3. Mai 2019

Woche für das Leben

Suizid verhindern, Krisen ernst nehmen

In Deutschland versuchen jedes Jahr rund 100.000 Menschen, sich das Leben zu nehmen. Die Frage, wie Suizide verhindert werden können, steht im Mittelpunkt der diesjährigen ökumenischen "Woche für das Leben". Sie findet vom 4. bis 11. Mai statt und macht auf die Beratungsangebote in Diakonie und Kirche aufmerksam. Die evangelische Beratungsstelle in Bielefeld hat viel Erfahrung in der Begleitung selbstmordgefährdeter Menschen.

Therapiesitzung mit Steinen

Was belastet im Leben? In Therapiesitzungen werden die Beraterinnen auch mit Suizidalität konfroniert. (Copyright: Diakonie für Bielefeld)

"Wenn ich nicht da wäre, würden Mama und Papa sich nicht mehr streiten." "Das Leben fühlt sich nicht mehr richtig an." "Ich bin hier falsch." Bei solchen, manchmal nur beiläufig geäußerten Sätzen, werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Erziehungs-, Familien- und Krisenberatung der Diakonie für Bielefeld schnell hellhörig.

Eigentlich sind Trennungs- und Familienprobleme Schwerpunkt der Arbeit. "Aber in der täglichen Beratung werden wir auch immer wieder mit Suizidalität konfrontiert", sagt Leiterin Anne Krüger-Gembus. Sie ist dankbar, dass ihr Team in der Vergangenheit viel Erfahrung und Wissen in diesem Bereich aufbauen konnte.

Von 2006 bis 2013 bot die Diakonie für Bielefeld ein eigenes Krisentelefon für Menschen und Angehörige auch in suizidalen Krisen an, das zwar wegen  Finanzkürzungen aufgegeben werden musste. "Aber die Kompetenz ist geblieben. Unsere Mitarbeiter haben in dieser Zeit gelernt, mit hochkomplexen Krisensituationen umzugehen", sagt Krüger-Gembus. Davon profitiere das 12-köpfige Team bis heute.

Portrait

Anne Krüger-Gembus leitet die Beratungsstellen der Diakonie für Bielefeld.

"So kann ich nicht leben"

Erst vor ein paar Tagen hatte Anne Krüger-Gembus einen Anruf. Eine 41-Jährige ist am Telefon. Sie ist schwanger und verzweifelt, stellt die Beziehung zu ihrem jüngeren Freund in Frage und sagt schließlich: "Es geht nicht mehr so weiter. So kann ich nicht leben." Wieder ein Satz, bei dem Anne Krüger-Gembus sofort wachsam ist. Ob sie es noch eine Nacht aushalte? Am nächsten Morgen kommt die Frau in die Beratungsstelle und schildert all das, was sie belastet: Depressionen, die berufliche Situation, Beziehungsprobleme. Aber im Laufe des Gesprächs wird auch klar: Sie möchte das Kind zur Welt bringen. Und sie möchte leben.

Genau hinhören und offen fragen: Denken Sie darüber nach, sich das Leben zu nehmen? Auch das haben die Beraterinnen und Berater aus der Zeit des Krisentelefons mitgenommen. "Viele Menschen sind dankbar für diese Frage, dann liegt das Thema auf dem Tisch und kann angegangenen werden", ist die Erfahrung von Anne Krüger-Gembus.

Portrait

Elke Schubert-Buik hat vor allem ältere Menschen im Blick, die selbstmordgefährdet sind.

Mehr Aufmerksamkeit für ältere Menschen

Ihre Kollegin Elke Schubert-Buik, Leiterin der offenen Altenhilfe, bestätigt, wie wichtig es ist, Äußerungen und Andeutungen ernst zu nehmen, gerade auch bei älteren Menschen. Denn in dieser Zeit, in der Betroffene – manchmal auch sehr verdeckt - auf ihren Todeswunsch hinweisen und den Experten als ambivalente Phase bezeichnen, gebe es die Chance, dem anderen zu helfen. "Wenn jemand dagegen erst einmal den festen Entschluss gefasst hat, gibt es kaum noch Möglichkeiten, von außen einzugreifen", berichtet die Sozialpädagogin. Und das Tückische sei, dass es den Menschen in dieser Entschlussphase oft scheinbar wieder besser geht.  

