20. April 2022

Tag der Freiwilligen

Durchstarten im sozialen Bereich

Freiwillige leisten jeden Tag ihren Beitrag, um die Welt ein bisschen besser zu machen: für Kranke und Schwache, für alte Menschen, für Kinder, aber auch für die Kolleginnen und Kollegen, mit denen sie zusammenarbeiten. Oft markiert der Freiwilligendienst auch den Start oder den Neustart in einen sozialen Beruf. So wie bei Helene Bammert, die ursprünglich Einzelhandelskauffrau gelernt hat. 

  • Christian wartet in der Beratungsstelle für wohnungslose Männer in Dortmund auf einen Termin.
  • Helene Bammert sitzt mit einem Kollegen am Empfang der zentralen Beratungsstelle für wohnungslose Männer und Frauen in Dortmund.
  • Helene Bammert absolviert ihren Freiwilligendienst bei der zentralen Beratungsstelle für wohnungslose Männer und Frauen, einer Einrichtung des Diakonischen Werks Dortmund und Lünen.
  • Kita-Leiterin Ira Kersebaum und Helene Bammert lachen Arm in Arm.

Helene Bammert absolviert nach ihrem Hauptschulabschluss eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau - mit guter Note. Nebenbei macht sie noch ihren Realschulabschluss. Beruflich scheint also alles klar. Doch dann werden ihre Eltern krank, und Helene nimmt sich die Zeit, sich erst um die Mutter und dann um den schwer kranken Vater zu kümmern. So verpasst die junge Frau den Berufseinstieg. Nach dem Tod der Eltern engagiert sich Helene Bammert bei der Dortmunder Tafel, erst ehrenamtlich und später weiter "für kleines Geld" im 1-Euro-Job.

An ihrem 27. Geburtstag entscheidet sie sich schließlich für einen beruflichen Neustart. "Ich wusste jetzt, dass ich etwas im sozialen Bereich machen will. Aber was genau - keine Ahnung", erzählt sie im Rückblick. "Auf keinen Fall Erzieherin..." Soviel steht zum damaligen Zeitpunkt fest. Denn als Kind besuchte Helene in den ersten Jahren eine Förderschule. Dort  habe sie "superschlechte Erfahrungen mit Erzieherinnen" gemacht. 

Helene Bammert übergibt dem wohnungslosen Christian am Empfang der Beratungsstelle dessen Post.

Zu den Aufgaben von Helene Bammert (li.) gehört es auch, den Wohnungslosen deren Post auszugeben. Diese könnte anders nicht zugestellt werden. 

"Gute Seele" am Empfang

Durch Zufall erfährt Helene, dass man auch mit 27 noch einen Freiwilligendienst machen kann. Acht Wochen später startet sie als "Bufdi" bei der zentralen Beratungsstelle für wohnungslose Männer und Frauen, einer Einrichtung des Diakonischen Werks Dortmund und Lünen.

Betroffene finden dort nicht nur Beratung, sondern haben auch die Möglichkeit, ihre Wäsche zu waschen, zu duschen oder Post abzuholen, die anders nicht zugestellt werden könnte.

Den Tag über sitzt Helene gemeinsam mit einem weiteren Kollegen am Empfang, verwaltet Beratungstermine und gibt die Post aus. Manche der Besucherinnen und Besucher kennt sie schon von der Tafel. "Aber hier ist es noch anders, die Menschen sind oft ungeduldiger", erzählt Helene. Viele brauchen sofort Hilfe, aber bei der Länge der Schlange, die sich vor der Tür oft aufbaut, ist das nicht immer möglich. So bekommt sie auch manchen Frust mit. 

Wenn es aber etwas ruhiger ist, findet sie die Zeit, sich mit Gästen zu unterhalten und mehr von ihnen zu erfahren. So wie von Christian, der mindestens einmal in der Woche kommt. Christian freut sich, dass Helene da ist. Sie sei "die gute Seele am Empfang", erzählt er. Auch, weil Helene für ihn altes Brot sammelt, mit dem er "seine Vögel" im Park füttert. "Dafür versorgt er mich immer mit guten Tipps, was in Dortmund kulturell los ist, wo man umsonst hingehen kann", sagt Helene anerkennend. Mit ihren 423 Euro Taschengeld, das sie als Freiwillige im Monat bekommt, hat sie selbst nicht viel Geld. 

Ein Wochenplan listet die Aktionen während der Seminarwoche im Freiwilligendienst auf.

Die Seminarwochen für die Teilnehmenden im Freiwilligendienst sind abwechslungsreich und interessant.

Regelmäßige Seminartage

Der Freiwilligendienst ist ein "Lern- und Orientierungsjahr". Dazu gehören auch regelmäßige Seminartage im Rahmen der Arbeitszeit. Helene nimmt das zunächst eher skeptisch in Kauf. Am Anfang habe sie gedacht: "Seminare, bitte nicht, das brauch' ich nicht." Aber dann habe sie gemerkt, "wie lustig die Seminare sind" und wieviel es bringt, "wenn so viele unterschiedliche Charaktere da aufeinanderprasseln".

Über die Seminare bekommt Helene auch viel von anderen Freiwilligen mit, die etwa in Kitas oder in Einrichtungen der Jugendhilfe arbeiten. Und sie merkt, dass  die ganz anders sind und auch ganz andere Dinge erzählen, als die, die sie selbst in ihrer Kindheit mit Erzieherinnen erlebt hat. Von Seminar zu Seminar reift daher in Helene der Wunsch, selbst die Ausbildung zur Erzieherin zu machen. 

Freiwilligendienst: Startrampe in einen sozialen Beruf

Neue Zukunftsperspektive

Inzwischen, kurz nach dem 28. Geburtstag, sind die Weichen gestellt. Helene wird ihren Bundesfreiwilligendienst in der Beratungsstelle beenden und in einer evangelischen Kita fortsetzen. Die Monate dort können als Vorpraktikum anerkannt werden, das sie für ihre Ausbildung als Erzieherin braucht. Die wird sie im August beginnen.

"Ich freue mich unheimlich, dass ich da anfangen kann und ein neuer Lebensabschnitt beginnt", erzählt Helene. "Okay, ich muss noch einmal drei Jahre die Schulbank drücken. Aber so", weiß sie, "kann ich weiter durchstarten mit einer neuen Zukunftsperspektive im sozialen Bereich". 

Text: Christian Carls, Fotos: Christian Carls/Diakonie RWL

Ihr/e Ansprechpartner/in
Mathias Schmitten
Zentrum Freiwilligendienste
Weitere Informationen

Erfahrungen sammeln

Die Geschichte von Helene Bammert ist nicht untypisch, berichtet Mathias Schmitten, Leiter des Zentrums Freiwilligendienste der Diakonie RWL. Zwar sind aktuell nur sechs Prozent der Freiwilligen im BFD ü27. Der Trend gehe aber zu jüngeren ü27ern, die beruflich neu starten wollen und den Bundesfreiwilligendienst machen, um Erfahrungen zu sammeln.