10. Juli 2017

Diakonie gegen Armut

Wissen macht stark – Kinderbildungsarbeit in Saarbrücken

Bildung gilt als beste Armutsprävention. Deshalb setzt das Diakonische Werk an der Saar im Saarbrücker Brennpunktviertel Malstatt auf die Förderung der Kinder und ihrer Familien. Im Kinderbildungszentrum und Kinderhaus können sie ihre Talente entdecken und Spaß am Lernen entwickeln. 

Portrait

Alexandru freut sich aufs Schulfrühstück

Mit leerem Magen lässt sich schlecht lernen. Das ist für Alexandru sonnenklar. "Ohne Frühstück kann ich nicht gut aufpassen", meint der achtjährige Grundschüler. "Außerdem macht es mehr Spaß, in der Schule mit meinen Freunden zu essen." 

Jeden Morgen nimmt er deshalb am Frühstück in der Grundschule Kirchberg teil - und genießt es, dass zwei Mütter ihm Brote seiner Wahl schmieren. Eine Wertschätzung, die Kinder im Saarbrücker Stadtteil Malstatt selten in ihren Familien erleben. 

Gruppenbild

Zeichen der Wertschätzung: Mütter schmieren Brote für die Schüler

Kinderhit: Das kostenlose Frühstück

"Manche Schüler müssen alleine aufstehen, während die Eltern noch schlafen, andere haben Mütter und Väter, die schon zum Schichtdienst unterwegs sind", erklärt Petra Leidinger-Weisang. Die Sozialpädagogin koordiniert die verschiedenen Angebote des Kinderbildungszentrums, kurz KIBIZ genannt, der Diakonie Saar in Malstatt.

Dazu gehört auch das kostenlose Frühstück. Seit 2009 gibt es das KIBIZ an der Grundschule, das sich nicht nur an Schüler und Eltern dieser Schule, sondern überhaupt an Familien mit Kindern zwischen null und zwölf Jahren im Stadtteil wendet.

Gruppenbild

Geschafft: die Schüler feiern ihr "Werkstattdiplom"

Fit mit Werkstatterfahrung

Mit ihren drei Mitarbeiterinnen und engagierten Eltern hat Leidinger-Weisang zahlreiche Kurse und Aktionen ins Leben gerufen - von der Krabbelgruppe über Tanz-, Musik-, Kunst- und Werkstattprojekte, Deutsch- und Englischkurse für Kinder und Erwachsene bis hin zu Erziehungsberatungen und Ferienprogrammen.

Die Kinder können während des Unterrichts unter Anleitung eines Schreiners ein "Werkstattdiplom" machen, bei dem sie den Umgang mit Werkzeugen lernen. Nachmittags stellen sie in der Kinderfirma "MOHO" sogar selbst Holzhocker her und verkaufen diese. Erfahrungen, die später für eine Ausbildung nützlich sind. 

Portrait

Sabine Hammes und die KIBIZ-Mitarbeitenden kennen jedes zweite Kind im Stadtteil

Kinderreichster Stadtteil 

Rund 300 Kinder und 130 Erwachsene nutzen die vielen Angebote des KIBIZ pro Jahr. "Dadurch haben wir zu jedem zweiten Kind im Stadtteil Kontakt", erzählt Sabine Hammes, die in Malstatt in der Gemeinwesenarbeit der Diakonie tätig ist. Rund 27.000 Menschen leben hier. Fast 19 Prozent sind Kinder unter 14 Jahren. Nirgendwo sonst in Saarbrücken gibt es mehr Nachwuchs.

Weit über die Hälfte, gut 67 Prozent, wächst in Familien auf, die von Hartz IV leben. Mit über 70 Prozent Migranten ist der Anteil der Zuwanderer fast doppelt so hoch wie in ganz Saarbrücken. Seit zwei Jahren gibt es zudem einen starken Zuzug von Flüchtlingen, denn die Wohnungen in Malstatt sind billig, aber oft renovierungsbedürftig. 

Portrait

Das KIBIZ hat die Grundschule positiv verändert, meint Maria Degori 

KIBIZ als "große Familie"

Um die vielen benachteiligten Kinder in den Kitas und Grundschulen individuell zu fördern, wären deutlich mehr Erzieherinnen und Lehrerinnen nötig. Stattdessen fehlen über 200 Kitaplätze. In den Grundschulen sitzen mindestens 25 Kinder in einer Klasse. Umso wichtiger ist das KIBIZ.