In Deutschland nehmen sich etwa 10.000 Menschen jedes Jahr das Leben. Schätzungen zufolge versuchen es rund 100.000. Die Suizidrate steigt dabei mit zunehmendem Lebensalter an. Ältere Menschen ab etwa 70 Jahren, vor allem Männer, sind besonders gefährdet, weiß Elke Schubert-Buick. Sie hat am Projekt "Lebenslinien" der Diakonie RWL mitgewirkt und drei Jahre lang eine aufsuchende Beratung für ältere Menschen in Krisensituationen etabliert, zu Hause oder in Pflegeheimen.

Gebäude

Schönes Gebäude mitten in Bielefeld: Hier sitzt die Evangelische Beratungsstelle für Erziehungs-, Familien- und Krisenberatung.

Probleme nicht klein reden

Das Projekt lief 2014 aus, aber nach wie vor sensibilisiert die 52-jährige Sozialpädagogin Ehrenamtliche und Pflegekräfte in Vorträgen und Fortbildungen für das Thema. Die Gründe, warum ältere Menschen den Lebensmut verlieren, sind vielschichtig: Krankheit und nachlassende körperliche Kräfte, Schmerzen, Autonomieverlust, Einsamkeit, Schulden, eine kleine Rente, das Gefühl der Ausweglosigkeit und der Wunsch, die eigenen Kinder nicht zu belasten. Auch Angehörige und Pflegekräfte kommen hier schnell an ihre Grenzen.

Wichtig sei es, Probleme nicht kleinzureden oder abzutun mit einem "Das wird schon wieder", betont Elke Schubert-Buick. Und Hilfe holen, wenn man alleine überfordert ist. Das Umfeld ansprechen, Freunde und Kontaktpersonen einbeziehen, dazu ermutigt auch Anne Krüger-Gembus Angehörige und Eltern, die fürchten, ihr Kind könne sich etwas antun.

Mädchen schreibt Fragezeichen an die Tafel

An wen kann ich mich wenden, wenn es mir schlecht geht? Auch für Jugendliche sind die Beratungsstellen da. (Copyright: Diakonie für Bielefeld)

Suizidgefährdung durch soziale Medien  

Gerade bei Jugendlichen gebe es durch soziale Medien hohe Nachahmungseffekte. "Eltern sollten gucken, wo die Kinder im Internet unterwegs sind, in emotionalem Kontakt bleiben und mit ihren Kindern und dem Umfeld sprechen, auch wenn das Thema schambesetzt ist", betont Krüger-Gembus.

Ein Netzwerk bilden, mit Experten und Fachstellen in Kontakt sein, das gehört auch in der Erziehungs-, Familien- und Krisenberatung der Diakonie für Bielefeld zur Arbeit dazu. Haben Mitarbeiter den Eindruck, dass Hilfesuchende suizidal sind, zeigen sie Therapiemöglichkeiten auf und vermitteln an Ärzte und Psychiater weiter. "In unserer Beratungsarbeit geht es darum, gemeinsam Schritte zu entwickeln, um das Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen", erläutert Anne Krüger-Gembus. "Im besten Fall erwächst aus der Erfahrung, eine Krise gemeistert zu haben, eine neue Stärke."

Text und Fotos: Silke Tornede

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heike Buschmann
Referent/in

Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung

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Die ökumenische "Woche für das Leben" steht in diesem Jahr unter dem Titel "Leben schützen. Menschen begleiten. Suizide verhindern." Sie findet vom 4. bis 11. Mai statt und wird am Samstag mit einem ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Marktkirche in Hannover eröffnet. Seit 1994 wirbt sie für die Anerkennung der Schutzwürdigkeit und Schutzbedürftigkeit des menschlichen Lebens in allen Phasen. Die Aktion beginnt immer zwei Wochen nach Ostersamstag und dauert sieben Tage.