11. Mai 2018

Bildungsangebote für Freiwillige

Bewegung, Haltung und Balance in der Arbeit mit Menschen

"Altenpflege kann nicht jeder", sagt Holm Schwanke, Leiter des diakonischen Fachseminars für Altenpflege in Essen. In Workshops mit dem Zentrum Freiwilligendienste der Diakonie RWL vermittelt der Schulleiter einen Eindruck von der anspruchsvollen Pflegeausbildung - und eine Idee, auf welche Haltung es nicht nur in der Pflege ankommt: Kommunikation und Vertrauen.

  • Hebesituation
  • Kniend vor einer liegenden Person
  • Vier Personen tragen eine
  • Gruppe beim Probieren von Hebeaktionen
  • Der Dozent zeigt, wie man vom Boden zum Stehen kommt
  • Hebeaktion
  • Portrait

"Wie bringe ich einen Menschen, dem die Kraft fehlt, sich selbst aufzurichten, vom Sitzen ins Stehen?" Diese Frage stellt Holm Schwanke auf Bildungstagen, die die Diakonie RWL begleitend zum Bundesfreiwilligendienst anbietet. Viele Freiwillige arbeiten in Alten- und Pflegeheimen oder Einrichtungen der Behindertenhilfe. Sie sollen hier ganz praktisch erfahren, so der Pflegepädagoge, "auf was es in der Pflege wirklich ankommt – und ob der Beruf etwas für sie ist."

Drei Freiwillige probieren das spontan aus. Eine Hand unter die Schulter, die andere greift den Arm, und mit aller Muskelkraft gelingt es, den sitzenden Teilnehmer ins Stehen zu bringen. "Autsch", das hat ganz schön wehgetan, sagt Janis. Geht das nicht, ohne dass die Pflegekraft Rückenprobleme bekommt und der Patient ebenfalls Schmerzen hat? Es geht, aber das will gelernt sein.

Holm Schwanke mit Brett in der Hand

Holm Schwanke arbeitet mit Utensilien, die immer vorhanden sind - zum Beispiel ein Brett als Brücke beim Umsetzen. 

Dramatische Fehlzeiten wegen Rückenbeschwerden

Nicht umsonst titelte das Ärzteblatt 2017 "Pflege hat Rücken" und verwies dabei auf die neuesten Zahlen des BKK-Gesundheitsreports. Danach sind die Fehlzeiten in der Altenpflege mit 24 Tagen im Jahr dramatisch hoch. Der Durchschnitt aller erfassten Berufsgruppen fehlt nur 16 Tage im Jahr. Eine der Hauptursachen sind Muskel- und Skeletterkrankungen. Weibliche Pflegekräfte, die die Mehrzahl der Mitarbeitenden stellen, fehlen im Durchschnitt sieben Tage im Jahr allein wegen Rückenbeschwerden und anderer Gelenkprobleme. Viele steigen vorzeitig aus dem Beruf aus.

Zum Internationalen Tag der Pflege am 12. Mai macht die Freie Wohlfahrtspflege in NRW auf den teils schon dramatischen Nachwuchsmangel in der Pflege aufmerksam. Unter dem Motto "Gute Pflege! Jetzt!" zeigen Einrichtungen an rund 80 Standorten, was es braucht, damit mehr Menschen diesen Beruf wählen – und dort auch lange arbeiten wollen und können.

Zu wenig Fortbildungsangebote

Neben der besseren Förderung der Ausbildung und der Personalausstattung können auch gute Gesundheitsangebote den Beruf attraktiver machen. Über 90 Prozent der Beschäftigten der Pflegekräfte erachtet Maßnahmen der Gesundheitsförderung als sehr wichtig. Aber weniger als 50 Prozent finden in ihrem Betrieb solche Angebote vor. Wenn vorhanden, nehmen rund 80 Prozent der Pflegekräfte daran teil.

Zwei Männer tragen Holm Schwanke

Schweben lassen statt schleppen - das glückt nur in engem Kontakt. 

Holm Schwanke gehört zu den Fortbildnern, die in Rollenspielen zeigen, wie das Heben, Umlagern oder Umsetzen von Patienten und Bewohnern rückenschonender möglich ist. "Mit Tricks, fachlichem Know How und der richtigen Haltung lässt sich der Transfer von Patienten oft viel leichter und angenehmer gestalten - für die Pflegenden wie für die der Pflege Bedürftigen", weiß Schwanke.

