24. November 2017

Trauerbegleitung

Mit dem Verlust leben lernen

Der Tod eines Kindes ist das Schlimmste, das Eltern passieren kann. Sabine Waschik fühlte sich wie erstarrt, als ihre Tochter mit 18 Jahren starb. Heute engagiert sie sich als Trauerbegleiterin des Vereins "traurig-mutig-stark" im Evangelischen Kirchenkreis Hattingen-Witten. Dort hilft sie anderen Familien, den Verlust zu bewältigen. 

Sabine Waschik mit dem Engel, den ihre Tochter kurz vor ihrem Tod für sie gebastelt hat

Einen Gedenktag, um sich an ihre Tochter Ina zu erinnern, braucht Sabine Waschik eigentlich nicht. Auch neun Jahre nach Inas Tod vergeht kein Tag, an dem sie nicht an ihre Tochter denkt. "Sie gehört immer noch zu unserer Familie, denn sie hat ja 18 Jahre lang unser Leben geprägt." 

Trotzdem ist der Totensonntag ein wichtiger Tag für die 52-jährige Mutter aus Witten. Denn dann wird in den Kirchen sichtbar, wie viele Menschen einen lieben Angehörigen verloren haben. "Die Trauer bekommt einen öffentlichen Raum, den man ihr im Alltagsleben selten zugesteht", sagt Sabine Waschik.

Als ihre Tochter 2008 starb, fühlte sie sich mit ihrer Trauer alleine, unverstanden, hilflos. "Zwar war uns allen klar, dass Ina mit ihrer schweren Herzerkrankung nicht sehr alt werden würde", erzählt sie. "Aber als sie dann plötzlich gestorben ist, war ich darauf nicht vorbereitet." Wie erstarrt ist sie gewesen, völlig abwesend. "Da war nur noch ein ganz großes Gefühl der Leere."

Hände halten das gerahmte Foto eines Mädchens

Dieses Bild ihrer Tochter mag sie besonders

Stilles Haus, leerer Kalender

Für ihre beiden anderen Kinder Philipp und Kim hat Sabine Waschik funktioniert, das Essen gekocht, das Haus aufgeräumt. Doch die innere Unruhe, die Schlaflosigkeit und die Verzweiflung blieben. "Inas Tod riss eine riesige Lücke in mein Leben, das stark von der Sorge um sie geprägt war", erzählt sie.

Oft musste sie ihre herzkranke Tochter zu Therapien fahren und immer wieder ins Krankenhaus begleiten. Außerdem benötigte Ina als Kind mit Trisomie 21 mehr Unterstützung als ihre anderen Kinder. "Mir kam es so vor, als wenn der Kalender leer wäre, als würde ich nicht mehr gebraucht, denn Philipp und Kim waren mit ihren 16 und 11 Jahren schon sehr selbstständig."

Freunde und die Familie konnten ihr nicht den Trost geben, den Sabine Waschik damals suchte. Ein halbes Jahr nach dem Tod ihrer Tochter beherzigte sie daher den Rat ihres Hausarztes und meldete sich und ihren Mann bei der Verwaisten Elterngruppe des Vereins für Trauerarbeit in Hattingen an. "Es tat mir unheimlich gut, auf Menschen zu treffen, die Ähnliches erlebt hatten und meine Gefühle der Traurigkeit, Wut und Leere verstehen konnten", erzählt sie. Auch wenn der Kummer der anderen Eltern manchmal kaum auszuhalten gewesen sei. 

Frau steht vor Tür mit Schild "geöffnet"

Wo sie selbst Hilfe bekommen hat, hilft sie nun anderen

Nicht in der Trauer verlieren

Die klare Struktur der Treffen half ihr, sich nicht in der Trauer zu verlieren und aufmerksamer für andere zu werden. Jedes Treffen steht unter einem bestimmten Thema. Es gibt einen meditativen Impuls in Form von Texten, Liedern oder Gebeten und eine bestimmte Redezeit für jeden Teilnehmenden.

Seit seiner Gründung vor 18 Jahren arbeitet der Verein mit diesem Konzept. Mit Ausnahme des Trauercafés, das für alle Trauernden offen ist, spielt es in den verschiedenen Gruppen eine zentrale Rolle. Alle setzen sich damit auseinander, wie das Leben mit dem Verstorbenen war, wie sie seinen Tod und die Beerdigung erlebt haben, wo sie ihn nun vermuten, wie ihr Leben ohne den Verstorbenen ist und wie es neu gestalten können.

Bis heute kommen Menschen aus dem ganzen Ruhrgebiet in die Trauergruppen, die der Verein in Witten, Hattingen und Wuppertal anbietet. Dabei arbeitet er eng mit Kirche und Diakonie zusammen. Jedes Jahr entsteht mindestens ein neues Angebot für Verwaiste Eltern, Verwitwete, Kinder und Jugendliche. 

Frau sitzt vor einer Klangschale

Die Klangschale hilft Trauernden, zur Ruhe zu kommen

Von der Teilnehmerin zur Trauerbegleiterin

Nach zwei Jahren fühlte sich Sabine Waschik stark genug, um ihren Weg ohne die Trauergruppe weiterzugehen. Wie viele andere Verwaiste Eltern hatte sie aber den Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun und anderen Menschen zu helfen. Sie ließ sich zur Trauerbegleiterin und Seelsorgerin ausbilden. Heute arbeitet die gelernte Einzelhandelskauffrau ehrenamtlich in dem Verein mit. "Man bekommt so viel an Vertrauen und Dankbarkeit von den Menschen zurück", sagt sie. "Ich kann mir keine schönere Arbeit vorstellen."

Sabine Waschik engagiert sich im einmal wöchentlich stattfindenden Trauercafé, in einer Gruppe für Verwaiste Eltern und im  Zentrum für Kinder- und Jugendarbeit des Vereins. In den bunt gestalteten Räumen, in denen die Pädagogische Leiterin des Zentrums, Annette Wagner, die Kinder- und Jugendgruppen anbietet, führt sie Gespräche mit den Eltern. "Viele sind verunsichert über das Verhalten ihrer Kinder."

Denn Kinder, so erzählt die Trauerbegleiterin, trauern anders als Erwachsene, sind sprunghafter in ihren Emotionen, ziehen sich zurück oder stellen Fragen zum Sterben eines Eltern- oder Geschwisterteils oder zur Beerdigung, mit denen die trauernden Erwachsenen überfordert sind. 

Zwei Frauen vor einem Türschild

Sabine Waschik mit Annette Wagner, Leiterin des Zentrums für Kinder- und Trauerarbeit

Wissen macht stark

"Kinder wollen alles ganz genau wissen", berichtet Annette Wagner. "Deshalb dürfen sie bei uns jede Frage stellen – ob der Mama nach ihrem Tod wirklich die Augen zugeklebt wurden oder wie Papa eigentlich in die Urne passt." 

Mit jedem Kurs geht die Diakonin zum Bestatter – ein Besuch, der viele Eltern beunruhigt. "Frau Waschiks Job ist es, diese Bedenken auszuräumen." Denn Wissen macht stark, so lautet das Motto von Wagners Arbeit. Sie möchte aus traurigen Kindern mutige und starke machen.

Letztlich komme es darauf an, den Verlust eines geliebten Menschen ins Leben zu integrieren, betont Sabine Waschik. Das braucht Zeit. "Man muss mit sich selbst gut umgehen und geduldig sein", sagt sie. Auch nach neun Jahren gibt es noch Augenblicke, in denen der Gedanke an ihre Tochter schmerzt. "Doch heute sehe ich all meine Erinnerungen als einen Schatz an, der Ina in meinem Herzen lebendig hält", sagt sie.

Text und Fotos: Sabine Damaschke, Teaserbild: Thomas Max Müller/pixelio.de

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (4 Stimmen)