2. August 2018

Schwangerschaftsberatung

Die große Angst vor der Armut

Kann ich mir ein Kind überhaupt leisten? Das fragen sich viele Frauen, die in die evangelischen Schwangerenberatungsstellen kommen. Die meisten wissen, was Armut bedeutet oder haben Angst, durch ein Kind in Armut zu geraten. Die Beraterinnen in der Diakonie RWL unterstützen sie, so gut sie können. Doch das deutsche Hilfesystem ist kompliziert, was die Beratungen immer komplexer macht.

Beratungssituation

Erfahrene Beraterin: Regine Wilke arbeitet seit 13 Jahren in der Schwangerenberatungsstelle der Diakonie im Evangelischen Kirchenkreis Wied.

Gerade als Lisa ihren Ausbildungsvertrag unterschrieben hat, merkt sie, dass sie schwanger ist. Ihr Freund hat sie mit den Worten "Das kann nicht sein" einfach stehen gelassen. Die Mutter ist alleinerziehend und selbst berufstätig. Eigentlich würde Lisa das Kind gerne kriegen. Doch sie weiß aus der Erfahrung ihrer Mutter, wie wichtig ein guter Job ist, um nicht in Armut zu geraten. Schafft sie es, Ausbildung und Baby unter einen Hut zu bekommen?

Mit Hilfe von Regine Wilke hat sie es geschafft. Seit 13 Jahren gehört die Sozialarbeiterin zur Schwangerenberatungsstelle des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreis Wied. "Die rechtliche Situation hat sich für werdende Mütter verbessert", sagt sie. Es gibt Mutterschutzregelungen, Elterngeld, die Möglichkeit, eine Ausbildungszeit zu verlängern oder sie in Teilzeit zu absolvieren, Anspruch auf einmalige staatliche Leistungen und Mittel aus der Bundesstiftung Mutter und Kind. "Doch es ist schwierig zu durchschauen, wo es welche Hilfen gibt und wie sie beantragt werden."

Die vier Beraterinnen Heidrun Lechthaler-Trierweiler, Christine Pätzold, Gudrun Zimmermann und Regine Wilke (v.l.) haben ein gutes Netzwerk in Rheinland-Pfalz aufgebaut.

Beratung und praktische Hilfe

Wer sich also trotz einer schwierigen finanziellen Situation für ein Kind entscheidet, braucht viel Unterstützung und ein gutes Netzwerk. An 71 Standorten zwischen Paderborn und Saarbrücken versuchen die 51 evangelischen Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatungsstellen im Bereich der Diakonie RWL den Frauen genau das zu geben. Ihre Beraterinnen helfen nicht nur dabei, eine Entscheidung zu treffen und den Behördendschungel zu durchschauen, sondern organisieren auch praktische Hilfe. Regine Wilke arbeitet mit zehn ehrenamtlichen Familienpaten zusammen. Ein Projekt, das es auch in der Schwangerenberatungsstelle des Diakonischen Werkes des Kirchenkreises Obere Nahe gibt, in dem ihre Kollegin Heidrun Lechthaler-Trierweiler arbeitet.

Gudrun Zimmermann vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchenkreise Trier und Simmern-Trarbach vermittelt im Rahmen des Bundesprojekts "wellcome" ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, die Frauen nach der Geburt ein- bis zweimal pro Woche unterstützen. Und im Diakonischen Werk des Evangelischen Kirchenkreises Koblenz, wo Christine Pätzold in der Schwangerenberatung arbeitet, ist 2014 zudem ein Kinderkaufhaus entstanden, das gebrauchte Kleidung, Babyzubehör und Spielzeug zu fairen Preisen anbietet.

Christine Pätzold steht vor einem Ständer mit Kinderkleidung

Christine Pätzold freut sich, dass direkt neben ihrer Schwangerenberatungssstelle in Koblenz das Kinderkaufhaus liegt.

Einkommen der Frauen entscheidend

Ohne all diese Initiativen und Projekte würde es vielen Müttern deutlich schlechter gehen und die Entscheidung für ein Kind noch schwieriger sein. Darin sind sich die vier Beraterinnen aus Rheinland-Pfalz einig. Ihre Einrichtungen gehören zur Diakonie RWL. Im sogenannten "Südrhein", der auch das Saarland umfasst, gibt es insgesamt acht Beratungsstellen.

