30. April 2019

200 Jahre Evangelische Stiftung Overdyck

Von der "Rettungsanstalt" zur Jugendhilfe-Stiftung

Es gibt nur wenige Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, die auf eine so lange Geschichte zurückblicken können wie die Evangelische Stiftung Overdyck. Vor 200 Jahren als "Rettungshaus" in Bochum gegründet, arbeitet sie heute an 26 Standorten in der Region. Statt um Zucht und Ordnung geht es um Mitbestimmung und Teilhabe. Ein beachtlicher Wandel, den die Stiftung im Jubiläumsjahr historisch aufgearbeitet hat – und den wir am heutigen "Tag für gewaltfreie Erziehung" vorstellen.

Jungengruppe im Kornfeld

Jungenwohngruppe der Stiftung Overdyck (Foto: Ev. Stiftung Overdyck/Thomas Lammeyer/DigitalStock)

Die Jungenwohngruppe lobt, dass sie oft mitentscheiden darf, aber die täglichen Aufgaben im Haushalt sind ihnen zu viel. Die Mädchenwohngruppe ist sich einig, dass das gemeinsame Kochen Spaß macht, es aber an der "körperlichen Hygiene" mancher Mädchen mangelt. Und die gemischte Jugendwohngruppe liebt ihren Brunch am Sonntag, aber im Haus funktioniert das W-LAN zu schlecht.

Regelmäßig liegen Lob und Kritik der Kinder und Jugendlichen, die in den Gruppen der Evangelischen Stiftung Overdyck leben, auf Petra Hillers Schreibtisch.

Portrait

Petra Hiller leitet die Einrichtung seit 1991 (Foto: Ev. Stiftung Overdyck/Jens-Martin Gorny)

Den eigenen Weg finden und mitbestimmen

Wenn die Einrichtungsleiterin sich die Themen anschaut, schmunzelt sie nicht nur über die Vielfalt der Diskussionspunkte, sondern ist auch stolz. "Wir wollen Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern dabei begleiten, ihren eigenen Weg im Leben zu finden", sagt sie. "Und dazu gehört unbedingt, dass wir sie an Entscheidungen beteiligen."

Partizipation wird in der Stiftung groß geschrieben. Es gibt ein Kinder- und Jugendparlament, Partizipationsseminare und –wochenenden als auch ein Mitarbeiterparlament.

Portrait

Adelbert von der Recke gründete das "Rettungshaus" vor 200 Jahren (Foto: Ev. Stiftung Overdyck/Karl Schöpff 1922)

Adeliger mit Herz für Waisenkinder

Der Blick auf die Kinder und Jugendlichen ist heute ein völlig anderer als vor 200 Jahren. Damals ging es Adelbert von der Recke, Spross eines bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden Adelsgeschlechts, vor allem darum, "arme Waisen, Vagabunden und Verbrecherkinder" vor einem "Luderleben, Verdorbenheit, Sinnenlust und vielen lasterhaften Eigenschaften" zu retten.

Im November 1819 zog der junge Graf mit einem Lehrer, einer Haushälterin, zwei Jungen und einem Mädchen in eine ehemalige Schule nach Overdyck, das im heutigen Bochumer Stadtteil Hamme liegt. Dort gründete er seine "Rettungsherberge".

Schloss Overdyck

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war das "Rettungshaus" einzigartig in Westfalen. (Foto: Ev. Stiftung Overdyck/LWL Denkmalpflege)

Verwandt mit der Graf-Recke-Stiftung

Das Haus wurde schnell zu klein, denn nach den napoleonischen Kriegen gab es eine Vielzahl von verwaisten und verstoßenen Kindern, die bei ihm Schutz suchten. Daher kaufte von der Recke das Düsseldorfer Trapistenkloster, um dort weitere Kinder und Jugendliche aufzunehmen. Mit den älteren Jungen zog er 1822 nach Düsselthal und ließ 24 jüngere unter der Aufsicht seines Vaters in Overdyck.

"Die dortige Graf Recke Stiftung ist unser Bruder", erklärt Petra Hiller. Das "Rettungshaus" galt bis Anfang des 20. Jahrhunderts als das einzige seiner Art in Westfalen.

Gruppenfoto

Petra Hiller und Historiker Hans H. Hanke mit der Jubiläumschronik (Foto: Ev. Stiftung Overdyck/Jens-Martin Gorny)

Gebet, Zucht und Ordnung

Die 200-jährige Geschichte der Stiftung hat der Historiker Hans H. Hanke in einer umfassenden Jubiläumschronik aufgearbeitet. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein herrschten Gebet, Zucht und Ordnung. In der NS-Zeit war es vor allem einer Schwester der Inneren Mission zu verdanken, dass die meisten Heimkinder überlebten.

