9. Juni 2021

Lust auf soziale Berufe

Ein Tag in den Freiwilligendiensten

Julia Pröpper wusste schon lange vor dem Abitur, dass sie Lehrerin werden wollte. Um Klarheit zu bekommen, ob sie an einer Förderschule unterrichten möchte, macht die 18-Jährige nun ein FSJ. Und zwar in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in Mönchengladbach. Die soziale Arbeit macht ihr viel Spaß, wirft aber auch neue Fragen auf.

  • Diakonie RWL-FSJlerin Julia Pröpper (Foto: privat)
  • Diakonie RWL-FSJlerin Julia Pröpper an der Werkbank einer Werkstätte der Stiftung Hephata (Foto: privat)
  • Werkstatt der Stiftung Hephata von aussen (Foto: Julia Pröpper)
  • Was muss man für einen Freiwilligendienst mitbringen? Wir haben alle Infos zusammengefasst.

Mein Wecker klingelt um halb sieben, der Arbeitstag fängt um 10 vor acht an. Das Aufstehen fällt mir nicht schwer. Ich gehe gerne zur Arbeit. Ich freue mich, die anderen "Angestellten" zu treffen. So werden meine Kolleginnen und Kollegen bezeichnet, die als Gruppenleiter oder Teamleiter die Werkstatt der Evangelischen Stiftung Hephata in Mönchengladbach leiten. 

Kurz vor acht kommen dann unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Vierzehn Erwachsene zwischen 20 und Ende 50, die wegen der Schwere ihrer Behinderungen in einer Werkstatt mit besonderer Förderung arbeiten. Die heißen bei uns "Montage Plus" und unsere Werkstatt ist eine davon. Ich mag die Bezeichnungen, die hier üblich sind, denn sie sind immer sehr respektvoll.

Frau mit Behinderung lässt die Muskeln spielen (Foto: Shutterstock)

Mantel ausziehen, einmal strecken und dann geht's los: Wie die junge Frau auf dem Symbolbild freuen sich viele Mitarbeitenden auf ihre Arbeit in den Werkstätten.

Entspannter Start in den Arbeitstag

Der Morgen fängt immer ganz entspannt an. Wir helfen einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim Ausziehen der Jacken, quatschen ein bisschen, wie der Abend war oder übers Wetter. Manchmal gibt es auch eine Umarmung, vielleicht nicht ganz "coronakonform", aber das lässt sich nicht immer vermeiden und fühlt sich für mich stimmig an, denn ich komme mit allen gut klar. Ich fühl mich auch sicher. 

Die Corona-Bestimmungen werden bei uns sehr genau eingehalten, es gibt Tests, Trennscheiben zwischen Arbeitsplätzen, geregelte Abläufe, um unnötig nahe Begegnungen zu vermeiden, viel Platz und Lüftungsmöglichkeiten. Zum Glück ist das mit Corona bald vorbei, das hoffe ich jedenfalls. Denn Kontakt und Nähe gehören zu der Arbeit hier. 

Hephata-Werkstattleiter Rolf Weidenfeld mit einem Puky-Rad (Foto: Julia Pröpper)

Vielfältige Aufträge: Betriebsleiter Rolf Weidenfeld mit einem Puky-Rad. Teile davon werden in den Werkstätten montiert. 

Schrauben, Drehen, Wiegen

Alle gehen dann zu ihren Werkbänken, ich teile mit den anderen Angestellten Arbeitsmaterialien aus, zum Beispiel Schrauben, die verpackt werden oder Kunststoffteile, die von den Mitarbeitenden zu Gelenkrohren zusammengesetzt werden. Ich helfe, wenn unsere Leute Unterstützung brauchen oder prüfe die fertigen Produkte und wiege die Boxen mit den Schrauben. Manchmal helfen mir auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei. Für die Werkstatt ist es wichtig, gute Qualität zu liefern, um Aufträge zu halten. 

Um viertel nach neun fange ich an, das Frühstück vorzubereiten, wenn ich dran bin. Wir machen das zu zweit und wechseln uns ab, der Teamleiter, die Gruppenleiter, der Azubi - jeder ist mal dran. Wir machen Kannen mit Tee und Kaffee, die meisten trinken Kaffee. Zum Mittagessen gehen wir normalerweise in die Cafeteria. Wegen Corona müssen wir aktuell noch bei einem Caterer bestellen und essen dann gemeinsam in der Werkstatt. 

Wiese mit großem Baum vor der Werkstatt der Stiftung Hephata (Foto: Julia Pröpper)

Erst im Kiosk einkaufen, dann auf der Wiese an der Werkstatt chillen oder gemeinsam spielen - die Pausen sind für alle wichtig.

