4. Mai 2021

Impfungen in der Flüchtlingshilfe

Kaum Konzepte, wenig Aufklärung

In Flüchtlingsunterkünften leben die Menschen auf engstem Raum zusammen. Um Corona-Ausbrüche zu vermeiden, müssten sie schnell geimpft werden. Doch es fehlt an klaren Konzepten und ausreichender Aufklärung, kritisieren die beiden Diakonie RWL-Flüchtlingsexpertinnen Karin Wieder und Hanna Zängerling in unserer Reihe #ärmelhoch.

  • Jonas Rohlfing berät erwachsene Zugewanderte in der Werkstatt der Kulturen in Aachen. Er hat sich gegen das Corona-Virus impfen lassen.
  • Valentina Insalata gibt Erstorientierungskurse in der Landesaufnahmestelle Lebach im Saarland
  • Adnan Nahhas arbeitet als Flüchtlingsberater beim Diakonischen Werk im Kirchenkreis Aachen
  • Astrid Oettgen arbeitet bei der Werkstatt der Kulturen Aachen.
  • Jessica Honnef bringt  im TANDEMmia ältere Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Kontakt.
  • Arzt impft jungen geflüchteten Mann gegen das Corona-Virus

In der Impfreihenfolge des Bundes sollen Geflüchtete "mit hoher Priorität" geimpft werden, wenn sie – wie Menschen mit Behinderungen oder Wohnungslose – in Gemeinschaftsunterkünften leben. Doch das Impfen läuft nur schleppend an. Woran liegt das?

Hanna Zängerling: Eigentlich hätten Asylsuchende in Gemeinschaftsunterkünften - sowohl in Erstaufnahmeeinrichtungen wie auch in kommunalen Sammelunterkünften - schon seit Ende Februar geimpft werden können. Doch gerade in den großen Aufnahmeeinrichtungen, für die die jeweiligen Bundesländer zuständig sind, passierte nichts. Jetzt haben erste Impfungen in Schleswig-Holstein stattgefunden. In Nordrhein-Westfalen wissen wir noch nicht einmal von einem Konzept für die über 30 Landesunterkünfte und die über 6.000 Menschen, die dort untergebracht sind. Dabei müssen wir das Rad ja nicht neu erfinden. Der Diakonie RWL liegen ja bereits gute Konzepte aus der Eingliederungs- und Altenhilfe vor, die angepasst werden könnten.

In den Unterkünften leben die Geflüchteten unfreiwillig auf engem Raum zusammen, darunter auch Menschen mit einem hohen gesundheitlichen Risiko. Sie wohnen oft in Mehrbettzimmern und teilen sich das Bad. Auch wenn viele versuchen, diszipliniert Abstand zu halten, haben derzeit rund 200 Menschen eine Coronainfektion und befinden sich teilweise in Vollquarantäne. Dass die zuständigen Ministerien die Impfangebote so verzögern, ist höchst fahrlässig.

Diakonie RWL-Migrationsexpertin Karin Wieder (Foto: Christian Carls/Diakonie RWL)

Gute Aufklärungskampagnen sind entscheidend:  Genau wie in der Gesamtbevölkerung kursieren in den Unterkünften zahlreiche Falschinformationen rund um die Covid-19-Impfung, sagt Diakonie RWL-Flüchtlingsexpertin Karin Wieder.

Von den Landesunterkünften werden Geflüchtete nach Anerkennung ihres Asylverfahrens in die Kommunen überwiesen. Erhalten sie dort schneller eine Impfung?

Karin Wieder:  Es gibt zwar die Impfverordnungen von Bund und Land, aber jede der zahlreichen Kommunen in NRW setzt diese unterschiedlich um. In Wuppertal sind zum Beispiel viele geflüchtete Menschen in städtischen Wohnungen untergebracht, aber es gibt auch eine große Unterkunft, in der rund 200 alleinstehende Männer leben. Dort erhielten alle, die sich impfen lassen wollten, schon Unterlagen und einen Termin, müssen sich aber selbst darum kümmern, wie sie die Formulare ausfüllen und ins Impfzentrum kommen.