Sie sorgte dafür, dass alle Kinder, die von den Nazis im Rahmen einer erzwungenen Kinderlandverschickung nach Pommern evakuiert wurden, wieder nach Bochum zurückkamen. Zwei Jahrzehnte lang leitete Schwester Klara Gößling das "Rettungshaus".

Schwester mit Kindern

Viele Jahrzehnte erzogen Schwestern die Kinder. (Foto: Ev. Stiftung Overdyck/Overdyck-Archiv)

Typisches Heim der Nachkriegszeit

In der Nachkriegszeit sah der Alltag nicht anders aus als in anderen Heimen. Ende der sechziger Jahre stand die Einrichtung sogar kurz vor der Schließung. Ein Bericht des Jugendamtes spricht von einem überforderten Heimleiter, schlecht gepflegten Kindern, kaltem Mittagessen und einem heruntergekommenen Gebäude, in dem die Fenster mit Zeitungspapier abgedichtet wurden.

In den achtziger Jahren kam es schließlich in Absprache mit dem Jugendamt zur Gründung von Außenwohngruppen und einer Jugendschutzstelle. Im Jahr 1989 entschloss man sich, den Namen "Rettungsanstalt" endgültig zu streichen, "weil er missverständlich ist und als stigmatisierend empfunden wird".

Kinder in einem großen Kreis

Eine Gemeinschaft an verschiedenen Standorten – Heute sind die Wohngruppen über die ganze Region verteilt. (Foto: Ev. Stiftung Overdyck/Overdyck-Archiv)

Dezentrale Wohngruppen statt Anstalt

In den neunziger Jahren wurde die Dezentralisierung massiv vorangetrieben. Als Petra Hiller die Leitung der Einrichtung im Jahr 1991 übernahm, gab es noch das alte Stammhaus. 2004 zog die letzte Wohngruppe aus. 2015 wurde das Gebäude abgerissen.

Statt eines Kinderheims gibt es heute 26 Standorte mit 260 stationären Plätzen in Gruppen und eigenen Wohnungen sowie vielfältigen ambulanten Angeboten, in denen Kinder, Jugendliche und Familien betreut werden. 270 Mitarbeitende sind dafür rund um die Uhr im Einsatz. Anders als früher geht es den Pädagoginnen und Pädagogen heute in erster Linie darum, dass Kinder und Jugendliche aus den Wohngruppen wieder zu ihren Eltern zurückkehren können. Ist das nicht möglich und von den Eltern oder Jugendlichen nicht gewollt, werden letztere gut darauf vorbereitet, selbstständig leben zu können.

Mädchengruppe mit Smartphones

Der Umgang mit sozialen Medien will gelernt sein. In der Stiftung gibt es dafür regelmäßig Workshops. (Foto: pixabay)

Herausforderung Social Media

In den Wohngruppen lernen die Kinder und Jugendlichen, selbst Entscheidungen für ihren Alltag zu treffen und zu verantworten. Nicht zuletzt deshalb ist Partizipation für Petra Hiller ein wichtiges Thema – und eine große Herausforderung. Die stellt sich heute zunehmend beim Umgang mit digitalen Medien.

W-LAN, Smartphone und Computerspiele bestimmen die Welt der Jugendlichen, bergen Risiken, aber auch viele Chancen. Seit 2013 bietet die Stiftung deshalb regelmäßig Fortbildungen und Workshops für ihre Mitarbeitenden, aber auch für die Kinder und Jugendlichen an. "Es ist wichtig, dass wir uns weiterentwickeln", sagt Petra Hiller. 200 Jahre Geschichte sind für sie Verpflichtung, benachteiligte Kinder und Jugendliche zu begleiten und zu fördern.

Text: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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In ihr Jubiläumsjahr ist die Stiftung Overdyck Mitte Januar mit einem großen Festempfang gestartet, an dem auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet teilgenommen hat. Für den 1. Juni ist ein Jugendfest mit 500 Teilnehmern in der Blue-Beach-Halle am Kemnader See geplant. Es folgen ein Kabarettabend für die Mitarbeitenden am 3. September im Bahnhof Langendreer sowie ein Kinderfest am 31. Oktober im Bochumer Stadtteilzentrum e57.