Pause mit Kioskbesuch 

Ein kleines Highlight ist oft noch der Kioskbesuch um 14 Uhr. Normalerweise hat der Kiosk den ganzen Tag auf, die Mitarbeitenden nutzen kurze Pausen, um sich dort etwas zu kaufen. Wegen Corona gibt es zurzeit nur begrenzte Öffnungszeiten, eine um 14 Uhr. Ich begleite manchmal die Gruppe, die dort hingeht. Beliebt sind kleine Tütchen mit Süßigkeiten, Fantaflaschen, Kekse, Erdbeermilch und Eis. Nachmittags ist ohnehin die Zeit am Tag, wo es langsam ruhiger wird, manchmal sind die Aufträge auch schon weitgehend abgearbeitet. Dann bleibt Zeit für gemeinsame Beschäftigung und Freizeit, die hat im "Montage Plus"-Bereich einen besonderen Stellenwert. Wir spielen Memory, puzzeln zusammen oder setzen uns einfach in die Sonne und plaudern. 

Als vor kurzem wenig zu tun war, hatte ich die Idee eingebracht, eine Kegelbahn zu bauen. Solche spontanen Ideen kommen oft gut an. Wir haben gemeinsam aus leeren Trinkflaschen Stühlen und Planken eine Bahn gemacht und mit einem kleinen Ball gekegelt. Auch ein Mitarbeiter im Rollstuhl hat mitgemacht. Bei guten Würfen haben sich alle mitgefreut. 

Eingeseifte Hände unterm Wasserhahn mit Covid-19-Tattoo (Foto: pixabay)

In der Pandemie sind die Hygienebestimmungen besonders wichtig.  Manche Mitarbeitende brauchen dabei Hilfe.

Pflegeassistenz gehört dazu 

Zur Arbeit in der "Montage Plus" gehört auch pflegerische Assistenz. Manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigen zum Beispiel Hilfe beim Händewaschen oder bei Toilettengängen. Ich hatte mehrere Wochen Zeit, mich einzuleben, erst dann wurde ich überhaupt gefragt, ob ich beim Pflegen mithelfen möchte, immer in Begleitung einer Fachkraft. Das wollte ich. In der Pflege entsteht nochmal ganz besondere Nähe, Kommunikation und Kontakt. Und ich will mein FSJ ja nutzen, um möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. 

Um 16:25 Uhr endet die Arbeit für alle Mitarbeitenden. Dann warten kleine Busse, die sie nach Hause bringen, zu ihren Wohngruppen oder zu den Eltern. Manche wohnen auch auf dem Gelände und gehen zu Fuß. Ich helfe dann noch den anderen Angestellten beim Desinfizieren der Werkzeuge und Tische, Stühle und Trennwände. Manchmal gibt es auch noch Dinge zu besprechen, schwierige Situationen am Tag oder Planungen für die nächsten Tage. Schön finde ich, dass ich dabei nicht die kleine FSJlerin bin, sondern meine Ideen immer einbringen kann. 

Diakonie RWL-FSJlerin Julia Pröpper am Schreibtisch (Foto: privat)

Am Ende ihres Arbeitstages hilft Julia Pröpper manchmal noch bei der Büroarbeit. 

Lehrerin oder Heilpädagogin?

Nun ist fast die Hälfte meines freiwilligen Jahres rum, und ich kann sagen, dass ich die Arbeit mit Menschen mit Behinderung sehr schön finde. Wenn ich zum Beispiel mal einen schlechten Tag habe, was zum Glück selten vorkommt, werde ich sofort von Mitarbeitenden angesprochen. Die merken gleich, wenn ich nicht gut drauf bin, obwohl ich versuche, mir das nicht anmerken zu lassen. 

Ich hatte mich für das FSJ entschieden, um Klarheit für meine Berufswahl zu finden. Stattdessen sind neue Fragen entstanden. Vielleicht wäre es doch besser Heilpädagogik zu studieren statt Lehramt? Zum Glück habe ich noch sieben Monate FSJ vor mir. 

Protokoll: Christian Carls, Redaktion: Sabine Damaschke, Fotos: Julia Pröpper, pixabay, Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Mathias Schmitten
Zentrum Freiwilligendienste
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Mit rund 2.000 Freiwilligen ist die Diakonie RWL bundesweit der größte evangelische Anbieter eines Freiwilligen Sozialen Jahres oder eines Bundesfreiwilligendienstes. Die Freiwilligen arbeiten in Schulen, Kitas, Krankenhäusern, Altenheimen oder Einrichtungen der Behindertenhilfe und werden dafür mit rund 426 Euro pro Monat unterstützt. Das sind rund 100 Euro mehr als bei vielen anderen Sozialverbänden. 95 Prozent sind junge Menschen zwischen 16 und 26 Jahren. Knapp die Hälfte entscheidet sich nach dem Freiwilligendienst für eine Ausbildung oder ein Studium im sozialen Bereich.