Das ist eine hohe Hürde, weil das Impfzentrum mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur mühsam zu erreichen ist. Die diakonische Flüchtlingshilfe hat keinen Zugang zur Unterkunft, kann also nur ihrer Beratungstätigkeit nachgehen, wenn die Menschen zu ihr kommen.

In Gelsenkirchen sieht es anders aus. Dort gehen die Flüchtlingsberaterinnen und -berater in Absprache mit der Stadt in alle Unterkünfte, klären in verschiedenen Sprachen über die Impfungen auf und begleiten die Geflüchteten. Hier sind die Impfdosen bereits bestellt. Im Oberbergischen Kreis hingegen haben die Sozialämter gerade erst damit begonnen, die Geflüchteten in den Unterkünften für eine Impfung zu erfassen. Dabei drängt die Zeit, denn es kommt auch in den kommunalen Unterkünften immer wieder zu Corona-Ausbrüchen.

Viele Menschen in Deutschland haben Fragen und Vorbehalte gegen die Impfstoffe. Wie reagieren Geflüchtete auf die Impfungen?

Karin Wieder: Sie sind sehr verunsichert von den Diskussionen um die Wirksamkeit der Impfstoffe, Nebenwirkungen, Impfschäden oder Impfvorteile. Zudem kursieren – wie in der gesamten Bevölkerung - Gerüchte, die Geflüchteten Angst machen. Etwa, dass die Impfstoffe die Gesundheit schädigen oder sie nach der Impfung direkt abgeschoben werden. Die meisten befinden sich in einer psychisch belastenden Situation. Sie wissen nicht, wie lange sie in Deutschland bleiben dürfen und machen sich Sorgen um Angehörige im Herkunftsland. Dann noch zu entscheiden, ob sie sich impfen lassen oder nicht, überfordert viele. Das A und O sind jetzt gute Aufklärungskampagnen. Aber wir brauchen auch Menschen, denen Geflüchtete vertrauen, und die mit gutem Beispiel vorangehen und dadurch zum Impfen ermutigen.

Diakonie RWL-Flüchtlingsexpertin Hanna Zängerling

Ein landesweites Vorgehen ist nicht in Sicht: Flüchtlingsexpertin Hanna Zängerling kritisiert, dass die Impfkampagnen in den Unterkünften nur schleppend vorankommen. 

Stehen denn ausreichend Materialien zur Verfügung?

Hanna Zängerling: Inzwischen gibt es Informationsblätter in verschiedenen Sprachen, die teilweise sehr komplex, teilweise unzureichend sind. Jede Kommune und jedes Land erstellt gerade eigene Materialien. Nach meiner Ansicht wäre es sinnvoller, wenn der Bundesintegrationsbeauftragte Aufklärungsmaterial für alle veröffentlichen würde, in dem sich jede und jeder wiederfinden kann – auch kurze, gut gemachte Videos, die über Social Media geteilt werden können. Dazu könnte es dann Hinweise zur spezifischen Umsetzung in den Ländern geben.

Doch Infomaterialien alleine reichen nicht. Es geht auch um Vertrauen. Geflüchtete brauchen Menschen, die ihre Sorgen ernst nehmen, die zuhören, Fragen beantworten  und wissen, wie sie Informationen so weitergeben, dass sie ankommen. Das kann zum Beispiel durch geschultes Personal in den Einrichtungen oder Vertrauenspersonen mit Migrationsgeschichte geschehen.

Haben Mitarbeitende, die in Sammelunterkünften arbeiten, schon Impfungen erhalten?

Hanna Zängerling: In Hessen und Baden-Württemberg haben alle Mitarbeitende, die in Unterkünften des Landes sowie der Kommunen tätig sind, Impfangebote erhalten. Im Saarland ist das ebenfalls so. Mitunter gibt es kommunale Lösungen, aber kein abgestimmtes landesweites Vorgehen. Das geht hier alles viel zu langsam. Geflüchtete in Sammelunterkünften und alle, die sie begleiten, sind in dieser Pandemie zu wenig im Blick der Öffentlichkeit. 

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.
Fotos: Unsplash (Teaser), Werkstatt der Kulturen/ Diakonisches Werk im Kirchenkreis Aachen, Diakonisches Werk an der Saar, Christian Carls und privat.

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