17. August 2017

Flüchtlinge im Freiwilligendienst

Ein unbekanntes Erfolgsmodell

Seit Dezember 2015 fördert die Bundesregierung den Einsatz von Flüchtlingen im Freiwilligendienst. Obwohl es ein erfolgreiches Integrationsmodell ist, soll es 2018 auslaufen. Gemeinsam mit der Diakonie Deutschland setzt sich die Diakonie RWL dafür ein, es zu verlängern und zu verbessen. Auf einer Veranstaltung mit Diakonie-Präsident Ulrich Lilie und NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler berichteten Flüchtlinge, wie ihnen der Freiwilligendienst geholfen hat, einen Einblick in die Arbeitswelt zu bekommen.

Flüchtlinge Tarek mit einer Trage

Tarek Alkousa hat den Freiwilligendienst genutzt, um sich für die Pflege zu qualifizieren (Foto: Christian Carls)

Neunzehn Jahre hat Tarek al Kousa in seiner Heimat Syrien als Pfleger gearbeitet. Mit einer Überzeugung, die ihn ins Gefängnis brachte. Er hatte sich um alle Patientinnen und Patienten in gleicher Weise gekümmert, um Zivilisten wie um Soldaten. Nach seiner Flucht möchte er wieder in seinem Beruf arbeiten. Nur sieht Pflege hier ganz anders aus als in der Klinik in seiner Heimatstadt Homs.

Einen guten Einblick in das, was den 39-jährigen Krankenpfleger erwartet, hat er im Florence Nightingale-Krankenhaus der Diakonie Kaiserswerth erhalten. Ein halbes Jahr war er dort im Freiwilligendienst. In dieser Zeit fand er viel Anerkennung im Team – und verbesserte sein Deutsch. Tarek al Kousa kann nur noch einen Abschluss der Klasse 9 nachweisen. Damit kann er maximal eine Ausbildung als Krankenpflegeassistent beginnen. Diesen Weg will er gehen. "Pflege ist mein Beruf. Wenn ich im Krankenhaus arbeiten kann, bin ich glücklich", betont er.

Nebeneinander

Ulrich Lilie, Tarek al Kousa, Thomas Oelkers, Serap Güler vor der Notaufnahme des Krankenhauses der Kaiserswerther Diakonie

Seine guten Erfahrungen mit dem Freiwilligendienst hat er jetzt in einem Pressegespräch in Düsseldorf öffentlich gemacht. Und zwar gemeinsam mit dem Präsidenten der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, der NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler, Diakonie RWL-Vorstand Thomas Oelkers und dem Kaiserswerther Vorstand Klaus Riesenbeck sowie weiteren Flüchtlingen aus dem Freiwlligendienst.

Denn alle haben ein Anliegen: den Freiwilligendienst für geflüchtete Menschen auszubauen statt einzustellen, wie es die Bundesregierung für 2018 plant.

Vor dem Krankenhaus

Sabah Hasan im Gespräch mit einem Journalisten

"Es hilft niemandem, wenn wir es ihnen in Deutschland so schwer machen"

Auch Sabah Hasan (29), die in ihrer somalischen Heimat als Tochter von Hirten nie eine Schule besucht hat, nutzte die Chance eines Freiwilligendienstes. Sie möchte in der Altenpflege arbeiten. Eine Ausbildung kann sie noch nicht machen, denn die wenigen Plätze aus kleinen Modellprojekten, die beides kombinieren, sind lange vergeben. In ihrem Freiwilligendienst im Seniorenzentrum Markuskirche in Dormagen fand sie einen Einstieg in die soziale Betreuung alter Menschen. Sie gestaltet bereits eigene Freizeitangebote für die Senioren und möchte Betreuungskraft in der Altenhilfe werden.

"Engagierte Menschen wie sie werden händeringend gesucht - zum Beispiel in der Pflege", sagte Ulrich Lilie mit Verweis auf den Fachkräftemangel in der Pflege. "Es hilft niemandem, wenn wir es ihnen in Deutschland so schwer machen." Lilie verwies auf seine Erfahrungen während eines Besuchs in New York. In den USA werde viel mehr danach gefragt: "Was kannst du?" Zwar setze sich die Diakonie zu Recht seit langem für hohe Fachlichkeit in der Pflege ein. Mit Blick auf die neuen Herausforderungen brauche es hier aber eine neue pragmatische Kultur des "Sowohl-als-auch", was die Anforderungen an Qualifizierungen und die Möglichkeiten des Nachweises angeht. 

Nebeneinander stehend

Thomas Oelkers, Jürgen Thor und Ulrich Lilie. Jürgen Thor leitet mit Michael Brausch das Zentrum Freiwilligendienste der Diakonie RWL.

