9. November 2017

Hilfen für ehemalige Heimkinder

Kirchlich-diakonische Fachstelle zieht Bilanz

Auch in evangelischen Heimen fand vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren Missbrauch statt. Seit Anfang 2013 können sich ehemalige Heimkinder und andere Opfer sexualisierter Gewalt an die kirchlich-diakonische Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung (FUVSS) wenden. Jetzt zieht die Fachstelle eine Bilanz ihrer Arbeit.

Portrait

Oberkirchenrätin Doris Damke (Foto: Evangelische Kirche von Westfalen)

Seit Bestehen der Fachstelle, die von der Diakonie RWL, der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) und der Lippischen Landeskirche getragen wird, haben sich 142 ehemalige Heimkinder und andere Opfer sexualisierter Gewalt gemeldet. Davon erhielten 139 eine Geldzahlung von 5.000 Euro in Anerkennung des erlittenen Leids.

"Wir tragen als Kirche und Diakonie Verantwortung für institutionelles Versagen und das dadurch verursachte Leid – auch wenn es sich nicht juristisch oder personell festmachen lässt", sagt dazu Oberkirchenrätin Doris Damke von der EKvW. "Dieses Leid lässt sich nicht entschädigen und nicht wiedergutmachen. Es geht darum, die Opfer ernst zu nehmen, anzuerkennen und ihr Schicksal zu würdigen. Die Geldzahlung hat Symbolcharakter." 

Hinzu kamen weitere Unterstützungen von kirchlicher und anderer Seite wie Therapien und Rentennachzahlungen. Die Arbeit der FUVSS zielt aber auch darauf, sexualisierter Gewalt im Bereich von Kirche und Diakonie vorzubeugen – und, wenn es dazu kommt, umgehend und umsichtig zu reagieren. 

Portrait

FUVSS-Leiterin Birgit Pfeifer

Opfer schützen, Täter nicht vorschnell verurteilen

"Einem Verdacht muss immer schnell und konsequent nachgegangen werden. Dabei ist das mögliche Opfer unbedingt zu schützen. Auch die verdächtigte Person darf man nicht vorschnell als Täter abstempeln", erläutert Birgit Pfeifer, Leiterin der Fachstelle. Sie ist beratend in Kirchenkreisen, Gemeinden und diakonischen Einrichtungen unterwegs, führt Fortbildungen durch und arbeitet gemeinsam mit den Verantwortlichen vor Ort an der Prävention.

Wichtig ist Birgit Pfeifer dabei der Prozesscharakter eines Schutzkonzeptes, in dem die ganze Einrichtung zu einer "Kultur der Achtsamkeit" findet. "Hier sind Leitungskräfte, Ehren- und Hauptamtliche, aber auch Eltern mit ihren Kindern eingebunden. Es geht um Fachwissen, um verbindliche Regeln für alle, um einen Beschwerdeweg für Betroffene und vieles mehr."

Seit Birgit Pfeifer diese Aufgabe vor einem Jahr übernahm, hatte sie mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun. Die meisten Antragsteller sind Männer. Für viele sei es das erste Mal, dass sie über ihre schlimmen Erlebnisse redeten, so Birgit Pfeifer. "Manchen reicht das Gespräch mit mir, andere wollen das Heim, in dem sie damals gelebt haben, noch einmal sehen oder auch mit dem theologischen Vorstand der Einrichtung reden. All das versuche ich möglich zu machen."

Portrait

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann

Ansprechpersonen in allen Kirchenkreisen

Für Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann ist die abgestimmte Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure wesentliche Voraussetzung für den professionellen Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung.

Dazu gehören unter anderem die qualifizierten Ansprechpersonen in den Kirchenkreisen und Einrichtungen der Evangelischen Kirche von Westfalen. An sie können sich Betroffene, aber auch Beschuldigte und Zeugen wenden.

"Wir sind sicher, dass die professionelle Arbeit der Fachstelle sehr geholfen hat, Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung vorzubeugen. Gut, dass es sie gibt", betont Christian Heine-Göttelmann. Bereits seit 2001 bestehen in der Evangelischen Kirche von Westfalen Regeln zum Umgang mit sexualisierter Gewalt.

Teaserfoto: Angieconscious/ pixelio.de

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (2 Stimmen)