30. April 2021

Gewalt in Familien

Wenn es zu Hause knallt

Kinder in Deutschland haben ein Recht darauf, ohne Gewalt aufzuwachsen. Daran erinnert der heutige "Tag der gewaltfreien Erziehung". Die meisten Eltern wollen diesem Ideal entsprechen. Doch die Pandemie macht es ihnen schwer. Immer mehr wenden sich deshalb an die Erziehungsberatungsstellen der Diakonie. Sie haben Angst, ihre Aggressionen an den Kindern auszulassen – oder haben es bereits getan.

  • Ein Kind hält sich die Ohren zu (Foto: pixabay)
  • Beratungszimmer der Evangelischen Erziehungsberatungsstelle Bielefeld (Foto: Mike Dennis Müller/Diakonie für Bielefeld)
  • Spielzimmer der Evangelischen Erziehungsberatungsstelle Bielefeld (Foto: MIke Dennis Müller/Diakonie für Bielefeld)

Niederbrüllen, ins Zimmer sperren, zuschlagen: Wer sich bei Psychologin Christina Lenders-Felske und ihrem Team in der Diakonie Düsseldorf meldet, hat die Grenze zur Gewalt in der Erziehung oft überschritten. Doch im ersten Telefonat offen darüber zu reden, fällt vielen Eltern schwer. Das hat sich in der Pandemie geändert. "Wir erleben Väter und Mütter, die so unter Druck stehen, dass sie weinen und mit ihren Problemen sofort herausplatzen", berichtet Christina Lenders-Felske. 

Bei den 12 Therapeutinnen und Therapeuten der "Fachberatungsstelle für Familien mit Gewalterfahrung" klingelt das Telefon jetzt deutlich häufiger als vor der Pandemie. Schon 2020 stiegen die Beratungen um rund 50 Prozent auf mehr als 300 Fälle. In den ersten Monaten dieses Jahres gab es bereits rund 140 Anfragen nach Hilfe - fast so viele wie im gesamten Jahr 2019 . Neben überforderten Eltern melden sich auch Erzieherinnen, Lehrkräfte oder Schulsozialarbeiter, denen familiäre Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen auffallen.

Tanja Buck leitet den Geschäftsbereich "Erziehung und Beratung" der Diakonie Düsseldorf. (Foto: Diakonie Düsseldorf)

Tanja Buck leitet den Geschäftsbereich "Erziehung und Beratung" der Diakonie Düsseldorf.

Beratung, Therapie und Krisenintervention

Auch das Jugendamt frage inzwischen häufiger bei der Fachstelle sowie beim "Krisenzentrum" der Diakonie Düsseldorf an, berichtet Tanja Buck, die den Bereich "Erziehung und Beratung" leitet. Neben telefonischer Unterstützung bietet die Diakonie in der Fachstelle verschiedene Gruppen für von Gewalt betroffene Väter, Mütter und Kinder an, die auch jetzt mit entsprechendem Hygienekonzept in Präsenz stattfinden. Die Mitarbeitenden des Krisenzentrums gehen sogar für sechs bis acht Wochen in die Familien, um mit ihnen Wege zu finden, wie sie aus einer krisenhaften Situation wieder herauskommen.

"Wir können nur den gestiegenen Bedarf in unserer Fachstelle belegen. Konkrete Zahlen darüber hinaus liegen uns nicht vor. Aber wir gehen davon aus, dass es ein entsprechendes Dunkelfeld gibt", sagt Tanja Buck. "Unsere gestiegenen Anfragen lassen sich wohl auch damit begründen, dass in Düsseldorf eine hohe Sensibilität für das Thema besteht. Viele Bürger der Stadt sowie Fachleute kennen unsere Fachberatungsstelle und wenden sich direkt an uns." 

Genervte Mutter mit zwei Kinder im Homeoffice (Foto: Shutterstock)

Viele Eltern fühlen sich in der Pandemie überfordert und geben in einer Unicef-Umfrage zu, dass sie sich aggressiver gegenüber ihren Kindern verhalten.

Anstieg häuslicher Gewalt

Dass die Häusliche Gewalt seit Ausbruch der Pandemie gestiegen ist, zeigen inzwischen erste Studien. Die im März 2021 veröffentlichte Kriminalstatistik des Landes NRW meldet für 2020 knapp 30.000 Fälle, ein Plus von fast acht Prozent gegenüber 2019. Eine Umfrage der Technischen Universität München vom Juni 2020 ergab, dass bundesweit in 6,5 Prozent der Haushalte Kinder mit Gewalt bestraft wurden. 