Verbessertes Programm verlängern

Der sogenannte "Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug" müsse nicht nur verlängert und verbessert werden, forderte Thomas Oelkers, Vorstand der Diakonie RWL. Er sprach sich zugleich dafür aus, das begleitende Bildungsprogramm für Flüchtlinge im Freiwilligendienst deutlich auszubauen. So könnten die Teilnehmenden besser auf eine anschließende Ausbildung oder Tätigkeit im sozialen Bereich vorbereitet werden. "Gerade für Menschen über 25 Jahren fehlen Qualifizierungsprogramme für den Arbeitsmarkt", so Oelkers. Der Bundesfreiwilligendienst kann von Menschen in jedem Alter geleistet werden.  

vor einem Plakat

Serap Güler

Unterstützung von Serap Güler

Serap Güler, Integrationsstaatssekretärin des Landes Nordrhein-Westfalen, würdigte den Integrationswillen der Flüchtlinge. "Ich finde es toll, dass sie hier vom Hilfeempfänger selbst zum Helfer werden. Viele Menschen, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, bringen großes Potenzial mit nach NRW." Die Freie Wohlfahrtspflege sei für die Landesregierung ein zentraler Partner, wenn es um das Thema Integration gehe. Die Politikerin sagte zu, sich für die Fortsetzung des Programmes einzusetzen.

Serap Güler, die selbst aus einer Gastarbeiterfamilie stammt, kritisierte, dass ein qualifizierter Pfleger wie Tarek al Kousa in Deutschland wieder bei null anfangen muss. Die Anerkennung von Ausbildung und Berufserfahrung sei eine "Riesenbaustelle", meinte sie – und plädierte für schnelle Zwischenlösungen mit Nachprüfungen und Nachqualifizierungen. 

Vor der Notaufnahme, im Hintergrund ein Rettungswagen

Christine Schrader und Christian Künstler haben Tarek al Kousa in seinem Freiwilligendienst angeleitet - und würden sich freuen, wenn er als Pfleger wieder im Team dabei wäre. Hier mit Klaus Riesenbeck, Vorstand der Kaiserswerther Diakonie.

"Wartezeiten sind ein Skandal"

"Es gibt nichts Schlimmeres als wenn man nichts zu tun hat", schilderte Michael Wierich, ein ehrenamtlicher Helfer aus Dormagen, seine Erfahrungen mit Flüchtlingen. Viele litten unter immer wieder neuen Wartezeiten - auf Deutschkurse, Qualifizierungsangebote oder Beschäftigung. Das sei ein Skandal, ergänzte Ulrich Lilie. "Die unnötigen Wartezeiten verschwenden Geld und wichtige Lebenszeit."

Der Freiwilligendienst sei für diesen Missstand keine Lösung, aber im Einzelfall eine sinnvolle Überbrückung, erklärte dazu Klaus Riesenbeck, Vorstand der Kaiserswerther Diakonie. "Im Freiwilligendienst finden Flüchtlinge einen Raum, wo sie nicht warten müssen, sondern etwas lernen und tun können". Er sei ein Lern- und Orientierungsjahr, das Zugänge zu sozialen Arbeitsfeldern schaffen könne. "Alle, die danach in einen sozialen Beruf gehen, haben für sich selber ausprobiert und herausgefunden, dass ihnen diese Art von Arbeit liegt." 

Portrait

Ulrich Lilie wirbt für den "sozial-o-mat

Blick auf die Bundestagswahlen

"Wir haben großen Respekt vor dem, was Sie bewältigen - und bleiben Ihre Verbündeten", versprach Ulrich Lilie den Flüchtlingen, die sich an der Veranstaltung beteiligt hatten. Er sagte zu, die Vorschläge der Diakonie RWL zur besseren Förderung von Flüchtlingen im Freiwilligendienst bei der Bundesregierung zu bewerben.

Der Besuch des Präsidenten der Diakonie Düsseldorf war eine Etappe seiner Sommerreise zu unterschiedlichen Projekten aus der sozialen Arbeit der Diakonie. Lilie stellt dabei auch den Sozial-O-Mat der Diakonie Deutschland vor, ein Wahl-O-Mat für soziale Fragen. "Beim Sozial-O-Mat geht es um wichtige soziale Themen unserer Zeit. Er soll Wählerinnen und Wähler bei ihrer Wahlentscheidung unterstützen und verdeutlichen, welche Auswirkungen ihre Wahl für das Leben von Menschen, wie zum Beispiel Geflüchtete, in unserem Land hat."

Text: Christian Carls und Sabine Portmann
Fotos: Christian Carls und Anieke Becker (Teaserfoto)

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