9. Januar 2018

Digitalisierung in der Jugendhilfe

Lernen im Mediencafé

Die Kommunikation von Jugendlichen findet heute zu einem guten Teil über soziale Medien statt. Die 140 Jugendhilfe-Einrichtungen unter dem Dach der Diakonie RWL stellt das vor ganz neue Herausforderungen. Ein Projekt in Bonn zeigt, wie Wohngruppen künftig mit Chancen und Gefahren der Digitalisierung umgehen können. Herzstück des neuen Projekts ist ein Mediencafé.

Diskussionen um das nächste Videoprojekt: die Mittwochsgruppe des Mediencafés 

Wie soll der neue YouTube-Kanal heißen? "Juku" (von "Jugendmultikultur"), oder doch lieber "cultural spot"? Rund zehn Jugendliche sitzen im Mediencafé "Gustav 2.0" und blicken nachdenklich auf ein Flipchart mit Vorschlägen. Jeden Mittwoch trifft sich die bunt zusammengewürfelte Jugendgruppe hier im Bonner Gustav-Heinemann-Haus, um gemeinsam an Medienprojekten zu arbeiten. Unter Anleitung der Mediencoaches Jan Graf und Yasemin Mentes haben die Jugendlichen bereits Videos gedreht oder Interviews geführt. Und nun steht der Start eines eigenen YouTube-Kanals an.

Fast nebenbei lernen die Jugendlichen die Chancen der digitalen Medien besser zu nutzen, aber auch die Gefahren zu meiden. "Hier habe ich zum Beispiel erfahren, dass es so etwas wie den Google-Übersetzer gibt, oder wie man eine Präsentation auf dem Computer macht", sagt der 17jährige Syrer Mohamed, der vor zwei Jahren alleine nach Deutschland kam.

Gruppenfoto

Mohamed (rechts) und sein Freund Ahmed  gehören zur Mittwochsgruppe

Smartphone als einziger Begleiter

So wie Mohamed sind die Jugendlichen, die sich in der Mittwochsgruppe treffen, in Wohngruppen der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim der Axenfeld Gesellschaft im Raum Bonn zuhause. Alle kamen seit 2015 aus verschiedenen Krisengebieten der Welt wie Syrien, Somalia oder Sierra Leone alleine nach Deutschland.

Ihr einziger Begleiter: das Smartphone. Die sozialen Medien sind für die Jugendlichen bis heute oft der einzige Draht zu ihrer Familie. Die Einrichtungen, in denen insgesamt rund 800 Kinder, Jugendliche und teilweise ihre Familien betreut werden, stellte das allerdings vor neue Herausforderungen. Denn die Begrenzung des Medienkonsums, wie sie in den Wohngruppen der Jugendhilfe üblich ist, passte nicht zur Situation der jungen Flüchtlinge.

"Wir haben gemerkt, dass wir die Regeln, zum Beispiel für die Smartphones, so nicht anwenden können, weil die Jugendlichen den Kontakt zu ihrer Familie brauchen", sagt Yasemin Mentes. Sie arbeitet ebenso wie Jan Graf für das Projekt "Stadtgrenzenlos", das Jugendliche aus den Einrichtungen der Axenfeld Gesellschaft in Sachen neue Medien schult.

Gruppenfoto

Die Mediencoaches Jan Graf und Yasemine Mentes (Foto: Sabine Damaschke)

Unbekümmert beim Thema Datenschutz

Mentes und Graf stellen immer wieder ein großes Informationsdefizit bei den Jugendlichen fest. Zwar seien sie intensiv auf sozialen Medien unterwegs. "Aber sie nutzen das Internet viel weniger zur Informationsbeschaffung als andere Kinder, die in ihren Familien aufwachsen", beobachtet Graf.

Wissens-Plattformen wie Wikipedia, oder aber Möglichkeiten wie Online-Stellenbörsen seien den geflüchteten Jugendlichen oft gar nicht bekannt. "Außerdem ist der Datenschutz ein großes Problem", sagt Mentes. Den Jugendlichen sei meist nicht bewusst, dass es nachteilig oder sogar gefährlich sein kann, wenn sie ungefiltert sehr persönliche Informationen über sich in den sozialen Medien verbreiten. Im Alltag der Wohngruppen in den Einrichtungen bleibe jedoch oft keine Zeit für eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Medienverhalten der Jugendlichen, so Mentes.

Hinzu kommt, dass aufgrund der rasanten Entwicklung der digitalen Medien auch viele Mitarbeiter der Jugendhilfe-Einrichtungen in ihrer Ausbildung nicht gelernt haben, mit der Problematik umzugehen, weiß Tanja Buck, Referentin für Erzieherische Hilfen bei der Diakonie RWL. 

Bild: Tanja Buck

Tanja Buck hält das Bonner Projekt für beispielhaft

Ohne Medienkompetenz keine berufliche Zukunft

"Doch wir müssen uns dieser Entwicklung stellen, weil die sozialen Medien künftig wohl noch eine größere Rolle spielen werden und wir auch einen Bildungsauftrag haben", betont Tanja Buck. Denn Medienkompetenz wird in vielen Berufen immer wichtiger. Darauf müssen auch die Jugendlichen aus den Wohngruppen vorbereitet werden. Der Evangelische Fachverband Erzieherische Hilfen RWL arbeitet deshalb an neuen Konzepten für den Umgang mit den digitalen Medien in den Einrichtungen.

Beispielhaft ist für Buck die Bonner Initiative unter dem Dach der Axenfeld Gesellschaft, einem Mitglied der Diakonie RWL. Im Rahmen des 2014 gegründeten Projekts "Stadtgrenzenlos" kommen zum einen die Medienbeauftragten aus den rund 50 Teams der Jugendhilfe-Einrichtungen der Axenfeld-Gesellschaft zu regelmäßigen Fachtreffen zusammen. 

Ein Junge filmt einen anderen

Mohamed hat kein Problem damit, auch mal vor die Kamera zu treten

Daddeln und webdesignen im "Gustav 2.0."

Viele von ihnen besuchen das Mediencafé auch mit ihren Wohngruppen, um zum Beispiel Videoprojekte umzusetzen, oder das Thema Datenschutz zu besprechen. Zum anderen können die Jugendlichen aus den Einrichtungen auch alleine das Mediencafé „Gustav 2.0“ besuchen, um unter fachkundiger Betreuung am PC zu arbeiten oder zu spielen. Und nicht zuletzt trifft sich hier die Mittwochsgruppe mit nach Deutschland geflüchteten Jugendlichen, um gemeinsam an größeren Projekten zu arbeiten. Hier lernen sie, wie sie digitale Medien sicher und kreativ nutzen können.

Der neue YouTube-Kanal der Gruppe etwa soll den Zuschauern auf unterhaltsame Weise Informationen über Deutschland, aber auch über die Herkunftsländer der Jugendlichen vermitteln. Geplant ist ein Format unter dem Titel "Top 5". Zum Beispiel: Die fünf beliebtesten Gerichte in Syrien. Oder aber: Fünf Dinge, die man in Deutschland auf keinen Fall tun sollte. Und unter diese "Top 5" dürfte zum Beispiel auch fallen: Unvorteilhafte Selfies von einer feucht-fröhlichen Party auf Facebook verbreiten.

Text: Claudia Rometsch, Fotos: Jan Graf

Ihr/e Ansprechpartner/in
Tanja Buck
Erziehungshilfe
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