Im aktuellen Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2021 berichtet mehr als die Hälfte der befragten Eltern, dass die Kontaktbeschränkungen sowie Schließung von Schulen und Kitas den Stress in ihren Familien deutlich erhöht haben und sie sich aggressiver gegenüber ihren Kindern verhalten. 
Eine Einschätzung, die viele der rund 70 Evangelischen Erziehungsberatungsstellen der Diakonie RWL bestätigen. Doch anders als bei der Diakonie Düsseldorf bitten dort nicht deutlich mehr Familien um Hilfe, weil es bei ihnen zu Gewalt gekommen ist. 

Erik Zurdel leitet die Evangelische Erziehungsberatungsstelle in Bielefeld (Foto: Diakonie für Bielefeld)

Erik Zurdel leitet die Evangelische Erziehungsberatungsstelle in Bielefeld. 

Hohe Belastungen in der Pandemie

"Wir erleben aber mehr Eltern, die unter starkem Stress stehen und sich Sorgen um ihre Kinder machen, die zum Beispiel aus Angst vor dem Virus Waschzwänge entwickeln, Fingernägel kauen, Wutausbrüche haben, sich zurückziehen und sehr viel mehr Medien konsumieren als vor der Pandemie", sagt Sabine Grage von der Evangelischen Familienberatungsstelle "MutWerkstatt" der Diakonie für Bielefeld. "Manche erzählen dann sehr offen, dass sie mit Erziehung, Homeoffice und Homeschooling überfordert sind und befürchten, die Konflikte in der Familie bald gewaltsam zu lösen", ergänzt Leiter Erik Zurdel. 

Dabei denken Eltern in erster Linie an körperliche Gewalt. Doch auch das Beschimpfen, Herabwürdigen und Anschweigen haben als Formen psychischer Gewalt gravierende Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung. "Kinder, die das regelmäßig erleben, entwickeln keinen Selbstwert. Das Vertrauen zu sich selbst und anderen Menschen wird massiv gestört", betont Zurdel. 

In ihrer Beratungsstelle, die an zwei Standorten mit 15 Mitarbeitenden tätig ist, unterstützen sie Familien, aus der Aggressionsspirale herauszufinden oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen. "Im Beratungsprozess entwickeln wir mit den Eltern und Kindern individuelle Lösungen, die zu einer Entspannung führen", erzählt Sabine Grage. "Sie können für mehr Bewegung sorgen, indem sie nach draußen gehen, Freizeit- und Lern- oder Arbeitszeiten einrichten und kleine Rückzugs- und Entspannungsorte gestalten." Vielen helfe es bereits, über ihre alltäglichen Belastungen und Ängste in einem geschützten Rahmen zu reden. 

Therapeutin Christina Lenders-Felske von der Diakonie Düsseldorf telefoniert mit Familien, die von Gewalt betroffen sind (Foto: Diakonie Düsseldorf)

Therapeutin Christina Lenders-Felske hilft Familien dabei, Wege aus der Gewalt zu finden. Die positiven Beispielen geben ihr Kraft für die schwierige Arbeit. 

Die Widerstandskraft der Kinder 

Eine Beobachtung, die Christina Lenders-Felske teilt. Aus ihrer langjährigen Beratungsarbeit weiß sie nur zu gut, wie häufig Gewalt und Misshandlungen in Familien vorkommen. Aber sie weiß auch, dass Eltern und Kinder lernen können, ihre Konflikte friedlich zu lösen. Und dass Kinder, die Schreckliches erlebt haben, oft widerstandsfähiger sind als sie es für möglich gehalten hätte. 

"Vor einigen Wochen hat sich ein junger Mann bei mir gemeldet, der schon im Alter von vier Jahren mitansehen musste, wie sein Vater die Mutter misshandelt hat", erzählt sie. "Ich habe ihn sechs Jahre lang therapeutisch begleitet. Dass er seinen Schulabschluss geschafft hat und jetzt eine Ausbildung macht, zeigt mir: Auch aus dem größten Schmerz kann es ein Zurück in ein selbst bestimmtes Leben geben."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: pixabay und Ev. Erziehungsberatungsstelle Bielefeld/Mike Dennis Müller, Diakonie Düsseldorf und Shutterstock.

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Tim Rietzke

Jugend und Schulen

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In einer ersten großen Studie zu häuslicher Gewalt in der Pandemie hat die Technische Universität München knapp 4.000 Frauen befragt. Das Ergebnis: In 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft. Das war vor allem der Fall, wenn Familien sich in Quarantäne befanden (10,5 Prozent), wenn sie akute finanzielle Sorgen hatten (9,8 Prozent), wenn ein Elternteil in Kurzarbeit war oder den Job verloren hatte (9,3 Prozent) oder ein Elternteil Angst oder Depressionen hatte (14,3 Prozent).