Dort zählten die Mitarbeiterinnen 2017 rund 3.000 Beratungsfälle, 17 Prozent mehr als noch 2015. Ein ähnlicher Anstieg ist in allen Einrichtungen, die Mitglied der Diakonie RWL sind, zu beobachten. Die schwierige finanzielle Situation der Mütter sei in 70 Prozent der Fälle Thema der Beratung, erklärt Diakonie RWL-Referentin Mechthild Holländer. In knapp 50 Prozent aller Fälle wurden Mittel aus öffentlichen und privaten Hilfsfonds vermittelt.

"Ohne das Einkommen der Frau kommen viele Familien heute nicht mehr klar", sagt Christine Pätzold. "Ihre Berufstätigkeit ist entscheidend dafür, ob Kinder in Armut aufwachsen oder nicht." Eine Beobachtung, die eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung gerade bestätigt hat. Danach erhöht sich das Armutsrisiko für Familien in Deutschland mit jedem weiteren Kind. 2015 war jedes achte Paar mit einem Kind von Armut bedroht (13 Prozent). Bei Paaren mit zwei Kindern steigt der Wert auf 16 Prozent, bei Paaren mit drei Kindern auf 18 Prozent.

Frau hält weißen Stoffbär im Arm

Kinderfreundlichkeit wird in den Beratungsstellen  groß geschrieben. Der weiße Teddybär gefällt auch Beraterin Heidrun Lechtthaler-Trierweiler.

Ohne soziales Netz wird es schwer

Alleinerziehende Eltern weisen sogar eine Armutsrisikoquote von 68 Prozent auf. Als "arm" gelten Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt. "Die Angst, durch ein Kind sozial abzurutschen, hat deutlich zugenommen", meint Heidrun Lechthaler-Trierweiler.

Zwar gibt der deutsche Staat jährlich rund 200 Milliarden Euro für familienpolitische Leistungen aus. Doch bei denen, die wenig haben, kommt davon kaum etwas an. Denn von steuerlichen Erleichterungen haben diejenigen, die wenig verdienen, nichts. Das Kindergeld wird vollständig auf den Hartz IV-Satz angerechnet. Beim Elterngeld erhalten nur Eltern, die vor der Geburt gearbeitet haben, einen Freibetrag. Flexible Arbeitszeiten erfordern eine flexible Kinderbetreuung. Doch die kostet. "Frauen, denen die Unterstützung durch ihre Familie oder ein gutes soziales Netz fehlt, haben es schwer."

Portrait

Christine Pätzold wird oft um Hilfe bei der Suche nach einer größeren Wohnung gebeten.

Wohnungsnot bereitet Sorgen

Hinzu kommt noch die schwierige Situation auf dem Wohnungsmarkt. "Fast täglich bitten mich Frauen darum, ihnen dabei zu helfen, eine neue Wohnung zu finden", erzählt Christine Pätzold. "Doch da können wir als Beraterinnen leider wenig machen."

Für eine andere Verbesserung kämpfen sie schon seit Jahren: kostenlose Verhütungsmittel. Seit 2005 erhalten Frauen, die Hartz IV beziehen, die Anti-Baby-Pille nicht mehr kostenlos auf Rezept. Wer sie nicht verträgt und andere Verhütungsmittel wie eine Spirale braucht, muss erst recht tief in die Tasche greifen.

Portait

Wo bekomme ich welche Hilfen? Gudrun Zimmermann kann mit vielen Informationen dienen. Kostenlose Verhütungsmittel gehören leider nicht dazu. 

Verhütung - eine Sache des Geldes?

"Verhütung darf nicht am Geld scheitern", betont Gudrun Zimmermann. Zwar hat der Bundesrat 2017 eine Initiative zur Kostenübernahme von Verhütungsmitteln bei Geringverdienern gestartet und die Bundesregierung um die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes gebeten. Doch dieser liegt bis heute nicht vor.

Um Kinder- und Familienarmut zu beseitigen, müsste an vielen Stellschrauben gedreht werden, meinen die Beraterinnen. "Wir brauchen eine große Reform der Leistungen zur Familienförderung, die die vielen Einzelleistungen zusammenführt und auch bei armen Familien ankommt", meint Regine Wilke. "Denn dass sich Frauen aus Angst vor Armut gegen ein Kind entscheiden, sollte es in einem reichen Land wie Deutschland nicht geben."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
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