4. September 2017

Freiwilligendienst in Nicaragua

Mit einem Koffer voll Erfahrungen zurück

Lea, Lara, Anna und Finn waren ein Jahr mit der Diakonie RWL als Freiwillige in Nicaragua. In dieser Zeit haben sie nicht nur viel über das Land, sondern auch über sich selbst gelernt. Die Armut, Sprache und Kultur waren eine Herausforderung. Die Sonne, Gastfreundschaft und südamerikanische Gelassenheit dagegen gefielen ihnen gut. Ihre Erfahrungen haben sie jetzt in einem Seminar geteilt.

weisser Balken

"Trau dich" – dieses Motto haben sich Lea, Lara, Anna und Finn in ihrem Auslandsjahr in Nicaragua mehr als einmal zusprechen müssen. Sie konnten kaum Spanisch, waren die Hitze nicht gewohnt und schockiert über die Armut, die ihnen tagtäglich begegnet ist, über den Mangel an Pressefreiheit und Demokratie. Dass sie sich verletzen könnten und die nächste Klinik oft hunderte Kilometer entfernt lag, hat sie dagegen wenig interessiert.

Die Infos zu Formularen, Verwaltung und Krankenversicherung, die die beiden Diakonie RWL-Betreuer Nina Lübbermann und Sebastian May ihren ersten Freiwilligen in Nicaragua mitgegeben hatten, waren unter der glühenden Sonne Nicaraguas sofort gelöscht. "Die erste Rückmeldung, die wir erhalten hatten, war: es ist heiß", erinnert sich Sebastian May. Auf einem Rückkehrerseminar haben er und Kollegin Nina Lübbermann sich jetzt noch einmal mit dem ersten Jahrgang an Freiwilligen getroffen, die mit der Diakonie RWL ein Auslandsjahr gemacht haben. Zum Erfahrungsaustausch und Mut machen.

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Gelassener geworden

Alle vier haben in einem sozialen Projekt gearbeitet und dort den Alltag von Kindern, Behinderten aber auch der Kollegen kennengelernt. Zunächst verständigten sie sich mit Händen und Füßen und dem bisschen Spanisch, das sie schon in Deutschland gelernt hatten. "Es gibt immer einen Weg zu kommunizieren, auch ohne Sprache, besonders mit den Kindern", sagt Lea, die in einer Schule bei der Hausaufgabenbetreuung geholfen hat.

In Nicaragua lerne man, so meint sie, die Dinge gelassen zu nehmen. Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft hat ihr sehr gefallen. "Man lädt sich dort viel öfter ein." Und ist dabei ganz ungezwungen. Als sie zu Hause in Deutschland ihren Kleiderschrank aufgemacht hat, war sie erstaunt über die vielen Klamotten, die sie besitzt. Im Koffer nach Nicaragua hatten ja nur ein paar T-Shirts und Hosen Platz. Und das hat für ein Jahr gereicht. "Wie man hier so viel shoppen kann, war für mich nach meiner Rückkehr echt eine Frage", meint sie. Diese materielle Bescheidenheit möchte sie sich bewahren.

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Liebe und Freundschaft im Gepäck

Lara hat erlebt, dass in Nicaragua manches besser ohne Plan funktioniert. Zurück in Deutschland, ist sie aber froh, wieder Pläne für ihre Zukunft zu schmieden. Ihre Gastfamilie aus Nicaragua nimmt Lara im Herzen mit, sagt sie. Sie haben viel zusammen unternommen und sie gehörte zur Familie: "Sie haben mich als ihre Adoptivtochter vorgestellt."

Und am Wochenende war immer was los. Das hat ihr gut gefallen. "In Nicaragua kann man aus wenig viel machen. Das Wenige wird geteilt", erzählt sie. Lara hat in Nicaragua viele Freunde gefunden – besonders über den Sport an der Uni. Auf diese Eigeninitiative ist sie stolz. "Ich habe die Leute einfach angequatscht oder beim Sport gefragt, ob ich mitspielen darf", berichtet sie. Den Umgang der Geschlechter miteinander fand sie bisweilen schwierig. "In Nicaragua pfeifen sie einem öfter mal hinterher. Wenn ich die Männer kannte, habe ich klar gesagt, dass ich das nicht möchte."

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Als Feministin zurückgekommen

Bei Anna hat das zum Teil machohafte Verhalten der Männer dazu geführt, dass sie sich mit ihrer Rolle als Frau stärker auseinander gesetzt hat – und eine klare Haltung dazu entwickelte. "Ich bin Feministin", betont sie. Das kann sie jetzt sogar ohne Worte ausdrücken. In ihrer Einrichtung für behinderte Kinder hat sie neben Spanisch auch noch Gebärdensprache gelernt.

Durch die Arbeit mit den behinderten Menschen sei sie geduldiger und empathischer geworden, erzählt Anna. Daran möchte sie jetzt auch beruflich anknüpfen und am liebsten Psychologie studieren. "Das Gefühl, dass alles irgendwie machbar ist, egal wie lange es dauert, das nehme ich mit."

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Den Wert der Demokratie erfahren

Während ihrer Zeit in Nicaragua fanden Parlamentswahlen statt. Eine ausgewogene Berichterstattung habe es nicht gegeben, erzählt Finn. Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit waren für ihn immer selbstverständlich. Jetzt hat er das neu schätzen gelernt.

Er geht aber auch kritischer mit sich selbst um. "Ich kann auch mal Raum für andere lassen, die anders ticken", gibt er zu. Finn musste sich in seiner WG arrangieren mit Mitbewohnern, die nicht so oft spülen wie er. Er freut sich, dass er alle seine Talente einbringen durfte im Projekt. Fotografieren, Hilfe am Computer – man hat ihn alles machen lassen. Sein Berufsziel ist dabei klarer geworden. Er möchte Informatik studieren. Und er möchte politisch aktiv werden.

Die Freiwilligen sind sich einig, dass das Jahr in Nicaragua sie selbstständiger und selbstbewusster gemacht hat. Sie sind stolz darauf und wollen nun andere Jugendliche ermutigen, es ihnen nachzutun. Inzwischen verbringen die nächsten zwölf Freiwilligen ihre ersten Wochen in Nicaragua. "Alle fühlen sich wohl. Es klappt prima", berichtet Nina Lübbermann. "Nur an das Ausfüllen wichtiger Formulare mussten wir auch diesen Jahrgang erinnern. Aber das ist ganz normal bei all den vielen neuen Eindrücken in diesem wunderbaren und widersprüchlichen Land."

Text und Videos: Sabine Portmann

"Lohnt sich ein Freiwilligendienst weltwärts" - Antworten von Lara, Lea, Anna und Finn

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Sebastian May
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