25. November 2020

Welttag gegen Gewalt an Frauen

Der schwierige Weg ins Frauenhaus

Für Frauen, die häusliche Gewalt erleben, ist es in Zeiten von Corona noch schwieriger, Hilfe zu suchen. Frauenhäuser bekommen während des Lockdowns weniger Anfragen, weil viele Frauen zuhause unter ständiger Beobachtung stehen. Die Folgen der Pandemie werden wohl erst im kommenden Jahr in vollem Ausmaß sichtbar werden, erwarten die Mitarbeiterinnen.

  • Schattenriss einer Frau stemmt sich gegen männliche Faust (Foto:pixabay.de)

Schnell den Hilferuf im Keller absetzen oder beim Einkauf um die Ecke – gehetzt und gestresst klangen die Frauen, die sich während des Lockdowns in diesem Pandemie-Frühjahr bei den Mitarbeiterinnen des Evangelischen Frauenhauses Soest meldeten. "Wir hatten Anrufe, da sagten die Frauen, sie hätten nur fünf ungestörte Minuten", erzählt Leiterin Maike Schöne.

Der Lockdown und die damit oftmals verbundene ständige Anwesenheit gewalttätiger Partner in der Wohnung machten es vielen Frauen schwerer zu entkommen. "Die Zeitfenster, in denen die Frauen flüchten konnten, waren sehr eng." Wer den Weg in ein Frauenhaus fand, bekam dort zum Teil keinen Platz. Bundesweit fehlen rund 13.000 Plätze in den Frauenhäusern. Darauf macht die Diakonie Deutschland am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen aufmerksam.

Maike Schöne, Leiterin des Evangelischen Frauenhauses Soest, sitzt in ihrem Büro. (Foto: privat)

Maike Schöne, Leiterin des Evangelischen Frauenhauses Soest, in ihrem Büro. (Foto: privat)

Alternative Schutzunterkunft eröffnet

In Notfällen können die Mitarbeiterinnen aber über das Frauen-Info-Netz freie Plätze in anderen Einrichtungen finden. Doch im Frühjahr funktionierte auch das teilweise nicht mehr. "Es hat uns erschrocken, dass es Tage gab, an denen gar keine Aufnahmen mehr in Frauenhäusern möglich waren", sagt Schöne. Das Frauenhaus Soest und seine Trägerin, die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen, handelten deshalb und eröffneten zum 1. April eine Alternative Schutzunterkunft in angemieteten Räumen.

Finanziert wurde das viermonatige Projekt vom Kreis Soest. "Das war eine Erleichterung für die Schutzsuchenden, weil es eine Möglichkeit war, erst einmal den akuten Druck rauszunehmen", sagt die Leiterin des Frauenhauses. Während des Lockdowns selbst wurde es allerdings zunächst einmal überraschend ruhig.

Leiterin Karin Bartl vor dem Plakat des Evangelischen Frauenhauses Duisburg

Karin Bartl vor dem Plakat des Evangelischen Frauenhauses Duisburg, das zu den ältesten in Deutschland gehört. (Foto: Christophoruswerk)

Überraschender Leerstand

Ähnliches berichtet die Leiterin des Frauenhauses Duisburg, Karin Bartl. Ab April seien zunächst deutlich weniger Frauen gekommen, erzählt sie. Das Haus in der Trägerschaft des Evangelischen Christophoruswerks verfügt über neun Zimmer mit 22 Plätzen, die in der Regel permanent belegt sind. Während des Lockdowns habe es aber sogar teilweise Leerstände einzelner Apartments gegeben.

Bartl führt das auf die deutlich höheren Hürden für eine Flucht ins Frauenhaus während des Lockdowns zurück. Nicht nur die ständige Anwesenheit und verschärfte Kontrolle durch Partner habe viele Opfer häuslicher Gewalt davon abgehalten, sich zu melden, vermutet sie. Auch die Angst vor einer Ansteckung mit Corona im Frauenhaus sowie bürokratische Hindernisse gehörten dazu. So war es schwierig, Termine bei den Behörden zu bekommen.

Eine Mauer mit buntem Regenbogen, davor Dreiräder im Garten des Ev. Frauenhauses Duisburg (Foto: Damaschke)

Im Frauenhaus Duisburg leben viele Kinder. Nicht selten werden ihre Mütter über Kitas und Schulen auf das Hilfsangebot aufmerksam. (Foto: Sabine Damaschke)

Je mehr Lockerungen, desto mehr Anfragen

Spätestens ab September, nach Ende der Schulferien, ist die Nachfrage aber wieder gestiegen. Denn auch Schulen und Kitas sind Orte, an die sich hilfesuchende Frauen wenden. Zudem hatten Beratungsstellen und andere Einrichtungen wieder geöffnet.

"Je mehr Lockerungen, desto mehr Anfragen", beobachtet Bartl. Umgekehrt sei es mit Beginn des "Lockdown light" Anfang November wieder ruhiger geworden. "Die Welle kam zeitversetzt an", unterstreicht auch ihre Kollegin Schöne. Bis zum 31. August sind in der Alternativen Schutzunterkunft des Soester Frauenhauses zusätzlich neun Frauen mit ihren Kindern aufgenommen worden. Das Frauenhaus selbst hat Plätze für acht Frauen und elf Kinder. Ende August ist die Alternative Schutzunterkunft allerdings wieder geschlossen worden. "Unsere personellen Kapazitäten waren einfach erschöpft", bedauert Schöne.

Frau steht vorm Herd in der Küche des Ev. Frauenhauses Duisburg (Foto: Damaschke)

Kochen in der Gemeinschaftsküche des Frauenhauses Duisburg - die Nachfrage nach Plätzen wird im kommenden Jahr weiter steigen, vermuten Karin Bartl und Maike Schöne. (Foto: Sabine Damaschke)

Späte Folgen häuslicher Gewalt

Dabei sind sich die Frauenhaus-Leiterinnen einig, dass die Folgen der Pandemie noch lange nicht ausgestanden sind. "Das, was sich während des Lockdowns an häuslicher Gewalt abgespielt hat, wird erst später sichtbar werden", warnt Maike Schöne. Auch Karin Bartl rechnet damit, dass das ganz Ausmaß häuslicher Gewalt erst ab 2021 spürbar wird.

Bis dahin haben die Mitarbeiterinnen in den Frauenhäusern alle Hände voll zu tun, Frauen und ihre Kinder unter Corona-Bedingungen zu betreuen. "Corona hat unsere Arbeit stark verändert", sagt Schöne. Es sei schwierig, Frauen bei der Aufnahme Trost zu spenden, wenn man Maske tragen und Abstand halten müsse. "Wir können die Frauen ja nicht mehr in den Arm nehmen oder auch nur einmal die Hand halten."

Blick auf Balkone des Ev. Frauenhauses Duisburg (Foto: Damaschke)

Im Frauenhaus Duisburg gibt es Appartements eigenem Bad.  Ein Glücksfalls in der Pandemie mit den strengen Hygieneregeln. (Foto: Sabine Damaschke)

Herausforderung Hygieneregeln

Auch die Einhaltung der Hygieneregeln stellt das Frauenhaus Soest vor Herausforderungen. Denn Mütter mit ihren Kindern leben in einem Zimmer. Sie teilen sich Gemeinschaftstoiletten und -duschen, Küche und andere Räume mit den übrigen Bewohnerinnen. Frauen, die neu aufgenommen werden, müssen daher zunächst mindestens eine Woche lang in einer ausgelagerten Schutzwohnung untergebracht werden, um Infektionssymptome auszuschließen.

Im Frauenhaus Duisburg leben die Frauen in Appartments mit eigenen kleinen Bad. "Ein glücklicher Umstand", sagt Karin Bartl. Denn so können Frauen, die Krankheitssymptome haben, in Quarantäne gehen. Sie würden dann mit Essen versorgt. In den Fluren des Hauses gilt Maskenpflicht. "Zum Glück hatten wir aber noch keinen Corona-Fall", sagt Bartl.

Auftragen der Lösung auf einen Corona-Schnelltest (Foto: Uwe Stoffels/Ev. Christophoruswerk)

Auch Frauenhäuser wünschen sich Corona-Schnelltests, bekommen sie bislang aber nicht finanziert. (Foto: Uwe Stoffels/Christophoruswerk)

Corona-Schnelltests für Frauenhäuser

Doch viele Frauen haben Außenkontakte. Nach Jahren einer belastenden Kontrolle durch den Partner sei es für viele wichtig, sich mit Freunden oder Verwandten zu treffen, betonen die beiden Frauenhaus-Leiterinnen. "Refinanzierte Corona-Schnelltests wären für unsere Arbeit eine große Erleichterung." Pflegeeinrichtungen können die Tests bereits anschaffen und erhalten dafür einen finanziellen Ausgleich. Schöne hofft, dass auch Frauenhäuser und Beratungsstellen bald diese Möglichkeit bekommen.

Trotz aller Sorgen kann Schöne der aktuellen Situation aber auch gute Seiten abgewinnen. Im November haben drei Frauen plötzlich bei der schwierigen Wohnungssuche Erfolg gehabt. "Es scheint, dass andere Leute im Moment nicht so gerne umziehen." Positiv ist für sie auch, dass das Thema der häuslichen Gewalt gegen Frauen derzeit deutlich mehr Aufmerksamkeit erhält. "Ich hoffe, dieser Effekt verpufft nicht so schnell wieder."

Text: Claudia Rometsch

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ulrike Martin
Referent/in

Gewaltschutz für Frauen und deren Kinder

Kinder- und Jugendschutz

 

, Geschäftsfeld Familie und junge Menschen
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Die häusliche Gewalt in Deutschland nimmt zu - nicht erst seit Corona. Nach der aktuellen Statistik des Bundeskriminalamtes wurden im vergangenen Jahr 141.792 Personen Opfer von Partnergewalt, darunter rund 113.000 Frauen. Laut Bundesfamilienministerium würden 20.000 Plätze in Frauenhäusern benötigt. Die 350 Frauenhäuser in Deutschland bieten aber nur etwa 7.000 Plätze. Zudem können sie in der der Corona-Pandemie aufgrund der notwendigen Hygienevorschriften und Abstandsregeln ein Drittel der Zimmer nicht belegen.

"Der Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt ist keine Privatsache, sondern eine gesellschaftliche, rechtliche und politische Verpflichtung", betont Maria Loheide, Vorständin der Diakonie Deutschland aus Anlass des Welttages gegen Gewalt an Frauen. "Deshalb brauchen die Einrichtungen zum Schutz vor häuslicher Gewalt endlich eine verlässliche staatliche Finanzierung und es müssen ausreichend Plätze zur Verfügung stehen."