11. März 2022

Krieg in der Ukraine

"Wir können keine weiße Weste behalten"

Wenn Mitgefühl und humanitäre Hilfe nicht ausreichen – der Ukraine-Krieg stellt Kirchen und Diakonie vor einen "schmerzlichen Lernprozess", sagt die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Annette Kurschus, im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst. Aufgabe der Kirche bleibe es, Menschen zu stärken, die sich für den Frieden einsetzten.

  • Demo gegen den Ukraine-Krieg in Bonn
  • Annette Kurschus, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche

Experten rechnen beim Krieg in der Ukraine mit wesentlich mehr Flüchtlingen als im Jahr 2015. Aktuell ist die Hilfsbereitschaft groß. Befürchten Sie, dass die Stimmung auch wieder kippen kann wie bei der letzten Fluchtwelle?

Annette Kurschus: Es ist sehr erfreulich, welch große Hilfsbereitschaft im Moment zu spüren ist. Überall sperren Menschen die Türen auf und helfen bereits jetzt ganz konkret. Es gibt auch immer wieder Demonstrationen als Zeichen der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine.

Dass sich die Stimmung gegenüber den vorherigen Geflüchteten gedreht habe, sehe ich so pauschal nicht. In unseren Gemeinden erlebe ich ein ungebrochenes Engagement. Wir haben uns jetzt eben auf einen "Langstreckenlauf" einzurichten.

Geflüchtete Ukrainer an der polnischen Grenze

Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer werden flüchten: Diakonie und Kirche wollen die Solidarität für die Menschen sehr konsequent leben, verspricht Annette Kurschus.

Was hat das für Konsequenzen?

Es werden noch sehr viele Menschen aus der Ukraine zu uns kommen. Auf Dauer wird es nicht ausreichen, Mitgefühl zu zeigen und humanitäre Hilfe zu leisten. Solidarität wird sehr konkret und sehr konsequent gelebt werden müssen, und das wird auch uns selbst in unserem Alltag einiges abverlangen.

Wir werden erhebliche Preissteigerungen in etlichen Bereichen hinnehmen müssen. Jetzt gilt es, zusammenzuhalten – auch damit die teure Solidarität nicht auf die Knochen und auf Kosten derer geht, die jetzt schon zu wenig haben. Den entschlossenen Willen dazu spüre ich in unserer Gesellschaft deutlich.

In der Flüchtlingsarbeit engagierte Menschen sind besorgt, dass Flüchtlinge aus Afrika oder Syrien aus dem Blick geraten. Gibt es eine Unterscheidung von Flüchtlingen 1. und 2. Klasse?

Die Regierung hat zum Glück entschieden, dass die Menschen, die aus der Ukraine flüchten, möglichst wenige Hürden überwinden müssen. Sie sollen unkompliziert aufgenommen werden. Das ist großartig. Großartig ist auch, dass die osteuropäischen Staaten, die sich bisher abgeschottet haben, den Menschen großzügig helfen, die aus der Ukraine fliehen. Durch diese Hilfsbereitschaft wird niemand, der auf dem bisher normalen Weg über das Asylverfahren hierher kommt, zu einem Flüchtling 2. Klasse. Und das darf es auch nicht geben.

Beratungsgespräch mit einer geflüchteten Frau

Für die Menschen da: Die diakonischen Beratungsstellen setzen sich für die Geflüchteten ein - egal, woher sie kommen oder welche Hautfarbe sie haben.

Was tun die Kirchen und die Diakonie dagegen?

Die unkomplizierte Aufnahme der Menschen aus der Ukraine kann uns in Zukunft vielleicht Wege weisen, wie wir es auch mit denen, die aus anderen Staaten zu uns kommen, besser machen.

Wir in den Kirchen werden alles dafür tun, dass die Geflüchteten, die schon bei uns sind, keine Nachteile dadurch haben, dass jetzt mehr und andere dazukommen. Hautfarbe oder Religion oder Kultur dürfen bei der Einschätzung von Not jedenfalls keinen Unterschied machen.

Was bedeutet der Krieg in der Ukraine für die Kirche und die Diakonie hierzulande?

Unsere Kirchengemeinden und die Diakonischen Werke bewähren sich als Hoffnungsgemeinschaften, sie bieten Unterkünfte, sammeln Spenden und stellen Hilfstransporte auf die Beine. Das ist großartig. Und es macht deutlich, welch ein starkes und buchstäblich handfestes Potenzial der Glaube hat. Wir setzen viel Vertrauen in unablässige Gebete um Frieden, und aus solchen Gebeten wachsen mutige Taten.

Wie bewerten Sie, dass Deutschland jetzt doch Waffen an die Ukraine liefert?

Es bleibt dabei: Waffen sind kein Mittel, um Frieden zu schaffen. Allenfalls können sie zur Abschreckung von Aggressoren dienen, die sich nicht um Völkerrecht scheren und verbrecherische Angriffskriege anzetteln wollen. Oder sie dienen zur Selbstverteidigung als letztes Mittel in einem solchen Krieg.

Ich halte es für schwierig, die geforderten Waffenlieferungen abzulehnen, wenn die Menschen sich nicht allein aus eigenen Kräften verteidigen können. Aber Waffenlieferungen gewährleisten nicht das Ende der Gewalt, das wir uns wünschen. Im Gegenteil: Sie können zu Kettenreaktionen führen, in denen die Beteiligten die Kontrolle verlieren. Das ist das Fatale. Wie immer wir uns positionieren: Wir können in dieser Situation keine weiße Weste behalten. Diese Lernerfahrung mache ich gerade.

Demo mit Friedensschild

Verantwortung übernehmen: Kirche und Diakonie setzen sich für Frieden in der Ukraine ein.

Was bedeutet das für Sie?

Ich halte es für zynisch zu sagen: Jetzt müssen unsere Gebete und unser Mitgefühl ausreichen. Ich kann nachvollziehen, dass die Ukraine in ihrer Selbstverteidigung unterstützt wird. Das ist ein echtes Dilemma. Aber wir dürfen dem als Kirchen nicht ausweichen, indem wir schweigen und uns aus der Verantwortung ziehen.

Können Kirchen zur Vermittlung in diesem Konflikt beitragen?

Unsere große Stärke ist, dass wir in ganz Europa, auch mit den Kirchen in den Konfliktgebieten, miteinander verbunden sind. Trotz aller Schwierigkeiten lassen wir die Kontakte zur russisch-orthodoxen Kirche sowohl in Russland als auch in der Ukraine nicht abbrechen, sondern versuchen, gemeinsam mit ihnen intensiv um Frieden zu ringen. Wir haben den Ökumenischen Rat der Kirchen und die Konferenz Europäischer Kirchen, die uns gute Möglichkeiten bereitstellen, um miteinander zu reden und auch miteinander zu streiten.

Was können Kirchen in diesem Konflikt einbringen?

Jeder Aggressor, das sehen wir auch bei Putin, rechtfertigt seine Aktionen mit übergeordneten "Werten". Dagegen können die Kirchen starke Worte und Bilder der Bibel setzen. Worte und Bilder des Friedens. Sie stärken Menschen, sich weiterhin für den Frieden einzusetzen, auch wenn es möglicherweise lange dauert.

Das Interview führte Holger Spierig/epd. Redaktion: Ann-Kristin Herbst,
Fotos: Pixabay, Jens Schulze/EKD, Adobestock, David Ertl/Diakonie Düsseldorf, Frank Schultze/Diakonie Katastrophenhilfe.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ann-Kristin Herbst
Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit