in Vollzeit arbeiten können, sofern die Ganztagsbetreuung des Kindes etwa in Kita und Schule sichergestellt ist. Übrigens möchten wir auch gerne mehr Familien mit Migrationsgeschichte als Pflegeeltern gewinnen. Mit ihnen haben wir gute Erfahrungen gemacht.

Nach den Missbrauchsfällen von Lügde kam immer wieder die Frage auf, warum der mutmaßliche Täter als Pflegevater für ein Kind eingesetzt werden konnte. Brauchen wir bundesweit verbindliche Rahmenbedingungen für die Auswahl von Pflegeeltern?

Der Pflegevater war nach meinem Wissen eher eine – wie wir Fachleute sagen – "soziale Netzwerkpflege". Wenn Verwandte oder Bekannte Kinder in Pflege nehmen, sind sie in der Regel auf diese Aufgabe nicht vorbereitet. Hier findet oft erst im Nachhinein eine Überprüfung ihrer Eignung und Schulung statt. Daher wären bundesweit verbindliche Vereinbarungen in der Tat wünschenswert. Zuständig für die Vermittlung der Pflegefamilien sind die Jugendämter der Städte. Sie können auch freie Träger wie uns damit beauftragen. Die Konzepte der Jugendämter in der Auswahl und Begleitung von Pflegefamilien liegen aber nach meiner Beobachtung gar nicht so weit auseinander.

Homosexuelles Paar

Mit dem Bild eines homosexuellen Paares wirbt die Diakonie Düsseldorf für mehr Pflegefamilien. (Foto: Diakonie Düsseldorf)

Was gehört dazu?

In der Regel müssen Pflegeeltern ein Gesundheitszeugnis und polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, ein eigenes Einkommen und vernünftige Wohnverhältnisse vorweisen. Dann wird aber auch noch auf ihre persönlichen Ressourcen und ihre Reflexionsfähigkeit geschaut. Wie sind die eigenen Bindungserfahrungen? Wie belastbar sind sie und wie gehen sie mit Krisen um? Die Vorbereitung und Überprüfung von Pflegeeltern mit persönlichen Gesprächen und Kursen dauern in der Regel mehrere Monate. Sie schließen mit einer Entscheidung über die Eignung der Bewerberinnen und Bewerber ab. Gemeinsam mit dem Jugendamt in Iserlohn überprüfen wir gerade unser Konzept, um zu schauen, was wir insbesondere bei der Auswahl der Familien noch verbessern können.

Sie betreuen bei der Stiftung Evangelische Jugendhilfe Menden mit ihrem Team rund 180 Pflegefamilien. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Das A und O ist der gute Zugang zu den Pflegefamilien. Dazu gehören regelmäßige Hausbesuche. Bei Familien, die Kinder unbefristet aufnehmen, schaut alle vier bis acht Wochen eine unserer insgesamt 17 Fachkräfte vorbei. Unsere Bereitschaftspflegefamilien sehen wir in der Regel wöchentlich. Hausbesuche führen wir monatlich durch, auch unangekündigt. Wir bieten Pflegeeltern Supervision und einen regelmäßigen Austausch der Pflegefamilien untereinander an. Entscheidend ist, dass wir bei Krisen jederzeit erreichbar sind.

Was sind typische Krisen, mit denen Pflegefamilien konfrontiert werden?

Rund 60 Prozent der Kinder, die von Jugendämtern in Obhut genommen werden, haben in ihren Ursprungsfamilien Vernachlässigung erlebt. Oft reagieren sie mit starker emotionaler Distanz, denn sie haben große Angst, allein gelassen und enttäuscht zu werden. Für die Pflegeeltern ist das enorm anstrengend. Zu Krisen kommt es typischerweise in der Pubertät, wenn Pflegekinder nach ihren Wurzeln suchen und manchmal die Pflegeeltern für das, was ihnen in der Ursprungsfamilie passiert ist, verantwortlich machen. Die Jugendlichen werden zum Teil aggressiv, laufen weg, lügen und stehlen. Da helfen nicht immer nur klare Regeln. Pflegeeltern brauchen viel Geduld und eine gute professionelle Begleitung, damit sie die Verhaltensweisen der Kinder besser verstehen und wieder einen Zugang zu ihnen bekommen. Auch mit den leiblichen Eltern ihrer Pflegekinder müssen die Familien umgehen können.

Das klingt alles sehr anspruchsvoll. Warum tun sich Familien das an?

Sie möchten Kindern, die es im Leben schwer haben, etwas Gutes tun. Sie leben gerne mit Kindern zusammen und wollen Familie sein. Bei allen Anstrengungen und Krisen, die Pflegeeltern aushalten müssen, ist es doch schön zu sehen, wie Kinder wieder Vertrauen fassen und sich in einem anderen Umfeld entfalten und entwickeln können. Da entsteht oft eine Bindung, die Bestand hat. Ich war selbst lange Jahre Pflegevater und freue mich, dass sich meine Pflegekinder heute noch regelmäßig bei mir melden und mich selbstverständlich Papa nennen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Tim Rietzke

Jugend und Schulen

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