"Als meine Tochter hier zur Grundschule ging, gab es die ganzen Angebote noch nicht", berichtet Maria Degori. Mit ihrem achtjährigen Sohn Emilio hat die Mutter, die ihre Familie mit zwei Putzstellen über Wasser hält, schon den Baby-Club besucht. Jetzt engagiert sie sich bei den Frühstücksmüttern. "Das ist hier wie eine große Familie", sagt sie. "Man kann mit allen Problemen kommen und findet Hilfe."

Portrait

Mitarbeiterin Anna Witkowska kennt die Hürden der Integration aus eigener Erfahrung

Vorbild für Migrantenfamilien

Erste Ansprechpartnerin für viele Mütter ist Anna Witkowska. Die Polin hat in ihrem Heimatland Gesellschaftswissenschaften studiert und kam als Seniorenbetreuerin nach Deutschland, wurde arbeitslos und stieg als Ein-Euro-Jobberin im KIBIZ ein.

"Ich weiß, was es heißt, sich als Migrantin mit der deutschen Sprache, Kultur und Arbeitswelt vertraut zu machen", sagt sie. "Meine Geschichte ist für viele eine Ermutigung, nicht aufzugeben, sondern für sich und die Kinder nach Wegen aus Arbeitslosigkeit und Armut zu suchen."

Portrait

Für Kinder und ihre Familien im Stadtviertel unterwegs: Carsten Freels 

Hilfe für "das ganze System Familie"

Doch nicht alle Eltern wollen dafür den Weg in die Schule nehmen. "Viele haben in ihrer Kindheit negative Erfahrungen gemacht und vertrauen weder Lehrern noch anderen Fachkräften, die dort arbeiten", beobachtet Carsten Freels. Der Erziehungswissenschaftler arbeitet seit 14 Jahren im Kinderhaus der Diakonie in Malstatt.

Mit einem Team von zehn Haupt- und Ehrenamtlern bietet er Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren nicht nur ein gesundes Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und Sprachförderung an. Er unterstützt, so betont Freels, "das ganze System Familie". Und arbeitet dabei auch mit dem KIBIZ und dem Stadtteilbüro der Gemeinwesenarbeit zusammen.

Portrait

Vorbereitung fürs Mittagessen im Kinderhaus: Rijad hilft beim Kartoffelschälen

Elterntreffs und Kinderkonferenzen

Jede Woche betreut Freels mit seinem Team rund 80 Kinder und deren Familien. Er hat verschiedene therapeutische Gruppen organisiert, denn viele Kinder zeigen ein sozial auffälliges Verhalten oder sind sogar traumatisiert. Er besucht die Familien zuhause, geht mit ihnen zu Behörden, veranstaltet Elterntreffs und Kinderkonferenzen - und kooperiert eng mit dem Jugendamt.

"Die Eltern sollen die Jugendhilfe nicht als 'Kinderwegholbehörde' verstehen, sondern als eine Stelle, die ihnen Unterstützung geben kann", betont Freels. Mit Ämtern haben viele schlechte Erfahrungen gemacht.

Portrait

Ruhe finden für die Hausaufgaben: Melena kommt gerne ins Kinderhaus

Hilflose Eltern, entgrenzte Kinder

"Die Eltern sind häufig überfordert mit all den Nachweisen, die sie für staatliche Leistungen erbringen sollen und der Androhung von Sanktionen. Das stresst die gesamte Familie." Die Kinder, so betont der Erziehungswissenschaftler, seien ständig damit beschäftigt, "Katastrophen" abzuwenden. Etliche seien sie der Gewalt und Sucht der Eltern ausgeliefert, andererseits nutzten sie deren Hilflosigkeit aus und zeigten ein "völlig entgrenztes" Verhalten. 

Portrait

Statt zum Gameboy greift Joshua im Kinderhaus zum Buch

Kindliche Bedürfnisse unterstützen

"Eltern lernen hier zum ersten Mal, dass sie ihre Kinder erziehen müssen", sagt Freels. "Aber auch, was kindliche Bedürfnisse sind." Etwa, dass zu viel Medienkonsum großen Schaden anrichten kann. Für viele Eltern und Kinder ist der Erziehungswissenschaftler zu einer Vertrauensperson geworden.

Manche seiner Schützlinge sind inzwischen erwachsen. Doch sie kommen noch regelmäßig zu Festen und Weihnachtsfeiern. Vier von ihnen studieren gerade, andere machen eine Ausbildung. Für Freels sind sie das beste Bespiel, "dass sich die ganze Mühe lohnt."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (3 Stimmen)