Beim Anheben eines schwereren Mannes

Ein Kissen, ein Handtuch und die Schwerkraft reichen zum mühelosen Anheben auch schwerer Personen.

Bewegungsschulung vor dem ersten Tag in der Pflege

An seinem Fachseminar für Altenpflege vermittelt er vieles davon gleich im ersten Theorieblock - bevor die Auszubildenden in die Praxis kommen - "und bevor sie sich dort manchmal falsche Vorgehensweisen aneignen oder sogar abschauen". Oft wählt Schwanke in seinen Kursen einen Teilnehmer mit höherem Körpergewicht aus der Runde.

Das macht er auch im Seminar mit den Freiwilligen. Allein mit Muskelkraft könnte er Alexander nicht heben. Er nimmt ein Kissen und ein Handtuch und setzt sich ihm nah gegenüber, die Knie gegeneinander, das Kissen dazwischen. Dann bittet er Alexander, seine Arme über seine Schultern zu legen. Er ermuntert ihn, sein Gewicht weiter nach vorne zu verlagern, zu seiner Körpermitte hin. Das Handtuch legt er ihm um den Rücken und lässt sich dann selbst so weit nach hinten fallen, bis Alexander angehoben ist.

Eine kleine Frau hebt einen schwereren Mann

Funktioniert. Die schützenden Hände im Hintergrund werden nicht gebraucht. 

Mit einer leichten Drehung wird er auf einen bereitstehenden Stuhl umgesetzt. "Ich lasse die Schwerkraft für mich arbeiten, der Kontakt an den Knien ist der Drehpunkt", erklärt Schwanke dabei. Das wollen alle probieren. "Macht das mit jemandem, der mehr wiegt als ihr", ermuntert der Pflegepädagoge.

In weiteren Übungen wird jemand getragen oder vom Liegen ins Stehen gebracht. "Stapelt die Körpermassen einfach, vom Kopf angefangen" – und tatsächlich – das funktioniert, sogar mit schweren Männern am Boden.

Eine Person liegt am Boden, drei knien davor

Einstimmung vor dem Tragen

Fachkraftausbildung nicht ohne Grund

"In der kurzen Zeit lassen sich die Techniken nur beispielhaft zeigen, nicht wirklich erlernen. Die Pflege ist nicht ohne Grund eine Fachkraft-Ausbildung", erklärt Holm Schwanke anschließend. Aber darauf kommt es im Workshop nicht an. Die Freiwilligen, die sich für eine Ausbildung in der Pflege interessieren, erhalten im Workshop eine Idee, auf was es in der Pflege wirklich ankommt und ob der Beruf etwas für sie sein könnte. Denn beim Heben oder Umsetzen lässt sich das wichtigste Prinzip von Pflege besonders gut vermitteln. "Bewegung und Transfer haben viel mit Kommunikation und Vertrauen zu tun", erklärt der Pflegepädagoge. Maßgeblich beim Heben sei der gute Kontakt zum Gegenüber.

"Der pflegebedürftige Mensch wird nicht als Ding behandelt, das bewegt werden soll. Er ist bei allem, was wir tun, unser Partner." Das ist beim Anheben genauso wie beim Ankleiden, beim Essenanreichen oder bei der Versorgung der Inkontinenz. In seinem Workshop erleben die Freiwilligen, dass mit einer aufmerksamen Haltung alles viel leichter geht.

Portrait

Liebt seinen Beruf: Gerhard Schmitz

Tanzhaltung

Gerhard Schmitz kann das nur bestätigen. Er arbeitet schon seit 20 Jahren in der Pflege und hat nach einem Bandscheibenvorfall an einem kinästhetischen Schulungsangebot teilgenommen. "Eine Zeit lang habe ich dann vor jeder Aktion kurz innegehalten und überlegt – wie mache ich das jetzt", erzählt er. "Inzwischen nehme ich meist schon ganz intuitiv eine Tanzhaltung ein, um Menschen, die ganz unbeweglich erscheinen, in ihrer Bewegung gut zu begleiten." Unter Rückenschmerzen leidet er nun nicht mehr.

Text und Fotos: Christian Carls

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Christian Carls
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